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Aus der Stadt 96-Fan wegen Böllerwurfs verurteilt
Hannover Aus der Stadt 96-Fan wegen Böllerwurfs verurteilt
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00:15 04.03.2015
Quelle: Lübke / Symbolbild
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Wolfsburg

Mit Gefängnisstrafen hat das Amtsgericht Wolfsburg am Montag den Böllerwurf aus der VW-Arena beim Spiel des VfL gegen Hannover am 25. Januar 2014 geahndet. Der 28-jährige Haupttäter, der aus Langenhagen stammt, wurde zu 14 Monaten, ein 55-Jähriger zu sieben Monaten verurteilt, jeweils mit Bewährung. Der 28-Jährige muss zudem 800 Euro an die Opferschutzorganisation Weißer Ring bezahlen, der Mitangeklagte 400 Euro. Bei der Explosion des Böllers im Gästeblock war ein 40 Jahre alter 96-Fan verletzt worden.

Beide Angeklagte, die vom hannoverschen Rechtsanwalt Andreas Hüttl vertreten wurden, räumten die Tat gleich zu Beginn ein. Der 28-Jährige hatte den Monsterböller chinesischer Produktion, den er am Neujahrstag beim Spazierengehen gefunden haben will, mitgebracht und geworfen, der 55-jährige Mitangeklagte hatte die Lunte mit seiner Zigarette angesteckt. Beide bestritten allerdings, mit Vorsatz gehandelt zu haben – es sei eine unüberlegte Dummheit gewesen, über deren Folgen man sich nicht im Klaren gewesen sei. Der Verteidiger des 55-Jährigen sprach sogar nur von Fahrlässigkeit und plädierte auf Freispruch.

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Das sah der Vorsitzende Richter – ebenso wie der Staatsanwalt – anders: „Am Vorsatz besteht kein Zweifel.“ Dies hätten unter anderem die Bilder aus der Videoüberwachung belegt, die im Gerichtssaal abgespielt wurden. Der Richter: „Diese Strafe dient auch der Signalwirkung. So etwas darf nicht sein in einem Fußballstadion.“

Beiden Angeklagten drohen weitere teure Konsequenzen. Der DFB hatte Hannover 96 zu 50.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Diese Summe wird der Verein versuchen, sich von den Tätern zurückzuholen. Auch Opfer und Krankenkasse dürften Ansprüche stellen.

Wie sich im Verlauf des Verfahrens herausstellte, sind die Verletzungen des Opfers allerdings ganz offensichtlich nicht so schwer, wie zunächst befürchtet. Mediziner zweier Kliniken kamen nach der Untersuchung des 40-Jährigen zu dem Schluss, dass seine beiden Trommelfelle völlig intakt sind und durch die Detonation des Böllers nicht beschädigt wurden. Der 40-Jährige macht dagegen bis heute Taubheit, Depression und Angstzustände geltend, weswegen er sich auch per Attest am Montag entschuldigte. Der Staatsanwalt räumte offen ein, dass seine Behörde „gewisse Zweifel an der Glaubwürdigkeit“ des Opfers hege. Zumal der Mann sich der von der Anklagebehörde geforderten Begutachtung „entzogen“ habe und nicht einmal seine Anwältin als Nebenklagevertreterin dem Prozess beiwohnte: „Das ist ungewöhnlich. Unser Eindruck ist, dass er bei dem Verfahren nicht aktiv mitarbeitet.“

Bereits kurz nach dem Böllerwurf hatte sich der 40-Jährige seltsam verhalten. Er hatte gegenüber der Polizei angegeben, Drohbriefe erhalten zu haben und beim Spazierengehen in einem Park in Ronnenberg von mehreren Männern zur Einschüchterung zusammengeschlagen worden zu sein. Die Behörden konnten allerdings wenig herausfinden, das Verfahren wurde eingestellt.

Verteidiger Andreas Hüttl fand im Prozess am Montag auch deutliche Worte für das Verhalten des 40-Jährigen. Das Opfer sehe seinen Mandanten offenbar als „Eier legende Wollmilchsau“ an. „Das Opfer will offenbar aus dem Stadion direkt in die Rente“, sein Mandant solle dafür zahlen, so Hüttl.

Uli Franke

Ein Wurf mit weitreichendem Nachspiel

25. Januar 2014: Kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit der Partie VfL Wolfsburg gegen Hannover 96 detoniert im Gästeblock ein Böller. Der Lärm der Explosion ist so gewaltig, dass er im gesamten Stadion zu hören ist. Der damals 39-jährige Fliesenleger aus Ronnenberg kommt mit angeblich schweren Verletzungen in ein Krankenhaus. Nach Abpfiff der Partie nimmt die Polizei den damals 27 Jahre alten Jan G. aus Langenhagen fest. Er ist anhand der Videoüberwachungsanlage als Haupttäter identifiziert worden. Gegen G. wird ein bundesweites, dreijähriges Stadionverbot verhängt.

6. März: Fünf Wochen nach dem Böllerwurf von Wolfsburg meldet sich das Opfer erneut bei der Polizei. Es gibt an, beim Spazierengehen in einem Park in Ronnenberg-Empelde von fünf bis sechs Angreifern mit Kapuzenpullovern getreten und geschlagen worden zu sein. Er solle die Strafanzeige gegen Jan G. zurücknehmen, sonst müssten er und seine Lebensgefährtin mit weiteren Konsequenzen rechnen, sollen die Angreifer gesagt haben. Einen Tag zuvor will der Fliesenleger einen Zettel mit ähnlichen Forderungen und Drohungen in seinem Briefkasten gefunden haben.

7. März: Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft durchsucht die Polizei am Abend die Wohnung des mutmaßlichen Böllerwerfers in Langenhagen. Es steht der Verdacht im Raum, der junge Mann könne die Schlägertruppe auf das Bölleropfer angesetzt haben. Die Polizisten beschlagnahmen Computer und Speichermedien.

8. März: Der Fliesenleger schaltet erneut die Polizei ein. Es soll einen Einbruchsversuch an seiner Wohnung gegeben haben, der möglicherweise im Zusammenhang mit dem Wolfsburger Böllerwurf steht.

18. März: Die Wolfsburger Polizei veröffentlicht das Foto des mutmaßlichen Komplizen des Böllerwerfers. Wenige Tage später stellt sich der 55-Jährige den Behörden.

23. Juli: Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen wegen des angeblichen Angriffs auf das Bölleropfer im Park ein. Trotz umfangreicher Ermittlungen habe sich kein konkreter Tatverdacht gegen eine bestimmte Person ergeben, so die Staatsanwaltschaft.

28. Oktober: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig erhebt Anklage gegen Jan G. und den 55-jährigen Helfer.

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