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Aus der Stadt Bedürftige stehen vor Zahnmobil Schlange
Hannover Aus der Stadt Bedürftige stehen vor Zahnmobil Schlange
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09:21 02.08.2012
„Schon 40 Zähne gezogen“: Erwin Jordan (li.) informiert sich bei Dieter Hoffmann. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Seitdem die rollende Zahnarztpraxis des Diakonischen Werks Mitte April ihre Arbeit aufgenommen hat, suchten bis Ende Juni schon 114 Menschen Hilfe bei den ehrenamtlich tätigen Zahnärzten. Allein im Juli kamen 50 Patienten. Gestern informierte sich Erwin Jordan, Sozialdezernent der Region Hannover, über das ungewöhnliche Einsatzfahrzeug.

An diesem Mittwochmorgen steht die Zahnarztambulanz vor dem Kontaktladen „Mecki“ in der Passerelle. Kaum, dass der diensthabende Zahnarzt, Dieter Hoffmann, die mobile Praxis eröffnet hat, sitzt bereits ein Patient auf dem Behandlungsstuhl. Davor wartet Zbigniew B. Der 47-Jährige kommt zum dritten Mal hierher. „Alles kaputt“, sagt er und zeigt auf seinen Mund. Zwei Zähne seien ihm hier schon gezogen worden, er bräuchte unbedingt eine Brücke. Das Lächeln fällt ihm schwer, dabei lächelt er gerne. Aber alle vorderen Schneidezähne fehlen. Weil er seine Arbeit verloren hat, kann er auch keine Versichertenkarte vorlegen. Damit gehört Zbigniew B. zu den 40 Prozent Patienten der rollenden Praxis ohne Krankenversicherung.

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Jeweils mittwochs und freitags macht das Zahnmobil Station vor hannoverschen Wohnungsloseneinrichtungen. Pro Tag wird jeweils vormittags und nachmittags ein Treffpunkt angefahren. Die zurzeit 21 Zahnärzte und die Zahnarzthelferin, die einen Teilzeitvertrag hat, sind während der je dreistündigen Sprechzeiten an Bord gut ausgelastet. „Die Zähne unserer meisten Patienten sind in einem katastrophalen Zustand“, sagt Dieter Hoffmann. Von zehn Zähnen seien fünf völlig zerstört, erzählt der 69-jährige Zahnarzt im Ruhestand. 40 Zähne hätten er und seine Kollegen seit Mitte April schon ziehen müssen.

Die meisten Behandlungen beträfen defekte Füllungen und Zahnfleischerkrankungen. Er freue sich aber über das Vertrauen, das ihm die Patienten - 77 Prozent Männer, 23 Prozent Frauen - entgegenbrächten. „Die meisten kommen wieder.“ Problematischer sei die Versorgung mit Zahnersatz vor allem für Patienten ohne Versichertenkarte. „Wir setzen hier auf die Solidarität der Zahnlabors, dass sie uns Rabatt gewähren.“ Einige Patienten hätten auch schon überzeugt werden können, in eine reguläre Zahnarztpraxis zu wechseln. Das ist das langfristige Ziel dieses niedrigschwelligen Angebots.

„Wann fahren Sie Einrichtungen außerhalb Hannovers an?“, will Sozialdezernent Jordan von den beiden Initiatoren des Zahnmobils, Ingeburg und Werner Mannherz, wissen. Er habe schon Anfragen aus Neustadt, Wunstorf und Burgdorf erhalten. Mit 5000 Euro bezuschusst die Region die mobile Einrichtung in diesem Jahr. „Bisher scheitert die Ausweitung unserer Arbeit an fehlenden Ärzten“, sagt Werner Mannherz, der wie seine Frau Ingeburg bei jeder Einsatzfahrt dabei ist. „Wenn mehr Spenden eingingen, könnten wir vielleicht einen Zahnarzt in Teilzeit beschäftigen“, schlägt er vor. Das Betteln um Spenden und Material ist der ehemalige Ingenieur gewohnt.

Das Zahnmobil „Hilfe mit Biss“ stellt sich am 29. September beim „Tag der Zahngesundheit“ auf dem Platz der Weltausstellung vor. Weitere Informationen im Internet unter www.zahnmobil-hannover.de.

Heike Schmidt 02.08.2012
Gunnar Menkens 05.08.2012
Bärbel Hilbig 02.08.2012