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Aus der Stadt Beziehungspflege im Beduinenzelt
Hannover Aus der Stadt Beziehungspflege im Beduinenzelt
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20:52 20.04.2015
Von Mathias Klein
Beim Essen unterm Zeltdach im Dorf Shibli reden Regionspräsident Hauke Jagau (links stehend) und Altbürgermeister Ali Shibli (2. von rechts stehend) über Toleranz.
Beim Essen unterm Zeltdach im Dorf Shibli reden Regionspräsident Hauke Jagau (links stehend) und Altbürgermeister Ali Shibli (2. von rechts stehend) über Toleranz. Quelle: Region Hannover
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Hannover

Ein wenig schüchtern sitzen sie vorn. Schülerinnen, 17 und 18 Jahre alt, die sich gerade auf ihr Abitur vorbereiten. Die Mädchen besuchen die Kadoorie-Schule in der Region Unter-Galiläa in Israel, der Partnerregion von Hannover. Vor einem Jahr waren sie mit anderen zum Austausch in Hannover und in Städten im Umland. Jetzt sitzen sie einer Regionsdelegation aus Hannover mit deren Präsident Hauke Jagau gegenüber, die nach Israel zu Besuch gekommen ist.

Anfängliche Zurückhaltung weicht schnell

Die mutigste der Schülerinnen ist Dafna Ben-Haim, sie beginnt zu berichten. Sie erzählt von der freundlichen Atmosphäre, die während ihrer Reise nach Deutschland herrschte, und vom Osterfeuer, das sie sehr beeindruckt hat. Und sie erzählt, dass sie zunächst gestaunt habe, dass auch in Hannover die jungen Leute gern Pizza essen. Vor ihrem Besuch wusste sie nichts über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In ihrem Schulunterricht steht das nicht mehr auf dem Lehrplan.

Ziemlich schnell habe Ben-Haim ihre anfängliche Zurückhaltung den Deutschen gegenüber überwunden, berichtet sie anschließend im kleinen Kreis. „Wir haben gesehen, dass wir alle Menschen sind“, sagt sie.

Partnerschaftsvertrag aus dem Jahr 1981

Die Partnerschaft zwischen den beiden Regionen geht auf eine Zusammenarbeit der landwirtschaftlich geprägten Justus-von-Liebig-Schule in Hannover und der Kadoorie-Schule in Unter-Galiläa zurück, die einen ähnlichen Schwerpunkt hat. Bereits ein Jahr nach Beginn eines Schüleraustausches zwischen den beiden Schulen, am 8. März 1981, unterzeichneten der damalige Landkreis Hannover und Unter-Galiläa einen Partnerschaftsvertrag. Nach 35 Jahren soll der Vertrag im kommenden Jahr erneuert werden.

Fast jedes Jahr reist eine Gruppe Jugendlicher aus der Region Hannover nach Unter-Galiläa, und eine Gruppe aus Israel kommt zum Gegenbesuch. Außerdem gibt es seit 36 Jahren jedes Jahr einen Austausch zwischen der Justus-von-Liebig-und der Kadoorie-Schule. Im Haushalt der Region sind Jahr für Jahr 40.000 Euro für die Pflege der Partnerschaft zu der kleinen Region ganz in der Nähe des See Genezareth vorgesehen.

Toleranz gegenüber anderen Religionen

Landrat Moti Dotan führt seine Besucher stolz in ein Vorzeigeprojekt seiner Region: Im Beduinendorf Shibli leben arabische Moslems und Christen friedlich Tür an Tür, und die Zusammenarbeit mit der Regionsverwaltung ist auch hervorragend, wie Dotan und der Alt-Bürgermeister des Dorfes, Ali Shibli, beim Essen im Beduinenzelt berichten. Die Kinder in Israel müssten viel stärker zur Toleranz gegenüber den anderen Religionen erzogen werden, sagt Shibli. In Unter-Galiläa sei man dabei auf einem guten Weg.

Die Gäste aus Hannover und dem Umland loben das Vorzeigeprojekt. Doch manchem der Besucher reicht das Gebiet mit 18 Dörfern nicht für eine ausgefüllte Partnerschaft. „Es gibt hier zu wenig“, heißt es aus Delegation. Ganz anders sei das dagegen in der nur ein paar Kilometer von der Regionsgrenze entfernten Hafenstadt Haifa, einem Universitäts- und Forschungszentrum Israels. Auch dort gibt es schon Beziehungen zu Hannover. Thomas Scheper, Professor der Leibniz-Uni, hat sie begründet.

Keine Probleme als Deutscher in Israel

Er rief vor rund neun Jahren ein Austauschprogramm mit dem Technion, der technischen Universität von Haifa, ins Leben. Studentin Katharina Urmann hat an diesem Programm teilgenommen. Jetzt ist sie wieder in Haifa und arbeitet an ihrer dualen Promotion. Die 28 Jahre alte Chemikerin wird ihre Doktorarbeit in Hannover und in Haifa abgeben. „Wenn man aus Deutschland kommt, hat man hier in Israel kein Problem mit den Menschen“, berichtet sie. Einmal habe ein Student zu ihr gesagt: „Wenn meine Großmutter wüsste, dass ich hier mit einer Deutschen rede ...“, berichtet sie. Aber auf die deutsche Fußballnationalmannschaft werde sie ständig angesprochen.

Zwar hat Haifa schon fünf Partnerschaften mit anderen Städten in Deutschland. Wenn aber Hannover Interesse an einer lebendigen Zusammenarbeit habe, sei man keineswegs abgeneigt, heißt es aus dem Rathaus der Hafenstadt.

Interview mit Hauke Jagau und Moti Dotan

Welche Bedeutung hat die Partnerschaft zwischen den Regionen Hannover und Unter-Galiläa für Sie beide? 

Jagau: Diese Partnerschaft hat eine hohe Bedeutung. Das liegt daran, dass das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel aufgrund der Geschichte ein ganz besonderes ist. 

Dotan: Als die Partnerschaft startete, ging es für die Deutschen darum, sich für den Holocaust zu entschuldigen. Das ist jetzt nicht mehr das Thema. Jetzt ist es die Partnerschaft zwischen zwei Regionen in demokratischen Ländern mit einer stabilen Wirtschaft.

Wie ist aus Ihrer Sicht der derzeitige Stand der Beziehungen?

Jagau: Es ist mir wichtig, dass es einen regelmäßigen Austausch zwischen den Jugendlichen aus beiden Regionen gibt. Das funktioniert gut. Bei den Begegnungen gibt es auf beiden Seiten zunächst große Zurückhaltung, und am Schluss verlassen sich die Jugendlichen als Freunde. Auch für uns Erwachsene ist wichtig, das Land Israel und seine besondere Situation kennenzulernen. Dann können wir besser verstehen, was hier passiert.

Dotan: Es ist nicht so, als hätten zwei Staaten miteinander Beziehungen. Unsere regionale Partnerschaft basiert auf großer Freundschaft und tiefer Verständigung. Das Wichtigste ist, dass sich die Menschen gegenseitig gut kennen.

Was stört Sie in der Partnerschaft, wo gibt es Probleme?

Jagau: Mich stört eigentlich nichts, ich bin hochzufrieden. Es läuft richtig gut. Das liegt aber auch daran, dass inzwischen das Vertrauen so groß ist, dass auch kritische Themen angesprochen werden. Auf der großen politischen Bühne macht mir allerdings Sorge, dass Israel sich immer weiter isoliert. Das können wir mit der Partnerschaft aber nicht ändern.

Dotan: Wir haben eine sehr gute Beziehung zueinander. Das sieht man am besten an den häufigen direkten zwischenmenschlichen Kontakten.

Herr Jagau, was gibt es in Unter-Galiläa, das Sie gern hier in der Region hätten?

Jagau (lacht): Das Wetter. Beeindruckend ist die Alltagsgelassenheit, mit der die Menschen ihr Leben meistern, obwohl sie in ständiger Sorge vor einer kriegerischen Auseinandersetzung leben.

Und was, Herr Dotan, gibt es in der Region Hannover, das Sie gern in Unter-Galiläa hätten?

Dotan: Weizenbier. Hier in Israel kann man sich für die nächsten Jahre zwar etwas Bestimmtes vornehmen, zum Beispiel im Schulbereich. Aber oft kann man die Planungen dann über den Haufen werfen, wenn es plötzlich eine neue Regierung gibt. In der Region Hannover ist dagegen alles so schön organisiert.

Herr Jagau, Herr Dotan, welchen besonderen Wunsch an die jeweilige Partnerregion haben Sie?

Jagau: Ich wünsche mir, dass der Jugendaustausch aufrechterhalten bleibt und ausgeweitet wird. Es ist für die Eltern oft schwierig, ihr Kind ins andere Land zu schicken. Das gilt übrigens für beide Seiten.

Dotan: Ganz einfach: Ich will unsere guten Beziehungen zueinander fortsetzen. Es hilft beim gegenseitigen Verständnis. Beispielsweise war meine Tochter, die jetzt 40 Jahre alt ist, als junge Frau in Hannover. Sie hat noch immer viele Freunde dort.

Welche Vision haben Sie für die Partnerschaft?

Jagau: Es wäre spannend, wenn am Jugendaustausch nicht nur, wie bisher, überwiegend jüdische Jugendliche teilnehmen würden, sondern auch verstärkt arabische Mädchen und Jungen.

Dotan: Es ist unser Ziel, den Jugendaustausch zwischen der Region Hannover und Unter-Galiläa noch weiter zu verstärken. Das wird dann den Zusammenhalt zwischen den Menschen noch weiter stärken.

Interviews: Mathias Klein

10.000 Menschen leben in Unter-Galiläa

Die Region Unter-Galiläa liegt im Norden Israels zwischen Mittelmeer und See Genezareth. Sie ist rund 300 Quadratkilometer groß, das ist rund ein Achtel der Fläche der Region Hannover. In Unter-Galiläa leben in 18 Dörfern etwa 10.000 Menschen, darunter Juden, Moslems, Christen und Drusen. 17 Prozent der Bevölkerung betreibt Landwirtschaft, auf den sanften Hügeln gibt es viele Getreidefelder. Auffällig sind die zahlreichen Olivenbaumplantagen:

Unter-Galiläa produziert fast die Hälfte des israelischen Olivenöls. Eine offizielle Partnerschaft hat die Region Hannover noch zum Landkreis Posen in Polen. Außerdem gibt es engere Verbindungen zum Landkreis München und der Stadt Lu’an in China. mak

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