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Aus der Stadt Bereich Burgdorf: Keine Oase der Friedfertigkeit
Hannover Aus der Stadt Bereich Burgdorf: Keine Oase der Friedfertigkeit
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21:41 07.05.2010
Von Vivien-Marie Drews
Rund um die Bahnhofstraße in Lehrte tauschen Dealer kleine Päckchen gegen Bares. Quelle: Florian Wallenwein

Die Betreiberin eines Jeansladens in der Burgdorfer Innenstadt runzelt die Stirn. Probleme mit Gewalt und Kriminalität? „Gibt es hier nicht“, sagt sie. Mit dieser Einschätzung zur Lage im Osten der Region ist die Geschäftsfrau nicht allein. Die Menschen in Altwarmbüchen, Langenhagen, Burgwedel, in der Wedemark, Burgdorf und Lehrte fühlen sich sicher – im Gegensatz zu vielen Hannoveranern, die in der Stadt zu Hause sind. Ein gutes Zeichen.

Die Präsenz der Polizei wollen die Bürger im Umland dennoch nicht missen. In der Wedemark, Burgwedel und Isernhagen erzählen die Einwohner von Wohnungseinbrüchen im eigenen Zuhause, bei Nachbarn oder Arbeitskollegen. In Burgdorf und Uetze sind im vergangenen Jahr 517 Fahrräder gestohlen worden – so viele wie nie zuvor. Flächendeckend berichten Polizeibeamte von einem ausufernden Alkoholkonsum unter Jugendlichen und den damit einhergehenden Gewalttaten.

Burgwedel / Isernhagen

„Ich habe gedacht, das kann doch nicht sein. Nicht hier in Wettmar“, erzählt die Burgwedeler Geschäftsfrau. Als sie nach den Osterfeiertagen ihr Auto aus der Garage fahren wollte, war die Motorhaube total zerdellt. Vermutlich diente ein Backstein als Tatwaffe. „Die Idioten waren wahrscheinlich einfach nur betrunken“, sagt die Geschäftsfrau.

„Auch im ländlich strukturierten Burgwedel stellen wir fest, dass Jugendliche zunehmend Alkohol trinken“, sagt Günter Heller, Leiter des Polizeikommissariats in Burgwedel. Gewalt und Vandalismus seien die Folge. Gerade für Kinder aus gut situierten Familien sei es häufig einfach, an Alkohol zu gelangen. „Auch die Zahl der Körperverletzungen macht uns Sorgen“, sagt Heller. Zwar liege sie mit 122 Taten im Jahr 2009 noch auf einem niedrigen Niveau, was sich aber schnell ändern könne. „Wenn die Zahlen unten bleiben sollen, sind wir gefordert“, sagt Heller. Das sieht Bürgermeister Hendrik Hoppenstedt (CDU) genauso: „Wir leisten uns eine gut aufgestellte Jugendpflege und einen aktiven Präventionsrat.“ In allen Kitas führt die Stadt das bundesweit anerkannte – aber vergleichsweise teure – „Faustlos-Projekt“ durch. Das wissenschaftlich evaluierte Gewaltpräventionsprogramm fördert die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder, wie etwa den Umgang mit Ärger und Wut.

In der Fußgängerzone sind die häufigen Wohnungseinbrüche ein Thema. „Jetzt sind sie bei den Nachbarn eingestiegen. Die einen waren im Urlaub, die anderen kurz beim Einkaufen“, erzählt eine Blumenhändlerin. „Früher haben wir gar nicht abgeschlossen. Die Zeiten sind vorbei“, sagt eine Passantin. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Burgwedel, Altwarmbüchen und Isernhagen 97 Wohnungseinbrüche, 2008 waren es sogar 189 Taten. In Kooperation mit der Stadtverwaltung will die Polizei künftig Bauherren anschreiben und eine Sicherheitsberatung durchführen. In Burgwedel leben knapp 20.500 Menschen. Seit 2007 ist die Zahl der registrierten Straftaten von 1056 auf 1173 gestiegen.

Hämelerwald

Ja, sagt Hugo Voges, ab und zu fahre eine Polizeistreife durch den Ort. „Sagen wir so: Ich habe hier schon mal eine gesehen“, erzählt der pensionierte Kriminalbeamte und Bürgermeister (SPD) von Hämelerwald. Seit nunmehr 20 Jahren setzt der 75-Jährige sich dafür ein, dass der Ort eine eigene Polizeistation bekommt. Hämelerwald und die angrenzenden Ortschaften Arpke, Sievershausen und Immensen mit insgesamt 12.500 Einwohnern sollen nicht mehr von den Beamten im rund 15 Kilometer entfernten Lehrte betreut werden müssen. „In den Jahren 2004 und 2005 wurde die Postbank viermal überfallen“, sagt Voges. Erst vor rund sechs Wochen waren wieder Einbrecher im Ort unterwegs, stiegen in sieben Wohnhäuser ein. „Die Täter wissen ganz genau, dass es Ewigkeiten dauert, bis die Polizei am Tatort eintrifft“, sagt Voges. Im Jahr 2005 lehnte der damalige Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa den vorerst letzten Antrag des Ortsrats für eine Polizeistation ab. Der Ort sei von Lehrte aus „schnell“ erreichbar. „Alles Theorie“, sagt Voges. „Die Polizei braucht 25 Minuten, bis sie hier ist, manchmal eine Dreiviertelstunde.“

Langenhagen

Um „verletzte Ehre“ soll es in dem Konflikt gegangen sein, der sich im Frühjahr 2009 zwischen zwei verfeindeten Jugendgruppen aus Langenhagen und Berenbostel abspielte. Allein mit Worten war der Streit aus Sicht der Berenbosteler nicht mehr zu regeln – sie kündigten ihren Besuch an der Stadtbahnhaltestelle Langenhagen-Zentrum an. Schüler berichten von Schlägereien mit rund 20 Beteiligten und hundert Gaffern. „Das war krass“, sagt ein Oberstufenschüler. Zu krass, befanden andere Jugendliche. Sie informierten die Polizei. „Wir konnten die Rädelsführer ausmachen und die Sache beenden“, sagt Kriminaloberkommissar Eberhard Eggert.

Eggert ist einer von sechs Kontaktbeamten in Langenhagen. „Das ist mehr als vorgesehen“, sagt Reinhard Cichowski, Leiter des Polizeikommissariats. Aber Prävention habe in erster Linie eben mit Präsenz zu tun.

Der Jugendkontaktbeamte Eggert ist täglich auf Achse, guckt in den Schulen und am Jugendtreff in Kaltenweide vorbei. „Es geht darum, Vertrauen aufzubauen“, sagt Eggert. Das sei wichtig für den Ernstfall. „Wenn die Jugendlichen wirklich mal in Schwierigkeiten geraten oder als Zeugen aussagen müssen, soll es keine Hemmschwelle zur Polizei geben“, sagt Kontaktbeamtin Dagmar Maronde. Im Fall der rivalisierenden Jugendbanden an der Haltestelle ist die Rechnung aufgegangen.

Unterm Strich verzeichnet Langenhagen eine abnehmende Kriminalität: Knapp 52.000 Einwohner leben in der Stadt. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Straftaten von rund 5500 auf 4713 im Jahr 2009 gesunken. Auch die sogenannten Rohheitsdelikte – Raub, Körperverletzungen, Bedrohung – gehen deutlich zurück.

Langenhagen-Flughafen

Die Autos reihen sich aneinander, so weit das Auge reicht. 18.000 Fahrzeuge können am Flughafen in Langenhagen geparkt werden, in der Ferienzeit sind die Plätze nahezu restlos belegt. „Hier stehen die Autos sicher“, sagt Polizeioberkommissar Helmut Hentschel. Im Jahr 2009 nahmen die Beamten am Flughafen 21 Autodiebstähle auf. 40 Fahrzeuge wurden aufgebrochen, Radios oder Navigationsgeräte ausgebaut. „Bei durchschnittlich 12.000 Fahrzeugen, die hier jeden Tag geparkt werden, sind das sehr gute Zahlen“, sagt Hentschel. Im Jahr 2007 hatten die Beamten am Flughafen noch 33 Kfz-Diebstähle und 181 Autoaufbrüche registriert.

Lehrte

Drogen sind in Lehrte leicht zu haben. „Die Dealer kommen aus der Region, aber auch aus Celle und Hamburg“, erzählen zwei Jugendliche am Bahnhof. Nur wenige Meter weiter ist die Drogenberatungsstelle Lehrte „DroBeL“ untergebracht. Sie ist Anlaufstelle für drogenabhängige Personen aus der gesamten Region, die dort ihre Ersatzdrogen erhalten. „Und direkt vor der Tür gibt’s die harten Drogen“, erzählen die beiden vom Bahnhof. Kontaktbeamtin Imke Wolff ist als Fußstreife in Lehrte unterwegs. „An der DroBeL wird gedealt. Das ist richtig. Wir haben ein Auge drauf“, sagt sie. Erst vor zwei Wochen nahmen die Beamten eine 29-jährige Lehrterin fest. Die Frau hatte zehn Gramm Heroin dabei, gestand, sie habe die Drogen an der DroBeL verkaufen wollen.

Im Rathaus beschäftigt man sich vor allem mit legalen Rauschmitteln. Im vergangenen Jahr sprach die Stadt ein Alkoholverbot für den Rathausplatz aus, verbannte die Trinkerszene damit zumindest aus dem Blickfeld. Jetzt trifft sich die Gruppe hinter dem Rathaus. Randale bleibt nicht aus: An einem Nachmittag im Sommer gingen dort zwei Betrunkene mit Schlagstöcken aufeinander los.

Körperliche Auseinandersetzungen sind in Lehrte nichts Außergewöhnliches. „Hier gibt’s immer wieder Stress. Zwischen allen – Kurden, Türken, Russen, Ägyptern, Deutschen“, sagt ein Taxifahrer. Laut Polizeistatistik kam es in Lehrte im vergangenen Jahr zu 573 Rohheitsdelikten, 2008 waren es 550.

Im Vergleich zu den Vorjahren habe sich die Situation aber erheblich verbessert, darin sind sich Stadtverwaltung, Polizei und viele Anwohner einig. „Mit den Überfällen war es vor ein paar Jahren viel schlimmer“, erzählen die Jungs vom Bahnhof. Die Täter, die damals für Unruhe sorgten, hätten inzwischen alle „gesessen“. „Die haben dazugelernt.“

In Lehrte leben rund 44.000 Menschen. Seit 2008 stieg die Zahl der registrierten Straftaten um 134 auf 3627. Besonders drastisch ist die Entwicklung der Wohnungseinbrüche. 147 bearbeiteten die Beamten im Jahr 2009. Im Jahr zuvor waren es nur 69 gewesen. Im benachbarten Sehnde mit knapp 23.000 Einwohnern sank die Zahl der Straftaten von 1477 auf 1191.

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