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Aus der Stadt Bessere Wege, Abstellplätze: Hannovers Leitbild für den Radverkehr
Hannover Aus der Stadt Bessere Wege, Abstellplätze: Hannovers Leitbild für den Radverkehr
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16:10 19.02.2010
Von Bernd Haase
Die geschätzten 7000 Abstellplätze – davon etwa die Hälfte in der Innenstadt – reichen nicht aus und sind zum Teil von schlechter Qualität.
Die geschätzten 7000 Abstellplätze – davon etwa die Hälfte in der Innenstadt – reichen nicht aus und sind zum Teil von schlechter Qualität. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover ist im Kern eine fahrradfreundliche Stadt, aber es fehlt an einer klaren Zukunftsvision – dieser Befund stammt vom Verkehrswissenschaftler Edzark Hildebrandt, der ihn vor zwei Jahren geäußert hat. Jetzt liefert die Stadtverwaltung, aufgefordert per Antrag von SPD und Grünen, das Vermisste nach: Stadtbaurat Uwe Bodemann hat am Donnerstag das „Leitbild Radverkehr zur qualitativen Verbesserung und Stärkung des Radverkehrs in der Landeshauptstadt Hannover“ vorgestellt.

Das Werk formuliert zwei Kernziele: Zum einen sollen die Hannoveraner im Jahr 2025 ein Viertel ihrer Wege mit dem Fahrrad zurücklegen und damit fast doppelt so viele wie heute. Damit sie sich dazu überzeugen lassen, will die Stadt das Fahrradroutennetz weiter ausbauen, die Wartezeiten für Radler an Ampeln verringern, mehr Abstellplätze einrichten und weitere Dinge tun, die das Herz der Fahrradfreunde höher schlagen lassen. Zum anderen will die Stadt erreichen, dass sich im selben Zeitraum die Zahl der Unfälle mit schwerverletzten oder getöteten Radfahrern mindestens halbiert.

● Die Ausgangslage: „Die Topographie in Hannover ist fahrradfreundlich, die Siedlungsstruktur kompakt“, haben die Verfasser des Leitbildes geschrieben. Will heißen: Dem Fahrradfahrer stehen kaum lästige Steigungen im Weg, außerdem sind die Wege kurz. Nach Schätzungen der Stadt gibt es gut 500.000 Fahrräder in Hannover – rechnerisch eines pro Einwohner. Bei Distanzen unter zwei Kilometer legen die Hannoveraner 20 Prozent ihrer Fahrten mit dem Rad zurück. Schon bei längeren Strecken bis vier Kilometer halbiert sich diese Quote, für die sich ein Durchschnitt von 13 Prozent ergibt. Damit liegt Hannover über dem gesamtdeutschen Wert von neun Prozent und im Vergleich mit anderen Großstädten gemeinsam mit München und Leipzig hinter Bremen (22 Prozent) auf Platz zwei. Kleinere Städte erzielen deutlich höhere Radfahrerquoten. Münster, gemeinhin als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands bezeichnet, ist mit 35 Prozent einsamer Spitzenreiter. Freiburg erreicht mit 25 Prozent auf Platz zwei den Wert, den Hannover anstrebt. „Das Potenzial dazu ist vorhanden“, sagt Ingenieurin Elke van Zadel, die das Leitbild mitverfasst hat.

● Die Mängelanalyse: Hannovers Radwegenetz misst nach Angaben der Bauverwaltung etwa 530 Kilometer. Trotzdem weise es noch Lücken auf. Außerdem seien vor allem ältere Radwege zu schmal oder verschlissen. Die Signalisierung an Ampeln und Kreuzungen wird als uneinheitlich und nachrangig bezeichnet. Die geschätzten 7000 Abstellplätze – davon etwa die Hälfte in der Innenstadt – reichten nicht aus und seien zum Teil von schlechter Qualität. Ein aktuelles Thema haben die Leitbild-Verfasser auch nicht ausgespart: Reinigung und Winterdienst richteten sich nicht immer nach den Bedürfnissen der Radfahrer. „Wenn wir die 25-Prozent-Marke erreichen wollen, müssen die Radwege ganzjährig zur Verfügung stehen“, erklärt van Zadel.

● Das Programm für die Innenstadt: Die City soll künftig leichter mit dem Fahrrad durchquert werden können, aber zur heikelsten Frage enthält das Werk noch keine Aussagen: Ob, und wenn ja auf welchen Wegen und zu welchen Zeiten, Fahrradfahrer durch die Fußgängerzonen fahren dürfen. Dafür gibt es eine andere Idee – die eines Innenstadtrings für Radler nach Vorbild des bestehenden Cityrings für Autofahrer. Er würde vom Hauptbahnhof durch die Luisen-, Ständehaus-, Georg- und Windmühlenstraße am Platz der Weltausstellung vorbei zum Alten Rathaus führen. Im weiteren Verlauf geht es durch die Schmiedestraße und die Mehl- und Schillerstraße zurück zum Bahnhof. Wo notwendig, will die Stadt Fahrradwege verbessern und vor allem weitere Stellplätze schaffen. „Die Verbesserung des Radparkens am Hauptbahnhof und am Rand der Fußgängerzone hat höchste Priorität“, heißt es im Leitbild. Außerdem findet sich ein Satz, der für Diskussionen gut ist: „Mit der Umwandlung einzelner öffentlicher Autoparkplätze in Fahrradabstellplätze werden deutliche Akzente gesetzt.“

● Weiteres Routennetz und Stadtteile: Den Cityring für Autos wollen die Planer auch für Radfahrer attraktiver machen. Bestehende Lücken auf Wegen, die von außerhalb in die Stadt führen, sollen möglichst geschlossen werden. Das größte Problem ist dabei die für Radfahrer bisher schwierig zu befahrende Podbielskistraße. Auch in anderen Teilen der List haben die Experten Lücken entdeckt. Für die Stadtteile gilt der Leitgedanke der „Stadt der kurzen Wege“. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Von den Tempo-30-Zonen, die immer häufiger ausgewiesen werden, profitieren auch die Radfahrer, weil sie sich weniger mit den Autos in die Quere kommen. Man hofft auf einen Gewöhnungseffekt: „Wer kurze Wege mit dem Rad fährt, verzichtet auch für längere Wege immer häufiger auf das Auto“, sagt van Zadel.

● Ampeln und Kreuzungen: Generell gilt die Devise, dass Radler auf den Hauptrouten nicht mehr so lange warten müssen. „Die Gleichberechtigung mit dem öffentlichen Nahverkehr wird angestrebt“, steht im Leitbild. Busse und Bahnen genießen bekanntermaßen in Hannover Vorrang. Vermehrt könnten an Ampeln ausgeweitete Aufstellflächen markiert werden, wie es sie beispielsweise an der Einmündung der Königstraße in die Berliner Allee schon gibt. Dabei müssen die Fahrradfahrer bei Rotlicht nicht neben oder hinter den Autos warten, sondern dürfen sich vor ihnen einreihen, um beim Anfahren wieder auf die Fahrradspur zu wechseln. Und schließlich sollen, so noch vorhanden, die für Radfahrer gefährlichen freien Rechtsabbiegerspuren für Autofahrer abgebaut werden.

● Radschnellwege: Sie sind eine Besonderheit, werden vom Bund finanziell gefördert und sollen Pendlern das Fahrrad schmackhaft machen. Schnellwege müssen mindestens zehn Kilometer lang und je Fahrtrichtung zwei Meter breit sein. Als Belag ist Asphalt vorgeschrieben, an Kreuzungen haben die Radler grundsätzlich Vorfahrt. Das alles dient dazu, dauerhafte Geschwindigkeiten von mindestens 25 Kilometer pro Stunde zu erreichen. Aktuell prüft die Stadt zusammen mit der Region drei mögliche Routen: Je eine aus Garbsen, Laatzen und Lehrte zum Maschsee-Nordufer.

● Und nun? Der Rat bekommt das Leitbild zur Abstimmung vorgelegt – die Grünen haben sich schon sehr erfreut gezeigt. Danach geht es an die Umsetzung – „ohne große fiskalische Anstrengungen“, wie Bodemann betont. Die Stadt muss also bei der Erschaffung der schönen neuen Fahrradfahrerwelt auch ihre klamme Haushaltslage berücksichtigen. Ob es trotzdem für das 25-Prozent-Ziel reicht, hängt von den Hannoveranern ab. Fahrradfahren darf man auch heute schon, unabhängig von Leitbildern.

Sonja Fröhlich 19.02.2010
Klaus Wallbaum 19.02.2010