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Aus der Stadt Bombe in der Südstadt erfolgreich entschärft
Hannover Aus der Stadt Bombe in der Südstadt erfolgreich entschärft
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19:40 20.05.2015
Um 2.30 Uhr war die Bombe erfolgreich entschärft. Quelle: Christian Elsner
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Hannover
  • Auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule Birkenstraße ist eine Fünf-Zentner-Bombe gefunden worden.
  • 31.000 Menschen mussten das Sperrgebiet verlassen.
  • Bombe um 2.30 Uhr entschärft.

Der Fund eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg hat den Südstädtern in Hannover eine unruhige Nacht beschert. Rund 31 000 Menschen mussten am Dienstagabend ihre Wohnungen räumen, nachdem Bauarbeiter die Fünf-Zentner-Bombe am Vormittag bei Arbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule Birkenstraße entdeckt hatten. Nach Angaben der Feuerwehr handelte es sich damit um die größte Evakuierungsaktion seit dem Krieg in Hannover und eine der größten bundesweit. 850 Helfer waren im Einsatz.

So lief die Räumung

Die Ereignisse der Nacht zum Nachlesen im Liveticker.

Aus Sicherheitsgründen entschieden sich die Behörden, den Sprengkörper so schnell wie möglich zu entschärfen oder zu sprengen. Gegen 20 Uhr begannen die Einsatzkräfte mit der Evakuierung des Areals zwischen Marienstraße, Altenbekener Damm, Maschsee und Bahntrasse. Für Anwohner, die nicht bei Verwandten oder Bekannten unterkommen konnten, richtete die Stadt eine Notunterkunft in der Swiss-Life-Hall ein. Gegen 1 Uhr war die Evakuierung abgeschlossen. Um 1.30 Uhr konnten die Sprengmeister mit der Entschärfung der Bombe beginnen. Erst um 2.30 Uhr war dann die Bombe erfolgreich entschärft.

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Auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule Birkenstraße in Hannovers Südstadt wurde am 19. Mai 2015 eine 5-Zentner-Fliegerbombe freigelegt. Um 2.30 Uhr am 20. Mai 2015 hatten Bombenexperten den Fünf-Zentner-Koloss entschärft.

Schon am Nachmittag und frühen Abend mussten zahlreiche Südstädter wegen der anstehenden Bombenräumung improvisieren. In der Wilhelm-Raabe-Schule fielen am Nachmittag einige der geplanten mündlichen Abiturprüfungen aus, ebenso ein Konzert der Musikschule. Restaurants, Läden und das Haus der Region an der Hildesheimer Straße schlossen früher als geplant. Nicht weit davon entfernt ließ die Feuerwehr das Dormero-Hotel räumen, auch Bewohner und Mitarbeiter eines Altenzentrums an der Geibelstraße mussten das Gebäude verlassen.

An den U-Bahn-Stationen Geibel- und Schlägerstraße konnten Fahrgäste ab 20 Uhr nicht mehr aussteigen, ab Mitternacht hielten die Stadtbahnen dort gar nicht mehr. Auch der Busverkehr wurde umgeleitet. Im Stadtarchiv an der Straße Am Bokemahle schafften Mitarbeiter wertvolle Schriftstücke aus Restaurierungswerkstatt und Lesesaal im zweiten Stock in den Keller.

Patienten und Mitarbeitern der Klinik im Henriettenstift blieb eine Evakuierung erspart. Die Behörden entschieden sich gegen eine Räumung des Krankenhauses an der Marienstraße am Rand der Evakuierungszone. Stattdessen sicherten sie den Bereich durch den Aufbau von Containern rund um den Fundort der Bombe. Sie sollten die Druckwelle und Splitter in die entgegengesetzte Richtung lenken. Bei der Fliegerbombe handelte es sich nach Angaben der Feuerwehr um einen Sprengsatz mit einem sogenannten Aufschlagzünder.

Die Baustelle an der Birkenstraße ist die größte in der Südstadt. Die Stadt lässt dort für rund 20 Millionen Euro ein neues Bildungszentrum bauen. Der Abriss des Schulgebäudes, in dem zuletzt die Außenstelle der Wilhelm-Raabe-Schule untergebracht war, ist bereits abgeschlossen. Demnächst soll mit dem Bau des neuen Komplexes für das Bildungs- und Sportzentrum „Kiss Birkenstraße – Kita Schule Sport“ begonnen werden.

Mehr als 30.000 Menschen müssen ihre Wohnungen während einer Bombenentschärfung verlassen. Mehrere Tausend Betroffene werden in der Sammelstelle Swiss Life Hall aufgenommen.

So wurde die Bombe entschärft

Bei gut erhaltenen Blindgängern können die mechanischen Zünder oft herausgeschraubt werden. Hat die Bombe Rost angesetzt, geht das nicht mehr. In solchen Fällen kommt ein Wasserstrahlschneidegerät zum Einsatz, erklärt Sprengmeister Ralf Reisener vom Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) Niedersachsen. Das Gerät wurde speziell für den Einsatz bei Bombenentschärfungen entwickelt. „Man kann sich das wie einen besonderen Hochdruckreiniger vorstellen“, erklärt Reisener. Anstatt einen reinen Wasserstrahl presst der Wasserstrahlschneider eine Mischung aus Wasser und Quarzsand in einem nicht einmal einen Millimeter dicken Strahl mit einem Druck von 700 bar aus seiner Düse.

Die Mischung aus Wasser und Sand, kombiniert mit dem hohen Druck, bewirke, „dass man damit durch Metall wie durch Butter schneiden kann“. Die geringe Hitzeentwicklung und fast keine Erschütterung sind für die Entschärfer entscheidend. „Das sind die Faktoren, die man vermeiden sollte, wenn man nicht will, dass die Bombe hochgeht“, sagt Ralf Reisener. Das Verfahren war auch diesmal erfolgreich.

Wer einen Blick auf den Evakuierungsradius rund um die gefundene Fliegerbombe in der Südstadt warf, stellte unweigerlich fest, dass der Kreis eine deutliche Delle im Norden des geräumten Gebietes hatte. Grund dafür, dass der Bereich, in dem sich auch die Henriettenstiftung befindet, nicht so weit in Richtung Süden geräumt werden musste, waren die in dieser Richtung aufgestellten Überseecontainer. Die mit Wasser und Sandsäcken gefüllten Barrieren dienen dazu, bei einer möglichen Sprengung den Druck der Detonation ein Stück weit abzudämpfen.

Leser schreiben der HAZ

So hat Hannover die Bombenräumung erlebt

Auch bei der Entschärfung des Blindgängers, der am 27. August 2013 in der Innenstadt gefunden wurde, kamen die Container zum Einsatz. Damals ließ Sprengmeister Marcus Rausch am Südrand der Bombenfundstelle neben dem historischen Museum neun Hochseecontainer aus dem Lindener Hafen aufstellen. Damit sollte das Friederikenstift in der Calenberger Neustadt vor einer möglichen Druckwelle geschützt werden. Kurzfristig evakuieren konnten die Einsatzkräfte das Krankenhaus nicht.

Größte Bombenräumung der Stadtgeschichte

Hannover war im Zweiten Weltkrieg vielfach Ziel alliierter Bomber. Allein bei dem schwersten Bombenangriff auf die Landeshauptstadt in der Nacht zum 9. Oktober 1943 wurden 261 000 Bomben über Hannover abgeworfen, darunter 3000 Sprengbomben. 1245 Menschen kamen ums Leben, 250 000 wurden obdachlos. Das Stadtzentrum und die dicht besiedelte Südstadt wurden größtenteils zerstört.

Von der bislang größten Evakuierungsaktion in Deutschland seit Kriegsende waren 2011 in Koblenz rund 45 000 Menschen betroffen. In Hannover hatten zuletzt im Januar 2013 in den Stadtteilen Vahrenheide und Sahlkamp 25 000 Menschen ihre Häuser verlassen müssen. Im Sommer vor zwei Jahren musste dann die komplette Innenstadt von Hannover samt Rotlichtviertel geräumt werden.

Immer wieder müssen in Hannover Fliegerbomben entschärft werden. Ein Überblick über die Bombenräumungen der vergangenen Jahre:

Die letzte Bombenräumung in der Region liegt sieben Monate zurück. Am 3. November 2014 musste eine 500 Kilogramm schwere US-Fliegerbombe in Langenhagen gesprengt werden. Dafür mussten 6300 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Sechs Wochen zuvor, am 18. September, hatten Bauarbeiter am Nordring in Hannover-Vahrenwald eine Fliegerbombe entdeckt. 10.000 Menschen mussten aus ihren Wohnungen heraus. Am 8. September 2014 wurde im Baugebiet Seelze-Süd auf einem Acker eine zwei Tonnen schwere Flieger-Bombe gefunden. Damals mussten 14.000 Menschen in einem Evakuierungsradius von zwei Kilometern ihre Häuser verlassen. Die Räumung dauerte bis in den frühen Morgen hinein.

Nach der Entschärfung einer 250-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg in Hannover rechnet die Feuerwehr nicht damit, dass in der Nähe noch weitere Blindgänger entdeckt werden. Das sagte Feuerwehrsprecher Frank Behrens am Mittwochmorgen.

Wer trägt die Kosten?

Alle Kosten des Großeinsatzes und der Räumung werden von der Stadt getragen: Ihr gehört das Grundstück, auf dem die Bombe gefunden wurde, sie ist auch Auftraggeberin der Baustelle. Aber was ist mit den Kosten derer, die von der Räumung betroffen waren? Gastronomen, die ihre Gäste nach Hause schicken mussten, Hoteliers, die Ausweichquartiere für ihre Kunden finden und auf Einnahmen verzichten mussten – alle diese Gewerbetreibenden bleiben auf ihren Einnahmeausfällen sitzen.

„Es handelt sich um einen Fall von höherer Gewalt“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Hintz. Anders wäre es gewesen, wenn die Bombe explodiert wäre. Für die daraus resultierenden Schäden würde die öffentliche Hand aufkommen.

jki/be/miz/frs/mic/tm

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