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Aus der Stadt Bei Netrada wächst das Risiko
Hannover Aus der Stadt Bei Netrada wächst das Risiko
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22:01 10.10.2013
Beeindruckend: Die neue Logistikhalle am Kronsberg soll 2014 bezugsfertig sein. Im Hintergrund das Messehochhaus. Quelle: Thomas
Hannover

Für Frank Podschadly sind die Vorgänge rund um das Logistikunternehmen Netrada „der Super-GAU“. Er gehört zwar nicht zu den rund 2400 Netrada-Beschäftigten in der Region, die sich angesichts der jüngsten Nachrichten von der Insolvenz des Unternehmens Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz machen. Aber Podschadly hat sein Haus in der Nähe der großen Logistikhalle, die Netrada gerade am Kronsberg baut. Und als kritischer Anlieger kämpft er seit Jahren in der örtlichen Bürgerinitiative gegen die Großansiedlung am Südrand seines Wohngebiets. „Die Stadt hat öffentlich immer Nebelkerzen geworfen, aber offenbar nie wirklich geprüft, mit wem sie sich da einlässt“, schimpft Podschadly. „Jetzt haben wir ein riesiges bebautes Gelände – aber ob Netrada da wirklich einzieht, ist völlig unklar.“ Er fürchtet, dass alle Zugeständnisse von Netrada bezüglich Verkehr, Licht und Lärm hinfällig sein könnten, wenn nun doch ein anderer Nutzer die Halle übernimmt.

Tatsächlich soll heute für die Hauptfirma von Netrada Insolvenzantrag gestellt werden, nachdem das gestern für die Muttergesellschaft passiert ist. Netrada ist ein Rundumdienstleister für das Internetgeschäft der Modeindustrie: Man erstellt und betreibt Websites für Anbieter wie Esprit, Tommy Hilfiger, Tamaris, Hugo Boss, C&A und andere, schickt aus den riesigen Lagern rund um Hannover die Bestellungen raus und nimmt die Retouren zurück. Dieses Geschäft gilt als lukrativ.

Der E-Commerce-Spezialist Netrada ist in finanzielle Bedrängnis geraten. Derzeit baut das Unternehmen am Kronsberg für 50 Millionen Euro eine neue Halle.

Offenbar gibt es jetzt aber erhebliche Liquiditätsprobleme. Von einer Heuschrecke, die ihr Kapital überraschend aus dem Unternehmen abziehe, war gestern die Rede, nachdem die HAZ am Donnerstag über den Vorgang berichtet hatte. Hinter Netrada steht seit einigen Jahren die internationale Investorengesellschaft Apax. Angeblich will sie sich aus dem Gesellschaftsgeflecht rausziehen, ohne zugesagte Finanzverpflichtungen einzuhalten.

Über die genauen Ursachen der Insolvenzmeldung waren gestern weder Stadtspitze noch Wirtschaftsministerium oder  Staatskanzlei informiert. Man sei „in Gesprächen“, teilte die Stadt mit, Netrada habe die Wirtschaftsdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette „über das Insolvenzverfahren der Netrada Holding informiert“. Im niedersächsischen Wirtschaftsministerium berichtet Sprecher Christian Budde, dass man das Unternehmen um ein Gespräch gebeten habe. Auch Regions-Wirtschaftsdezernent Ulf-Birger Franz gibt sich noch relativ entspannt. Zwar sei Netrada „allein wegen der Beschäftigtenzahl sicherlich ein wichtiges Unternehmen“, jetzt aber sei zunächst abzuwarten, was der Insolvenzverwalter ermittelt. Dabei könnte die Region im Fall eines finanziellen Engpasses durchaus helfen. Bevor Netrada sich 2012 für den Neubau der Großhalle am Kronsberg entschied, wollte man in Garbsen auf einer Fläche an der Burgstraße bauen. Das 70 000 Quadratmeter große, schnell erschließbare Areal liegt jetzt brach – während die Region händeringend nach freien Logistikflächen sucht. Ob man da einspringen mag, will Dezernent Franz nicht sagen: „Wir sind bereit zu unterstützen, wenn es nötig ist – aber im Moment ist doch alles Spekulation.“

Akut Sorgen machen muss sich vor allem die Stadt Hannover. Sie bekommt noch viel Geld von Netrada. Stadtsprecher Dennis Dix bestätigte gestern HAZ-Informationen, denen zufolge das Neubaugrundstück am Kronsberg noch gar nicht bezahlt ist: „Für die Zahlung sind drei Raten vereinbart, die dritte steht noch aus.“ Dem Vernehmen nach muss die letzte Tranche 2014 fließen. Da aber inzwischen nicht mehr Netrada selbst der Vertragspartner für das Grundstücksgeschäft ist, sondern der Logistikentwickler Verdion, an dem Netrada nur mit Minderheit beteiligt ist, könnte das Geld trotz Insolvenz fließen.

Wer steckt hinter Netrada?

Sven Heyrowsky hatte das richtige Händchen, als er 1997 den Logistikdienstleister Heycom gründete. Das Unternehmen wuchs schnell, auch nachdem er es 2007 an den Callcenter-Betreiber D+S verkauft hatte. Wiederum zwei Jahre später wurde D+S selbst geschluckt – vom Finanzinvestor Apax. Die Briten gehören zu den Großen der Branche. Apax Partners sammelt Kapital in eigenen Fonds, die jeweils mehrere Milliarden Euro umfassen. Geldgeber sind meist andere Investmentfonds. Apax übernimmt die Geldanlage und managt die Beteiligungen. Das deutsche Team sitzt in München.

Doch D+S erwies sich schnell als Problemfall, dessen einziger Wert in der Heycom bestand. Auf andere Teile des Geschäfts mussten mehr als 50 Millionen Euro abgeschrieben werden. Die Netrada Holding GmbH in Hamburg, in der Apax das Geschäft zusammengefasst hat, machte 2010 und 2011 bereits Verluste. Es war schon eine Kapitalerhöhung nötig, das US-Geschäft wurde verkauft. Für 2012 liegt kein Jahresabschluss vor. Das eigentliche Geschäft soll gut gelaufen sein, heißt es in der Branche. Das Modell, Textilmarken die komplette Logistik abzunehmen, funktioniere, „die sind extrem gewachsen“. Das sei wohl auch das Problem: Bei starkem Wachstum bauen sich oft Forderungen gegen Kunden auf, während die Auftraggeber pünktlich Geld sehen wollen. Dazwischen sitzt der Logistiker und hat ein Liquiditätsproblem.

Zwar könnte Apax das problemlos lösen, will aber offenbar nicht mehr. Deshalb sei die Insolvenz diverser Tochtergesellschaften eine Frage der Zeit, sagen Unternehmenskenner. Sie sind aber sicher, dass sich in der Insolvenz Investoren für den Neustart finden.

stw

Und so kommt es, dass auch die Ratspolitik derzeit noch verhalten mit dem Thema umgeht. Dezernentin Tegtmeyer-Dette, bis zur heute anstehenden Amtseinführung des neuen Oberbürgermeisters auch Verwaltungschefin, hat gestern in vertraulicher Runde die Fraktionsspitzen informiert. Von einer „verfehlten rot-grünen Wirtschaftspolitik“ spricht danach CDU-Fraktionschef Jens Seidel. Schließlich habe die Stadt für das Grundstück am Kronsberg ursprünglich den Versandhändler Amazon am Haken gehabt, ihm dann aber brüsk abgesagt, nachdem er die Stadt hingehalten hatte. „Mit Amazon hätte man dieses Problem wohl nicht gehabt“, sagt Seidel, betont aber: „Wir alle dürfen jetzt keine Insolvenz von Netrada herbeireden.“ FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke ist zuversichtlich, dass im Falle einer Netrada-Pleite andere Nutzer für die Halle gefunden werden: „Logistikflächen sind derzeit schließlich gefragt.“ Genauso wie Freya Markowis von den Grünen sagt er aber auch: „Wenn der Bau von jemand anderem übernommen wird, dann müssen wir sicherstellen, dass die Vereinbarungen etwa zum Verkehrskonzept Bestand haben.“ SPD-Ratsfraktionsvize Thomas Hermann fordert Stadtspitze und Landesregierung auf, „das Insolvenzverfahren positiv zu begleiten und so den Fortbestand des Unternehmens und die damit verbundenen Arbeitsplätze zu sichern“.

Anwohner-Sprecher Podschadly ist das alles zu „weichgespült“. Er sagt: „Die Übeltäter sind weg. Stephan Weil ist jetzt Ministerpräsident, Hans Mönninghoff im Ruhestand.“ Er will Weil einen Brief schreiben und auf die Sorgen der Anlieger hinweisen – und dem neuen Oberbürgermeister Stefan Schostok auch. „Der soll wissen, worum es hier geht.“

Zuversicht in Garbsen: Am Standort der Netrada-Zentrale in Garbsen zeigt sich die Stadtspitze noch wenig besorgt um den Standort. Eine Schließung wäre zwar ein „herber Verlust für Garbsen, weil Netrada Europe hier sehr viele Arbeitskräfte bindet“, sagt der Erste Stadtrat Heinz Landers. „Aber das Geschäft boomt offenbar noch immer. Und falls die Tochter Netrada Europe mit ihrem Internethandel verkauft werden sollte, wird sich sicher sehr schnell ein Interessent finden, der das Unternehmen weiterführt“, sagt  Landers.

„Kein Grund für Dramatik“

Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hannover (IHK) im Interview mit HAZ-Redakteur Conrad von Meding.

Herr Schrage, als Hannover 2012 überraschend Amazon eine Absage erteilt hat und stattdessen lieber Netrada das Grundstück gegeben hat, da haben Sie das im HAZ-Interview gelobt. Sie sagten, Sie hielten es „für eine gute Lösung im Rahmen der regionalen Bestandspflege, dass Netrada als ein wirtschaftlich sehr gut aufgestelltes Unternehmen den Zuschlag für diese Fläche erhalten soll“. Gilt diese Einschätzung heute noch?
Grundsätzlich gilt heute genauso wie vor einem Jahr, dass Netrada eine rege Firma mit guten Umsatzzuwächsen ist. Wenn eine Kommune die Entscheidung zu fällen hat, wem sie ein wichtiges Grundstück gibt, dann halte ich es auf jeden Fall für richtig, dem regionalen Unternehmen mit konkretem Projektplan den Zuschlag zu geben.

Die Insolvenzmeldung ändert das nicht?
Wir haben im Augenblick ja keine gesicherten Erkenntnisse, wo die Gründe fürs eingeleitete Insolvenzverfahren liegen. Ich gehe davon aus, dass für das operative Geschäft eine Lösung gefunden wird.

Gibt es denn von der IHK einen Ratschlag an Kommunen, an welchem Punkt sie bei Negativmeldungen die Reißleine ziehen sollten?
Das kann man pauschal nie sagen. Aber ich sehe im Moment auch keinen Grund für übermäßige Dramatik. Für die Stadt ist wichtig, dass sie das Grundstück erschlossen hat, denn es gibt einen Mangel an zusammenhängenden, großen Gewerbegrundstücken. Insofern wurde bisher alles richtig gemacht.

Trotzdem: Wäre Amazon aus heutiger Sicht nicht der bessere Partner gewesen?
Ach, niemand weiß doch, wo wir jetzt stünden. Amazon orientiert sich derzeit nach Osteuropa – möglicherweise wäre das Geschäft am Kronsberg komplett geplatzt.

Von Conrad von Meding und Markus Holz

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