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Aus der Stadt Biografie über Herbert Schmalstieg veröffentlicht
Hannover Aus der Stadt Biografie über Herbert Schmalstieg veröffentlicht
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06:15 26.10.2012
Von Bernd Haase
Foto: Der Überflieger: Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg auf dem Sprengel-Gelände – von den Besetzern wollte er sich nicht „am Nasenring durch die Stadt führen lassen“.
Der Überflieger: Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg auf dem Sprengel-Gelände – von den Besetzern wollte er sich nicht „am Nasenring durch die Stadt führen lassen“. Quelle: Andre Spolvint
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Hannover

Man mag sich das heute gar nicht vorstellen, aber es hat zumindest eine theoretische Chance gegeben, dass Herbert Schmalstieg der CDU beigetreten wäre. Der politisch interessierte Schüler hatte sich überlegt, welche Partei für ihn wohl die richtige sei, und im Findungsprozess auch Veranstaltungen der Christdemokraten besucht. Mitglied wurde er dann im Jahr 1960 doch bei der SPD und übernahm wenig später das damals wichtige Amt des Unterkassierers im Ortsverein List-Nord. „Monatlich musste ich bei 60 Mitgliedern die Beiträge einsammeln, anfangs 60 Pfennig bis 3,60 Mark“, schildert Schmalstieg.

Die Tingeltour mit Portemonnaie und Quittungsblock steht also am Anfang einer Laufbahn, die den 1943 geborenen Schmalstieg zu Rekorden führen sollte, die möglicherweise nie mehr gebrochen werden: Mit 28 Jahren jüngster Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt, bei seiner Verabschiedung im Oktober 2006 dienstältester Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Neunmal wurde er in dieses Amt gewählt. Beim letzten Mal plakatierte seine Partei lediglich sein Konterfei mit dem Slogan „Der Hannoveraner“ – eine Würdigung der besonderen Art.

Kein Sezieren des Protagonisten

Aufgeschrieben hat dies jetzt alles der frühere Journalist Michael Krische in der Biografie mit dem Titel „Herbert Schmalstieg – Ein Leben für Hannover“. Sie schildert den Werdegang des Politikers, seine Erfolge und Niederlagen, sagt, was ihn antreibt, würzt das Ganze mit Hintergrundinformationen und Anekdoten und liefert so nicht zuletzt auch ein veritables Stück Stadtgeschichte Hannovers. Krische war im Beruf ein Mann der Nachrichten, und so hat er auch das Buch geschrieben: mit schnörkellosem Text und ohne den heute manchmal üblichen Voyeurismus, wenn es in dem Buch um den Privatmenschen Schmalstieg und dessen Familienleben geht. Den Versuch, den Charakter des Protagonisten zu sezieren, unternimmt Krische gar nicht erst.

1970 klingelte beim damaligen Sparkassenabteilungsleiter Herbert Schmalstieg das Telefon. Am anderen Ende war der legendäre Chef der Lindener SPD, Egon Kuhn, und bat ihn ins dortige Freizeitheim. „Herbert, pass auf, du wirst Oberbürgermeister“, hat Kuhn dem jungen Mann gesagt. Andere Sozialdemokraten wollten das nicht: „Wir halten es für unmöglich, dass ein Genosse in solch kurzer Ratstätigkeit die Erfahrungen gesammelt hat, um die Aufgaben eines Oberbürgermeisters einer Landeshauptstadt zu erfüllen“, stellte der Vorstand der SPD-Abteilung in Limmer fest.

Neun Mal wurde er in das Amt des hannoverschen Oerbürgermeisters gewählt. Nun ist eine Biographie über Herbert Schmalstieg erschienen.

Bekanntlich war das ein Irrtum, aus dem Gerangel vor und hinter den Kulissen ging Schmalstieg als Sieger hervor. Von 1972 an trug ein Mann die Amtskette, dessen Vater im Krieg umgekommen war, der mit seiner Mutter in bescheidenen Verhältnissen in der Lister Klopstockstraße gewohnt hatte, der als Schüler eher durchschnittlich war und bei schlechten Zensuren auch manchmal Haue mit dem Ausklopfer bekam – und der durch politisch aktive Nachbarn auf seinen Weg gebracht wurde.

„Ohne die Expo sähe Hannover heute aus wie Castrop-Rauxel“

Wie Schmalstieg dann die Stadtgeschichte beeinflusst hat und am Ende selbst maßgeblicher Teil von ihr geworden ist, schildert Krische ausführlich. Er lässt die erste U-Bahn-Fahrt mit Schmalstieg am Schalthebel Revue passieren, den Bau von Ihme-Zentrum und Kröpcke-Center durch Investoren, die sich als Tausendsassas präsentierten und als Windbeutel entpuppten. Die Wahlkämpfe Schmalstiegs spielen eine Rolle, das Anfangs gar nicht spannungsfreie Verhältnis zum Parteifreund Gerhard Schröder und die schwierige Anbandelung mit den in den achtziger Jahren noch flegelhaften Grünen. Natürlich gehört ein Kapitel der Expo, die Schmalstieg selbst nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Investitionen als Höhepunkt seiner politischen Laufbahn bezeichnet. „Ohne die Expo sähe Hannover heute aus wie Castrop-Rauxel“, sagt er.

Unvollständig wäre das Buch ohne die wohl bekannteste Schnurre aus Schmalstiegs Amtszeit, dem missglückten Fassbieranstich beim Schützenfest 2005. Weil eine Gummidichtung sich verkantet hatte, wollte der Zapfhahn nicht ins Fass, obwohl Schmalstieg mehrmals kräftig dagegendrosch. Irgendwann schäumte erst das Bier durch ein Ventil und dann der Oberbürgermeister. Die Sache wurde zu einer Art Staatsaffäre, weil der in unzähligen Fassanstichen erprobte Schmalstieg Sabotage witterte und das auch öffentlich verkündete. Das Fass wurde untersucht, der verantwortliche Brauereikonzern entschuldigte sich, und irgendwann war die Sache dann auch wieder gut. „Ich fühlte mich damals vorgeführt“, sagt Schmalstieg.

Und wie war das nun mit der CDU? Dass Schmalstieg anfänglich dort auftauchte, war statt ernsthaften Ambitionen eher dem Hang des Protagonisten geschuldet, vor einer Entscheidung alle Möglichkeiten abzuwägen. Wie die Stadtgeschichte mit einem Christdemokraten Schmalstieg verlaufen wäre, muss daher Spekulation bleiben.

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