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Aus der Stadt An die Arbeit!
Hannover Aus der Stadt An die Arbeit!
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22:16 14.04.2014
Von Bärbel Hilbig
Stefan Wolpers nimmt im Dienstleistungscenter des Annastifts Aufträge entgegen. Häufig lassen Studenten dort ihre Arbeiten binden. Quelle: Küstner
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Hannover

„Es ist weiter schwierig, als behinderter Mensch auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen“, sagt Mitinitiatorin Ute Wrede, selbst Architektin und Mutter einer behinderten Tochter. Aus Sicht der Eltern sind jedoch viele Arbeitsbereiche für Menschen mit Handicaps vorstellbar. Drei rührige Vereine von Eltern behinderter Kinder wollen nun mit ihrem Projekt einen Anstoß geben und reguläre feste Arbeitsplätze schaffen. Zugleich kann die Tätigkeit Behinderter gerade im Dienstleistungssektor eine Signalfunktion haben, denn dort nehmen Nichtbehinderte sie wahr.
Vorbilder in anderen Städten gibt es bereits reichlich. Im Verbund der
Embrace-Hotels haben sich 39 Häuser in Deutschland zusammengeschlossen, in denen gemischte Belegschaften Gäste empfangen, Zimmer reinigen oder das Frühstücksbüfett ausrichten. Mit vier weiteren Hotels in europäischen Ländern kommt der Verbund auf rund 1300 Mitarbeiter. Als Betreiber treten meist kirchliche und soziale Einrichtungen oder Elternvereine auf. Ein nahe gelegenes Beispiel: In Celle und am Kloster Wienhausen führt die Lebenshilfe Celle zwei Hotels. Das erste Haus dieser Art, das Stadthaushotel Hamburg, besteht bereits seit 20 Jahren. Gezahlt werden Tarifgehälter.

„Wir müssen eine marktfähige Leistung bringen, und die Betriebe tragen sich auch“, sagt Martin Bünk, Vorstand des gemeinnützigen Embrace-Vereins. Bünk, selbst Hotelbetriebswirt, berät nun nebenberuflich die Initiative in Hannover bei der Konzeptentwicklung. Gibt es am Standort Nachfrage nach dem, was ein Embrace-Hotel bieten kann? Was müsste umgekehrt ein neues Hotel leisten, um hier eine Marktnische zu finden? „Es geht auch darum, die Bedingungen so zu gestalten, dass die Mitarbeiter die Arbeit schaffen können“, erläutert Bünk. In manchen der Hotels arbeiten zum Beispiel Menschen mit Down-Syndrom im Service. Doch das Konzept hat seine Grenzen, betont der Fachmann. „Wir können keine Sterne-Restaurants oder ähnliches anbieten, das hochaktive Tätigkeit erfordert.“
Die Wirtschaftsförderung der Stadt begleitet das Projekt und hat der Initiative ein städtisches Grundstück im Wissenschaftspark Marienwerder zur Prüfung angeboten. Dort fehlt bisher Gastronomie, und es gibt offenbar auch Bedarf für ein Boardinghaus, in dem die umliegenden Firmen und Forschungseinrichtungen auswärtige Wissenschaftler und Fachleute für einige Monate unterbringen können. Ute Wrede und ihr Partner Ekkehard Stückemann haben in ihrem Architekturbüro für den Standort einen Vorentwurf für ein 60- bis 80-Betten-Haus angefertigt. Direkt am Grundstück liegt ein Hochbahnsteig der Stadtbahnlinie 4, die auf ihrem Weg in die City auch Herrenhausen streift und ein solches Hotel für Touristen mit und ohne Behinderung attraktiv machen könnte. Sollte die Wirtschaftlichkeitsprüfung positiv ausfallen, will die Initiative Investoren und Betreiber suchen.

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Behinderte wollen im Beruf sichtbar werden – Elternvereine werben für Hotels und Cafés mit gemischter  Belegschaft und suchen dafür Investoren.

Die Vereine Eine Schule für Alle, Mittendrin Hannover und Down-SyndromHannover haben sich bisher stark für die Teilhabe von Kindern mit unterschiedlichen Voraussetzungen in Kita und Schule eingesetzt. Das Hotelprojekt geht nun einen Schritt weiter.
Auch in den Hannoverschen Werkstätten gibt es Überlegungen, echte Arbeitsplätze für Behinderte zu schaffen. Bisher beschäftigt die Einrichtung 1050 Mitarbeiter mit Handicap, die für ihre Tätigkeit einen „Anerkennungsbetrag“ bekommen. „Sie brauchen Unterstützung und werden von unseren Anleitern an den Arbeitsprozess herangeführt“, sagt Geschäftsführerin Vera Neugebauer. Die Werkstätten liefern zum Beispiel Mittagessen in Kantinen, betreiben Bäckerei und Fleischerei.
Die Hannoverschen Werkstätten prüfen aktuell, einen sogenannten Integrationsbetrieb auf dem ersten Arbeitsmarkt aufzubauen. „Aber einfach ist das nicht. So ein Betrieb muss wirtschaftlich arbeiten und Gewinne erzielen. Viele schaffen das nach dem Ablauf der Anschubförderung nicht“, sagt Neugebauer. Sie denkt dabei an einen Supermarkt. Ein Modell für dieses Projekt gibt es bereits: Bundesweit arbeiten mehr als hundert CAP-Märkte mit unterschiedlichen Trägern und gemischter Belegschaft. Doch zunächst werden die Hannoverschen Werkstätten ein Café mit Mittagstisch im neuen Gebäude der Volkshochschule am Hohen Ufer eröffnen. Die Gastronomie wird kein Integrationsbetrieb, sondern eine Außengruppe der Behindertenwerkstätten.

Unter den Auszubildenden im Postpoint und Copyshop an der Expo-Plaza kommt die Idee von Hotels und Cafés mit Behinderten im Service gut an. Die jungen Leute, die dort im Dienstleistungs­center des Annastifts unterschiedliche Berufe in Büro und Handel erlernen, haben selbst alle ein Handicap. „Solche Betriebe fehlen. Dort könnten Nichtbehinderte sehen, dass wir normale Menschen sind, nur eben mit Beeinträchtigung“, sagt Kathrin Liere.
Die 23-Jährige, selbst herzkrank und halbseitig gelähmt, hat einen Beruf mit verringertem Theorieanteil gewählt, wie es ihn in vielen Branchen gibt. „Damit könnten teure Fachkräfte von einfachen Arbeiten entlastet werden“, sagt Peter Elson, Leiter des Berufsbildungswerks des Annastifts. Von den rund 350 Behinderten, die das Berufsbildungswerk ausbildet, lernt die Hälfte einen dieser speziellen Berufe wie Verkaufshelfer oder Metallbearbeiter. Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen aber vor allem die anderen Ausbildungsgänge. „Je anspruchsvoller ein Beruf, desto besser gelingt die Eingliederung“, sagt Elson. Von den IT-Systemelektronikern und technischen Produktdesignern, die am Annastift lernen, finden rund 80 Prozent im ersten halben Jahr nach der Ausbildung eine Stelle.
Das Annastift setzt deshalb seit einiger Zeit auf eine verzahnte Ausbildung, in der die jungen Behinderten möglichst viel Zeit in einer normalen Firma lernen. „Das baut Hemmschwellen ab. Wir vermitteln dafür jedem Betrieb ganz individuell den passenden Auszubildenden“, sagt Volker Schröder, Leiter des Dienstleistungscenters. Dass jetzt viel über Inklusion diskutiert wird, helfe dabei enorm.

Wohnen und Arbeiten

Elternvereine und Architekten bemühen sich um weitere Projekte, in denen Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam arbeiten oder wohnen.

• Café: Der Verein Eine Schule für Alle hat bei der Stadt ein barrierefreies Café am Stöckener Friedhof angeregt, das als inklusiver Betrieb mit behinderten und nichtbehinderten Mitarbeitern laufen soll. Eine frühere Aufbahrungshalle im historischen denkmalgeschützten Eingangsgebäude steht leer. In die schöne dreischiffige Halle kann zwar keine Küche eingebaut werden, bei Trauerfeiern könnte aber ein Caterer Speisen liefern. Es gibt offenbar bereits mögliche Betreiber, die Interesse an dem Projekt angemeldet haben. Zielgruppe für das Café sind Friedhofsbesucher, Spaziergänger, aber auch Vereine aus dem Stadtteil.

• Wohnprojekt: Das Architekturbüro Wrede Stückemann hat für eine Bietergemeinschaft ein Konzept rund um die ehemalige Corvinuskirche in Stöcken entwickelt. Bestehende Gebäude und Neubauten auf dem Grundstück formen in dem Konzept eine Wohnanlage für insgesamt rund 50 Menschen. Ein diakonischer Träger möchte dort erwachsenen Behinderten, die nicht allein in einer Wohnung leben können, Unterstützung bieten. Das Pfarrhaus auf dem Gelände könnte für Familien umgebaut werden. An dem Kirchengebäude selbst hat ein Bildungsträger Interesse bekundet, der als Teil der Bietergemeinschaft auftritt. Der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken liegen aber wohl noch weitere Angebote für die entwidmete Corvinuskirche vor.

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