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Aus der Stadt Integration: Wie Theater Flüchtlingen hilft
Hannover Aus der Stadt Integration: Wie Theater Flüchtlingen hilft
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00:15 11.01.2018
Ist über die Musik zum Theater gekommen: Balen Abbas aus dem Irak. Quelle: Villegas
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Göttingen

 Die Probe läuft, Abdallah Ghbash ist dran. Er spielt einen Radiomoderator und soll auf eine Aussage seiner Assistentin antworten. Nicht auf Arabisch, sondern auf Deutsch. Der bärtige Mann mit der grauen Strickmütze beugt sich über das Skript, hält das Mikrofon vor seinen Mund und mustert seinen Text. „Was?“, fragt er, lacht und schüttelt den Kopf. Dann hat er die gesuchte Stelle gefunden, wagt einen Versuch und gibt den Text wieder – fehlerfrei.

Die Theatergruppe vom Boat People Projekt aus Göttingen arbeitet an ihrem neuen Stück „On Air“. Die Besetzung von Ghbash als Moderator ist authentisch, denn nach seiner Flucht in die Türkei hatte der Syrer tatsächlich beim Hörfunk gearbeitet und über die Situation in seinem Heimatland berichtet. Nach fast drei Jahren musste er Istanbul wieder verlassen und landete schließlich in Göttingen. Nun steht der sonst wortgewandte Mann im Scheinwerferlicht und kämpft mit ihm noch unbekannten Vokabeln. 

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 Unter den mehr als 100.000 Flüchtlingen, die seit 2015 nach Niedersachsen gekommen sind, haben einige vor ihrer Flucht als Schauspieler gearbeitet. Sie versuchen nun, Anschluss in Deutschland und Arbeit in ihrem Berufsfeld zu finden. Dabei drohen viele zu scheitern: Abgesehen von der Fähigkeit, fließend Deutsch zu sprechen, fehlt den meisten ausländischen Schauspielern der Kontakt in die hiesige Theaterszene. 

 Theater im Flüchtlingsheim 

Als eine Anlaufstelle für geflüchtete Schauspieler hat sich schon lange vor der jüngsten Flüchtlingswelle das Boat People Projekt aus Göttingen etabliert. Seit 2009 spielen hier Menschen aus dem Ausland in international gemischten Ensembles, auch mit Profis aus Deutschland. Sieben Mitarbeiter arbeiten fest in der Gruppe, die schon mehrfach für ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit Preise erhalten hat. 

Für Proben und Auftritte wurde ein alter Vorführraum im ehemaligen Institut für wissenschaftlichen Film umgebaut, der direkt an einer Flüchtlingsunterkunft liegt. Durch die Proben und Aufführungen wird den Geflüchteten nicht nur eine Beschäftigung gegeben, sie sensibilisieren die Zuschauer mit ihren Stücken auch für ihre Kultur und die tragischen Geschichten, die ihnen im Krieg oder auf der Flucht widerfahren sind. 

Flüchtlinge machen Theater: Das Boat People Projekt in Göttingen

Mitbegründerin des interkulturellen Theaterprojekts ist neben Autorin und Regisseurin Luise Rist auch Nina de la Chevallerie. Sie ist ebenfalls als Regisseurin und als Produzentin dabei. „Sprache und Theater gehören in unserem Kulturkreis sehr stark zusammen“, sagt de la Chevallerie. Bisher sei es eher ungewöhnlich, eine Rolle mit einem Schauspieler zu besetzen, der nicht akzentfrei Deutsch sprechen könne. Deutsche Theater seien deshalb kaum divers gemischt. „Jeder Mensch mit Migrationshintergrund in einem Ensemble ist so automatisch eine Interpretation“, sagt die Produzentin. Um die Unterschiedlichkeit der Darsteller zu etwas Normalem zu machen, müsse man mehr Rollen mit ausländischen Schauspielern besetzen. 

Balen Abbas ist so etwas wie der Spaßvogel beim Boat People Projekt. Schwarz gekleidet und mit einem Zylinder auf dem Kopf schlendert er durch den Probenraum, singt arabische Lieder und albert mit seinen Kollegen herum. Der 27-jährige Kurde ist vor einem Jahr aus dem Irak nach Göttingen gekommen. „Früher habe ich als Maler gearbeitet“, sagt er. Seitdem er in Göttingen wohne, habe er gelernt, vier Instrumente zu spielen. Außerdem kann er nun zusätzlich zu seiner Muttersprache Persisch und Deutsch sprechen. 

Zum Theaterprojekt kam er über das Interkulturelle Orchester in Göttingen. Abbas wurde wegen seines Talents als Sänger und seiner Ausstrahlung zum Theater gelotst. „Ich habe da mitgemacht, um mich auszudrücken“, sagt der Kurde. Das Leben in seiner Unterkunft sei trostlos und die Musik eine wertvolle Beschäftigung gewesen. So ist er auf Umwegen zum Theater gekommen. Nach der Arbeit mit dem Ensemble könne er sich vorstellen, eine Ausbildung zu machen, sagt der 27-Jährige. „Ich habe den Wunsch, Tontechniker zu werden.“ In Göttingen habe er aber noch kein passendes Angebot gefunden. 

Ein festes Ensemble gibt es beim Boat People Projekt nicht. „Das können wir uns leider nicht leisten“, sagt de la Chevallerie. Für jedes Stück werden die Rollen neu vergeben und Fördermittel beantragt, um die teils professionellen Darsteller, Regisseure, Musiker und Dramaturgen bezahlen zu können. 

Muss es denn immer Krieg sein? 

Geld für Schauspiele mit Flüchtlingen gibt es von den Förderstellen überwiegend, wenn die Geschichten von Flucht, Krieg oder kulturellen Unterschieden handeln. „In dem Moment, in dem man mit geflüchteten Menschen zusammenarbeitet, werden Flucht und Heimat immer eine Rolle spielen“, sagt Regisseurin Rist. Würden die Menschen nicht mehr mit ihrer Heimat verbunden werden, sei das eine Verleumdung. „Ich kann mich davon nicht frei machen“, sagt Rist

Auch de la Chevallerie will die Vergangenheit der Flüchtlinge nicht ausblenden. „Man kann nicht einfach sagen, es gibt keine Probleme. Das hilft niemandem weiter“, sagt sie. Sie sieht allerdings auch die Gefahr, dass Flüchtlinge durch die eingeschränkte Themenfreiheit auf Kriegserlebnisse und Flucht reduziert werden. „Ich will ja auch nicht auf meine Rolle als Frau oder Mutter reduziert werden“, sagt die Regisseurin. Die Erfahrung lasse sich als Kompetenz vielleicht nutzen, „aber nur, wenn man das auch wünscht.“ 

Im kommenden Sommer müssen die Boat People ausziehen: Das alte Gebäude, in dem sich seit zwei Jahren der Probenraum befindet, soll abgerissen werden. Sorgen, eine neue Heimat für das Theater zu finden, macht sich de la Chevallerie aber bisher nicht. „Die Eigentümer helfen uns sehr.“ 

Das Boat People Projekt gastiert mit dem Stück „Die Probe – Galixeo in Deutschmania“ am Freitag und Sonnabend, 9. und 10. Februar, im Pavillon Hannover. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Das neue Stück „On Air – das Boat People Song Projekt“ feiert am Sonnabend, 3. Februar, um 19.30 Uhr Premiere auf der Bühne des Boat People Projekts in Göttingen, Nonnenstieg 72. Dort sind noch sieben weitere Aufführungen geplant.

Schauspieler wie Musiker beraten

Um geflüchtete Schauspieler und niedersächsische Theater zusammenzubringen, soll noch in diesem Jahr eine eigene Stelle geschaffen werden. „Der Antrag des Landesverbands Freier Theater liegt beim Ministerium“, sagt Birte Werner von der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. Werde dieser angenommen, helfe künftig Nina de la Chevallerie, Mitbegründerin des Göttinger Boat People Projekts, Flüchtlingen mit entsprechender Qualifikation dabei, als Schauspieler Fuß fassen zu können.  

Als Vorbild dient das wesentlich umfangreich aufgestellte Welcome Board des Musiklandes Niedersachsen. „Wir sind im Moment mit rund 130 Musikschaffenden im Gespräch“, sagt Geschäftsführer Markus Lüdke. Der Startschuss für die Initiative fiel 2016. Derzeit kümmern sich fünf Mitarbeiter darum, professionelle Musiker aus dem Ausland zu beraten, mit Ensembles und Orchestern in Kontakt zu bringen und sich für kulturelle Vielfalt einzusetzen. Dafür erhält das Musikland Niedersachsen eine Förderung des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. 

„Bei uns liegt der Fokus erst einmal auf den professionellen Musikschaffenden“, sagt Lüdke. Dabei sei aufgefallen, dass es in Deutschland etwas anderes bedeute, ein professioneller Musiker zu sein, als etwa in Syrien oder Afghanistan. „Da muss man schon realistisch sagen: Es gibt einige Menschen, die in ihren Ländern von der Musik leben konnten und hier sehen, dass es eher schwierig wird.“ Die Mitarbeiter des Welcome Boards suchen dann mit dem Künstler nach einer Perspektive.

Von Nils Oehlschläger