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Aus der Stadt Bengalo-Urteil löst neue Debatte aus
Hannover Aus der Stadt Bengalo-Urteil löst neue Debatte aus
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00:15 21.02.2015
Von Tobias Morchner
Polizei löscht Bengalos mit speziellen Schaum. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Das Urteil war Wasser auf die Mühlen mancher sogenannter Ultra-Fans in Hannover und anderswo: Am Dienstag hatte das Amtsgericht Hannover das Verfahren gegen einen Anhänger von Hannover 96 eingestellt, der während des Derbys gegen Eintracht Braunschweig im November 2013 Pyrotechnik abgebrannt hatte. Zwar musste der 30-jährige Fan eine Geldbuße zahlen. Versuchte Körperverletzung, die die Staatsanwaltschaft ihm zur Last legten, konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden.

In einigen Fankreisen bewertet man die Einstellung des Verfahrens nun als Sieg. „Viele Ultras werten das als Freispruch und gehen davon aus, dass Angeklagte in ähnlichen Fällen künftig auch keine Strafen zu erwarten haben“, sagt ein Szenekenner der HAZ. Rechtsanwalt Hüttl, der den Fan vertreten hatte, rät dagegen dringend davon ab, das Urteils zu verallgemeinern. „Es ist weiterhin nicht ratsam, im Stadion Bengalos zu zünden“, sagt er. Nach der Partie am 8. November leitete die Polizei insgesamt 272 Strafverfahren ein, viele wegen des Abbrennens von Pyrotechnik im Stadion. Wie viele Urteile dazu bisher gefallen sind, konnten die Behörden gestern nicht sagen.

Nach Ansicht der Polizeidirektion Hannover hat der Richterspruch keinerlei Auswirkungen auf die künftigen Fußballeinsätze der Beamten. „Es hat in einem anderen Verfahren wegen Pyrotechnik nach dem Derby einen Strafbefehl über 1000 Euro gegeben“, teilt die Behörde mit. Auch die Zentrale Polizeidirektion (ZPD) und die Gewerkschaft der Polizei in Niedersachsen (GdP) sehen das so. „Auch wir bewerten die Entscheidung als einen Einzelfall“, sagt ZPD-Sprecher Karsten Wolff. „Nach unserer Auffassung hat das Gericht nur das Verhalten des Angeklagten beurteilt.“

Dabei fiel auch ins Gewicht, dass der Angeklagte seine Tat vor Gericht bereute und sich dafür entschuldigte. „Er sagte auch, dass er nur allen anderen Fans von so etwas abrate“, sagt Hüttl. Besonders viel Überzeugungsarbeit muss er nach Informationen eines Szenekundigen dafür nicht leisten. „Nach dem Niedersachsenderby haben viele Ultras selbst eingestanden, dass es zu viel war“, sagt er.

Die Polizei hat am Dienstag über die Gefahren von Pyrotechnik informiert.

„Wir sehen den Einsatz von Pyrotechnik in Stadien weiterhin grundsätzlich als Problem an“, sagt hingegen Christian Hoffmann von der Gewerkschaft der Polizei Niedersachsen, der das Urteil des Amtsgerichts ebenfalls nicht kommentieren möchte. „Bengalos können aufgrund ihrer enormen Hitzeentwicklung Löcher in Einsatzkleidung brennen.“ Auch bei der ZPD ist man der Meinung, dass „Pyrotechnik nicht in ein Fußballstadion gehört“, sagt Wolff. „Wir beobachten auch vermehrt, dass gewaltbereite Fußballfans immer wieder gezielt Einsatzkräfte mit Pyrotechnik attackieren.“

Bengalos: 2300 Grad Celcius

Bengalos bezeichnen Magnesiumfackeln, die eigentlich als Signalmittel eingesetzt werden. Sie werden nicht mit Feuer entzündet, sondern durch eine chemische Reaktion unterschiedlicher Stoffe. Um die für die Fackeln typische gleißend helle Flamme zu erzeugen, wird Magnesium der Mischung beigefügt. Dadurch erreichen die Fackeln Temperaturen von bis zu 2300 Grad Celsius. Zudem wird die chemische Reaktion dadurch so sehr verstärkt, dass die Fackeln auch unter Wasser weiterbrennen. Mittlerweile hat die Polizei daher spezielle Löschgels entwickelt, die sie bei akuter Gefahr in die Bengalos spritzen und sie damit löschen können. 

Pünktlich zum Start der Bundesligasaison 2014/15 hatte die Behörde daher etwa 1000 Beamte mit speziellen Brandschutzhauben ausgerüstet. Erst im Mai hatte ein gewaltbereiter Fußballchaot in Braunschweig gezielt mit Leuchtspurmunition auf einen Polizisten geschossen. Obwohl der Beamte einen Helm und eine Brandschutzhaube trug, erlitt er schwere Verbrennungen, weil ihm das Geschoss in den Kragen seiner Einsatzkleidung fiel.

„In solchen Fällen muss man aber zwischen Bengalos und Leuchtspurmunition unterscheiden“ sagt Rechtsanwalt Hüttl. Tatsächlich ist gerade der Einsatz Letzterer nicht nur aus Sicht der Polizei weitaus gefährlicher. „Um Leuchtspurmunition bei uns kaufen zu können, muss man einen Fachkundenachweis vorlegen“, erklärt Kerstin Wilhelm-Markwardt von der Wassersport Zentrale Hannover. Will man in dem Geschäft für Bootszubehör aber eine Handfackel, also einen Bengalo, kaufen, muss der Kunde nur volljährig sein. Ob der Kunde das Signalmittel dann als Notsignal nutzt oder versucht, die Magnesiumfackel in ein Stadion zu schmuggeln, können die Händler natürlich nicht wissen

Der Busticketstreit

Rechtsanwalt Andreas Hüttl vertrat einige Mitglieder der Ultras auch bei einem anderen Rechtsstreit in jüngster Vergangenheit. Beim Spiel der „Roten“ in Braunschweig im April 2014 hatte der Verein den Besitzern von Auswärtsdauerkarten ihre Eintrittskarten nur dann ausgehändigt, wenn sie in einem der von 96 gecharterten Bussen zum Niedersachsenderby anreisten. Etwa 100 Betroffene hatten dagegen geklagt. Drei Kläger gewannen den Prozess gegen Hannover 96. Anschließend erklärte sich die Klubführung bereit, die Kosten für die noch ausstehenden übrigen 86 Verfahren zum Busticketstreit „ohne Übernahme von Rechtspflichten“ zu übernehmen. Die Fans warten seitdem auch auf eine Entschuldigung seitens des Vereins. Die ist der Klub bislang schuldig geblieben.

Von Tobias Morchner und Jörn Kießler

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