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Aus der Stadt Beginenturm öffnet wieder für Besucher
Hannover Aus der Stadt Beginenturm öffnet wieder für Besucher
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00:20 28.06.2014
Von Simon Benne
Turm mit Aussicht: Hoch erhebt sich das Bollwerk über der Leine Quelle: Hagemann
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Hannover

Der Wind weht kräftig hier oben. Thomas Schwark lässt den Blick über die Dächer der Altstadt schweifen. „Genau hier war Hannover einst zuende“, sagt er. Dort drüben, auf der anderen Seite der Leine, erhob sich damals die Burg Lauenrode. Der trutzige Beginenturm, auf dessen Aussichtsplattform der Direktor des Historischen Museums jetzt steht, wurde 1357 als Bollwerk gegen die Festung des Landesherrn errichtet. Der Turm war ein Stück steingewordenes Selbstbewusstsein der aufstrebenden Stadt. „Hier“, sagt Schwark und weist auf Zierschnörkel in einem Fensterbogen: „Solcher Schmuck findet sich an Wehrbauten selten – offenbar wollten die Bürger dem Herzog zeigen, dass sie sich so etwas leisten können.“

Vor sieben Jahren hat Schwarks Museum den Turm übernommen, der zuletzt als Kneipe genutzt worden war. Seither wurde dieser erforscht und umgebaut. Pläne, hier eine „Erlebniswelt Mittelalter“ mit Folterinstrumenten und Heiligenfiguren einzurichten, zerschlugen sich – ebenso wie das Vorhaben, den Turm mit einer stählernen Brücke ans Museum anzubinden. Jetzt jedoch ist der Umbau abgeschlossen. Am Wochenende wird der Beginenturm wiedereröffnet, mit Führungen und einem großen Mittelalterspektakel.

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Der Beginenturm am Historischen Museum wird nach sieben Jahren wieder eröffnet. Ein Rundgang durch das mittelalterliche Gebäude.

Rund 500.000 Euro hat der Umbau gekostet. Neben der Stadt und diversen Stiftungen konnten Sponsoren für 657 Euro – die Zahl entspricht dem Alter des Turms – symbolisch Treppenstufen kaufen. Großeltern erwarben Stufen für ihre Enkel, eine Frau beschenkte ihren Mann zur Silberhochzeit damit: Sie hatten sich einst auf den Stufen der Turmtreppe kennen gelernt. Insgesamt kamen so mehr als 30.000 Euro zusammen. „Viele Hannoveraner haben gesagt: Das ist unser Turm, wir identifizieren uns mit ihm“, sagt Schwark. „Ganz wie 1357 steht er also für stadtbürgerliches Selbstbewusstsein.“ Man könnte auch sagen: Seine Wiedereröffnung ist im royalen Trubel rund ums 300. Jubiläum der Personalunion ein bürgerlicher Kontrapunkt.

Beim Umbau wurden Zwischendecken abgetragen, Treppen erneuert, Kneipentoiletten herausgerissen und stählerne Türen und Handläufe eingebaut. Im Erdgeschoss gibt nun eine 3D-Animation Einblicke in die Stadtgeschichte. Die Museumspädagogen können den Turm für Kindergeburtstage nutzen. Angedacht sind außerdem kleinere Ausstellungen, etwa über die Beginen, jene Gemeinschaft frommer Frauen, in deren Garten der Turm einst gebaut wurde. Bislang jedoch wirken die vier Geschosse auf den ersten Blick vor allem leer und kahl. „Der Turm ist ja in erster Linie selbst ein Exponat“, sagt Schwark. „Er ist eine einzigartige Quelle zum hannoverschen Mittelalter.“

Tatsächlich können Experten in den Versprüngen und Löchern der teils drei Meter dicken Mauern lesen wie in einem Buch. „Das Backsteingewölbe über dem Erdgeschoss stammt aus dem 16. Jahrhundert“, sagt der Bauhistoriker Sid Auffarth vom Freundeskreis des Museums. „Durch das runde ,Angstloch’ wurden damals Gefangene in den Kerker herabgelassen.“ Eisenringe in der Fassade zeugen noch von den Fensterläden, die sich einst zum Schutz vor Geschossen zuklappen ließen. Und in den Wänden eines Erkers lässt sich noch erkennen, wo einst Prellhölzer als Auflagen für Feuerwaffen eingelassen waren.

Einst war der Trutzbau mit den schmalen Treppen und den dicken Mauern aus Lindener Kalkstein der wohl mächtigste von insgesamt 35 Türmen in der Stadtmauer. Zur Altstadt hin war der sogenannte Schalenturm ursprünglich offen – mit geübtem Auge lässt sich an der Fassade noch erkennen, wo er später zugemauert wurde. Als dann auf dem anderen Ufer der Leine die Calenberger Neustadt entstand, wurde der Beginenturm als Wehrbau überflüssig: „1734 wurde ein Zugang vom Hohen Ufer aus in die Mauer gebrochen“, sagt Museumsdirektor Schwark. „Der Turm wurde nun als Brennstofflager fürs Hospital genutzt.“

Im Rahmen von Führungen soll der Turm künftig zu besichtigen sein – der Brandschutz verlangt allerdings, dass sich jeweils nur zwölf Personen im Turm aufhalten dürfen. Die Besuchergruppen erfahren dann auch, was in jüngerer Zeit mit dem Bau geschah: Rote Verfärbungen im Sandstein erinnern bis heute ans Feuer der Bombennacht von 1943. Nach dem Krieg wurde er zum Wohngebäude umfunktioniert; unter anderem hatte hier der Bildhauer Kurt Hoffmeister sein Atelier.

Knast, Künstlerdomizil und Kneipe war der einstige Trutzturm also schon, jetzt ist er ein begehbares Museumsstück. Man darf gespannt sein, was die Geschichte noch für ihn in petto hat.

Spektakel zur 
Eröffnung

Am Freitagabend wird Oberbürgermeister Stefan Schostok den Beginenturm bei einer Feier mit geladenen Gästen offiziell wieder eröffnen.

Am Wochenende steht dann ein großes Mittelalterspektakel zur Turmeröffnung an. Am Sonnabend gibt es von 10 bis 18 Uhr im Halbstundentakt Turmführungen, am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Limitierte Tickets dazu werden für zwei Euro im Museum ausgegeben. Parallel dazu zeigen Buchbinder und Seiler im Museum mittelalterliche Handwerkskunst. Die Gruppe Ferrum Ferox stellt mittelalterliche Heilmethoden vor und lädt zum Bogenschießen, zu Lanzenstechen und Schwertkampf ein. Außerdem gibt es Bastelangebote für Kinder und eine mittelalterliche Modenschau, die am Sonntag um 12, 14 und 16 Uhr zu sehen ist.

Bis zum Jahresende kann der Beginenturm jeweils sonntags besichtigt werden – im Rahmen von Führungen, die jeweils stündlich von 11 bis 15 Uhr beginnen. Der Preis liegt bei drei Euro. Es sind auch Gruppenführungen nach Anmeldungen unter (0511) 16843986 möglich.

Ein mechatronisches 3D-Modell erklärt den Turm

Wie erklärt man Geschichte und Funktion eines fast 700 Jahre alten Turms – und das auf engem Raum? Die hannoversche Designerin Anke Masuch hat ein mechatronisches, dreidimensionales Modell entwickelt, das die Epochen des Turms und seiner Umgebung eindrucksvoll demonstriert. Es ist in einer Nische im Erdgeschoss installiert. An einer Art Kontrolltisch kann der Nutzer mit einem Knauf einen Zeitstrahl bedienen, der anhand von zwölf Epochen die wichtigsten historischen Phasen der Turmgeschichte abbildet.

Ein Miniaturmodell des Turms dreht sich dabei auf dem Tisch und zeigt die jeweils für die Epoche wichtige Seite. Auf einem Bildschirm hinter dem Turm verwandelt sich zudem die Umgebung des Bauwerks, und darüber wird in wenigen Sätzen erklärt, was zum jeweiligen Zeitpunkt gerade wichtig in der Turm- und Stadtgeschichte war. „Der Anspruch war, dem Besucher leicht zugängliche wie hoch informative Möglichkeiten zu geben, selbst durch die Geschichte des Turms zu reisen“, sagt Designerin Masuch von der Agentur Visionate Interactive Interiors. Am Wochenende darf das innovative Zeitgeschichtsmodell erstmals von Besuchern im Beginenturm ausprobiert werden.

med

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