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Aus der Stadt „Biologisch“ in Hannover
Hannover Aus der Stadt „Biologisch“ in Hannover
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09:11 14.10.2009
Von Dany Schrader
Endlich angekommen? Heike Dust in der „Biologisch“-Filiale in Linden.
Endlich angekommen? Heike Dust in der „Biologisch“-Filiale in Linden. Quelle: Martin Steiner
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Müslis, Körnerfresser oder Ökös – es waren keine freundlichen Namen, die Spötter einst für die Kunden von Heike Dust erfunden haben. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. „Bio“ zu kaufen gehört für viele Menschen zum guten Ton. Deshalb kommen längst nicht alle Kunden aus Überzeugung in den Lebensmittelmarkt in der Lindener Stephanusstraße, sondern einfach, weil es schick geworden ist, „bio“ zu sein. „Die Zeit der Getreidebreie ist vorbei“, sagt Inhaberin Heike Dust und lacht.

Als sie mit ihrem Partner Manfred Dust vor mehr als 25 Jahren den vermutlich ersten Bioladen Hannovers eröffnete, standen die Zeichen noch anders. Damals stand die Ökobewegung auf ihrem Höhepunkt, es wurde gegen Kernkraftwerke und das Waldsterben demonstriert. Das Leben war politisch, und die Ernährung damit irgendwie auch. Dass in dieser Zeit ausgerechnet die Dusts einen Ökoladen eröffneten, erscheint im Rückblick dann aber doch ein wenig verwunderlich. „Wir waren damals nicht einmal Fans der Grünen und wussten gar nicht, dass es Naturkostläden gibt“, sagt Manfred Dust. Der ehemalige Exportmanager von Bahlsen hatte Anfang der achtziger Jahre mit dem Vertrieb von ökologischem Waschmittel begonnen und zunächst mit seiner Frau Heike den „Teeladen“ in Döhren eröffnet. Damit sich der Verkauf lohnte, kamen nach und nach weitere Biowaren hinzu. Mit dem Sortiment wuchs die Überzeugung. „Wenn man plötzlich Tomaten bekommt, die wieder schmecken wie aus dem Garten, reicht das aus“, sagt Heike Dust.

1984 übernahm das Ehepaar schließlich den „Biologisch“-Laden in der Passerelle. Zuvor hatten drei Studenten das Geschäft betrieben und von Manfred Dust Waschmittel bezogen – doch der Laden rechnete sich nicht. Die Dusts aber entwickelten für die später als Schmuddelecke verschriene Passage eine große Vision von fairem Handel und gesunden, ökologisch erzeugten Lebensmitteln und Produkten. In der Nachbarschaft der ersten Filiale sollte ein ganzes Kaufhaus von Bioprodukten entstehen. Natürlich reichte das Angebot der biologischen Waren damals längst noch nicht so weit wie heute. Es gab keine Biobananen oder gar Fertigprodukte. Süßes wie Schokolade war in der Bewegung verpönt, Getreidemus und Fruchtschnitten waren Trumpf. Der Traum der Dusts schien zwischenzeitlich aber wahr zu werden: In der Nachbarschaft mietete sich eine Biofleischerei ein, und die Dusts eröffneten ein weiteres Geschäft mit Kleidung. „Wir hatten damals schon Socken in Bioqualität“, sagt Heike Dust.

Doch die Passerelle kam nicht voran: Erst hemmte die Drogenszene die Kunden, später die schwarzen Sheriffs. Als dann Nebenkosten ins Unermessliche stiegen, zog das Paar einen Schlussstrich und wagten einen Neustart in einem Hinterhaus an der Lister Meile. Doch trotz Gammelfleisch- und anderen Lebensmittelskandalen, die den Absatz von Bioprodukten auf traurige Weise ankurbelten, kamen nicht ausreichend Kunden. Die Dusts schlossen den Standort. Mittlerweile hat „Biologisch“ in der Stephanusstraße in Linden einen geeigneten Platz gefunden, es gibt eine Filiale mit Kleidung und eine mit Lebensmitteln. Die Kunden, sagt Dust, seien überzeugte Naturkostbefürworter, aber es kämen auch viele Familien, Studenten oder Menschen mit gutem Einkommen, die ein nachhaltiges Leben fördern wollen. Von einigen Idealen mussten sich die Händler dagegen verabschieden: Lebensmittel nur von regionalen Erzeugern zu kaufen, kann sich sich auch Heike Dust, die das Naturkostgeschäft inzwischen allein führt, nicht mehr leisten. Die Kunden wünschen Tomaten außerhalb der Saison, auf frische Bananen mögen die meisten ebenfalls nicht verzichten. „Die Biobewegung droht nicht mehr mit dem erhobenen Zeigefinger – wir passen uns dem Markt an“, sagt Dust.

Ähnliche Erfahrungen macht derzeit auch Sahak Hakobyan. Seit er vor sieben Jahren seine armenische Heimat verließ, um sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen, hat der Jurist schon so einiges erlebt: Er arbeitete im Gartenlandschaftsbau, verlor den Job und lebte von Hartz IV, bis er schließlich in Bad Sachsa über einen befreundeten Gemüsehändler das Biogeschäft kennenlernte. Monate später besichtigte er die „Bittersüß“-Filiale in der Hildesheimer Straße, und wie es der Zufall so wollte, meldete sich der damalige Besitzer wenige Wochen später und bot dem Juristen das Geschäft zum Kauf an, das in Hannover immerhin eine 25-jährige Geschichte hat. Dann ging es los, „von null auf hundert“ wie Hakobyan sagt. Seit Dezember 2008 ist der 37-Jährige verantwortlich für neun Mitarbeiter in zwei Filialen, dem Hauptsitz in der Hildesheimer Straße und dem Geschäft in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße.

Nicht nur deshalb hat Hakobyan viel gelesen in den Monaten, bevor er den Naturkostfachhandel übernahm. Bioprodukte habe es in seiner Heimat zwar gegeben, aber eine jahrzehntealte Biobewegung wie in Deutschland war dem Geschäftsmann bisher fremd. Mittlerweile ist Hakobyan Profi, wenn es die Haushaltskasse zulässt, ernährt sich seine Familie von Bioprodukten. Und auch jetzt noch stapelt sich das Papier auf seinem Schreibtisch im Büro: Für seine Kunden geht es ihm darum, das Spektrum der Angebote stetig zu erweitern, wie etwa jüngst das Regal mit einer Vielzahl an glutenfreien Produkten. Bald will er in ein ökologisches Kühlsystem investieren und mehr Licht in seinem Markt installieren. „Wir haben eine Umfrage gemacht: Die Kunden sind zufrieden“, sagt er. Trotzdem sei es gefährlich, sich darauf auszuruhen, der Konkurrenzkampf mit dem Biosortiment der Lebensmitteldiscounter und der großen Biosupermärkte sei hart. Die Beratung, der Kontakt zum Käufer seien es, was sein Geschäft davon unterscheide. Naturkost bedeute auch Nachbarschaft und Nähe, sagt Hakobyan. In wenigen Wochen wird nur ein paar Straßen weiter ein Biodiscounter eröffnen. Dann, sagt Hakobyan, kommt es drauf an.

Felix Harbart 14.10.2009
Gunnar Menkens 13.10.2009
Hans-Peter Wiechers 13.10.2009