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Aus der Stadt Betrunkener stürzt Polizisten beinahe in die Tiefe
Hannover Aus der Stadt Betrunkener stürzt Polizisten beinahe in die Tiefe
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11:47 10.04.2013
Von Michael Zgoll
Der 34-jährige Polizist wäre kurz nach Weihnachten 2012 beinahe aus dem 9. Stock dieses Hochhauses gefallen.
Der 34-jährige Polizist wäre kurz nach Weihnachten 2012 beinahe aus dem 9. Stock dieses Hochhauses gefallen. Quelle: Rainer Surrey (Archiv)
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Um ein Haar hätte ein Routineeinsatz der Polizei eine junge Familie in den Abgrund gestürzt. Ein 34-jähriger Kommissar, Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter, wäre kurz nach dem Weihnachtsfest 2012 beinahe aus dem 9. Stock eines Hochhauses im Canarisweg gefallen - gestoßen von einem Betrunkenen, der auf einem Balkon urplötzlich auf den Beamten losstürmte. Doch der Polizist konnte sich am Geländer festklammern, der 37-jährige Täter wurde überwältigt.

Zwei Beamte fahren am Abend des 27. Dezember gegen 19 Uhr vor dem Mühlenberger Hochhaus vor. Eine Frau hat die Polizei verständigt: Im 9. Stock sei es zu lautstarken Streitigkeiten gekommen. Da seit ihrem Anruf einige Zeit verstrichen ist, hat sich die Lage wieder beruhigt. Ein Pärchen, das in dem Ein-Zimmer-Apartment von Heiko N. zu Gast war und sich heftig gezankt hatte, ist gegangen. Eigentlich, sagt der 34-jährige Polizist, wäre der Einsatz nach zwei Minuten beendet gewesen: „Wir dachten, wir fragen nach, ob alles in Ordnung ist, und gehen wieder.“ Doch der überaus freundliche N. bittet die Beamten in seine Wohnung.

Dort schlägt die Stimmung nach kurzer Zeit um. Die Polizisten nehmen den Geruch von Marihuana wahr, entdecken - neben vielen leeren Bierflaschen - kleinere Mengen der Droge in der Küche. Als sie dem Mann bedeuten, dass nun Ermittlungen ins Haus stehen, wird Heiko N. zunehmend aggressiv. Er redet sich in Rage, beschimpft die Beamten, gebärdet sich wie wild. Der zweite Polizist bringt telefonisch in Erfahrung, dass N. wegen Gewaltdelikten - auch gegen Polizeibeamte - einschlägig bekannt ist.

Sicherheitshalber legen die Ermittler dem Mann Handschellen an. Dann geht der 34-Jährige auf den Balkon, will per Handy einen Rauschgift-Spürhund anfordern. Er steht im 45-Grad-Winkel schräg am Geländer, beugt sich über die Brüstung, weil der Empfang schlecht ist. In diesem Moment springt Heiko N., die Hände auf dem Rücken fixiert, vom Sofa auf. Der zweite Beamte, der ein Auge auf ihn hat, wird überrascht. N. stürmt auf den Balkon, den Kopf gesenkt, und rammt dem Kommissar seine Schulter in die Seite. „Es war ein Bodycheck wie beim Eishockey“, sagt der Familienvater. N. misst 1,78 Meter, sein Gegenüber ist 1,92 Meter groß und gut 20 Kilo schwerer. Der Beamte verliert das Gleichgewicht, das Mobiltelefon fliegt durch die Luft, dann finden die Hände Halt. „Hätte ich mich nicht am Geländer festgehalten, wäre ich hinuntergestürzt“, ist sich der 34-Jährige sicher. Sekunden später haben die Polizisten den Tobenden überwältigt, bei dem Kampf gehen Bierflaschen zu Bruch, später sind Schnittverletzungen zu behandeln.

Was hat N. dazu bewogen, den Beamten so unvermittelt anzugreifen? Verteidiger Dirk Schoenian erklärt, sein zur Tatzeit angetrunkener Mandant könne sich nur bruchstückhaft erinnern. Irgendwann habe er wohl geglaubt, die Ermittler seien falsche Polizisten, fürchtete um Leib und Leben. Mehrfach habe er um Hilfe gerufen und sei schließlich auf den Balkon geeilt, um einen Nachbarn über seine angebliche Notlage zu informieren. „Es lag ihm fern, den Beamten zu verletzen oder gar hinunterzustürzen“, sagt Schoenian.

Doch auch der zweite Polizist sieht die Sache anders: „Das war ein klarer Versuch, den Kollegen vom Balkon zu stoßen.“ In zwei Wochen ist Ortstermin: Dann will sich die Kammer unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch ein eigenes Bild vom Tatort am Canarisweg machen.

Conrad von Meding 09.04.2013
Andreas Schinkel 09.04.2013