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Aus der Stadt Bröckelt der Frieden am Flüchtlingsheim?
Hannover Aus der Stadt Bröckelt der Frieden am Flüchtlingsheim?
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00:15 09.05.2015
Von Gunnar Menkens
„In der Heimat gibt es nur Armut, Hunger, Krieg“: Der 23-jährige Hamady kam mit dem Boot über Lampedusa. Quelle: Körner
Hannover

Im Stadtteil hört man Geschichten. Eine Frau wurde überfallen, und bald kam der Verdacht auf, dass vielleicht ein Flüchtling aus dem ehemaligen Oststadtkrankenhaus in der Nähe der Täter gewesen sein soll. Es soll vorkommen, dass in deutschen Vorgärten Zigarettenkippen liegen, womöglich von Bewohnern über den Zaun geschnipst. Ein Einbruch, heißt es, gehe auf das Konto eines Bewohners. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich, dass weitere Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus unterkommen, etwa im Hauptgebäude.

Henning Hofmann kennt diese Geschichten, der Sozialdemokrat ist Bezirksbürgermeister in Buchholz-Kleefeld, hier steht die größte Notunterkunft in Niedersachsen. Vom ersten Tag an haben Bürger die Menschen in der ehemaligen Klinik unterstützt. Trotzdem gibt es zum ersten Mal so etwas wie Unmut. Im Bettenhaus wohnen derzeit 527 Menschen, die meisten aus Syrien, Ghana, dem Irak und Algerien. Hofmann sagt: „Man wird immer jemanden haben, der sich nicht regelkonform verhält. Ich bin viel im Quartier unterwegs, ich habe nicht den Eindruck, dass es unsicherer geworden ist.“ Ist es dennoch in Ordnung, weitere Flüchtlinge in Etagen und Flure des früheren Krankenhauses zu holen? Bürgermeister Hofmann hat dazu eine sehr feste Meinung: „Wir werden niemanden in Zelten unterbringen.“ Wie viele Flüchtlinge insgesamt in der früheren Klinik unterkommen, ist offen. In der Ratspolitik war von 800 bis 1000 Plätzen die Rede. Marc Schalow, im Rathaus Bereichsleiter für Stadterneuerung und Wohnen, sagte gestern: „Keine 1000, sehr wahrscheinlich auch keine 800.“

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In den Stunden vor der Bürgerversammlung im Gasthaus Zur Eiche kommen am Dienstag wieder Flüchtlinge an. Im Foyer sehen sie zahlreiche Zettel, auf denen in mehreren Sprachen Angebote vom Deutschen Roten Kreuz und ehrenamtlichen Helfern zu lesen sind. Deutschkurse, Sport, Begleitung bei Behördengängen. Es gibt eine Kleiderkammer, ein kleines Spielzimmer für Kinder. Familien wohnen in einem Raum, Großfamilien leben in etwas größeren Zimmern. Aber der Großteil der Flüchtlinge hier sind junge Männer, und sie müssen sehen, wie sie sich den ganzen Tag beschäftigen.

Ehab ist 19, er kommt aus dem Sudan, seine Haare sind modisch geschnitten, so, wie sie auch viele Fußballer tragen. Seine Kappe trägt er mit dem Schirm nach hinten. Mit Freunden war er bei Primark in der City, um günstig Klamotten einzukaufen, die Papiertüte trägt er noch in der Hand. Er sagt, sein Weg nach Hannover habe ihn über Libyen, Sizilien, Mailand und die Schweiz geführt. 2000 Dollar musste er für die Überfahrt bezahlen. Wenn man ihn fragt, was er den ganzen Tag über macht, allein oder mit seinen Freunden zusammen, dann sagt er: „Nichts“, und zieht die Schultern hoch. Keine Arbeit, kaum Geld. „Keine Freundin“, sagt sein Begleiter. Auf den Zimmern sei es schwierig, allein Zeit zu verbringen, dann muss unter einen Hut gebracht werden, was junge Männer gerade vorhaben. „Manchmal, wenn man schlafen will, dann reden die anderen oder rauchen.“ Besucher des Heims erzählen, dass sich in manchen Fluren 16 Bewohner einen Herd teilen müssen.

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Ehab lebt mit einer Aufenthaltsgestattung in Deutschland, wie auch sein Freund Hamady. Bis Juni 2015 darf der 23-Jährige hierbleiben, einen Monat noch, aber dieses Dokument wird verlängert, bis über sein Asylverfahren entschieden ist. Hamady überlebte die Fahrt mit einem Flüchtlingsboot, meist sieht man sie im Fernsehen, wenn es wieder Tote gegeben hat. Der Sudanese schaffte es bis Lampedusa, von dort führte ihn sein Weg über Frankreich nach Deutschland. Sieben Tage lang war er unterwegs. Inzwischen versteht er ein bisschen Deutsch. In seiner Heimat, sagt er, arbeitete er in einer Bäckerei, aber Afrika? „Da ist alles schlecht. Es gibt Armut, Hunger und Krieg.“

So leben in Groß-Buchholz Menschen mit Biografien nebeneinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Aus schlimmer Armut kommen die einen, manche froh, ihre gefährliche Reise überlebt zu haben. Und nebenan leben hannoversche Bürger, aufgewachsen in Wohlstand und der Ruhe ihres Stadtteils. So wie das Ehepaar Dirk und Heide Stock. Sie wohnen praktisch um die Ecke, nur wenige Minuten zu Fuß vom Oststadtkrankenhaus entfernt. Dass es ihnen gut geht, verstehen sie als Verpflichtung zu helfen. Heide Stock kümmert sich um Frauen und Kinder, ihr Mann begleitet, wie 30 weitere Bürger auf einer Liste, Flüchtlinge dorthin, wo Verständigung nötig ist, zu Behörden wie Ärzten. Stock glaubt, dass Sozialarbeiter in der Unterkunft oft an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit arbeiten. Immer gebe es Unwägbarkeiten, die Tage seien kaum zu planen.

An diesem Wochenende feiert das Oststadtkrankenhaus ein Fest, und Heide Stock hofft, mehr über die Menschen dort zu erfahren. Noch immer ist es so, dass sie mit all den Helfern, „ich mache das ja wirklich nicht allein“, nicht genau weiß, was die Frauen wollen. Es gibt keine Dolmetscher im Haus, und so bieten sie aufs Geratewohl an, was Kindern gefallen könnte. Spielen, vorsingen, deutsche Wörter üben. Manche Kinder seien traumatisiert, dann sei es schwierig, sie zu beteiligen. Das Fest also, es ist ein neuer Versuch, Menschen so unterschiedlicher Herkunft in Groß-Buchholz zueinanderzubringen, dort, wo Niedersachsens größte Notunterkunft steht.

Ein Einbruch schürt Ängste

Für 130 Zuhörer musste Bezirksbürgermeister Henning Hofmann in der Gaststätte Zur Eiche am Abend Stühle zusammenrücken lassen. Es ging um die Frage, wie viele Flüchtlinge im alten Oststadtkrankenhaus in Zukunft ankommen und ob von den Bewohnern womöglich eine höhere Kriminalität ausgehe – und mit mehr Menschen vielleicht mehr Polizeieinsätze nötig werden. Gerd Lewin, Leiter der Polizeiinspektion Ost, klärte auf. „Natürlich haben wir Einsätze im Oststadtkrankenhaus. Wo 527 Menschen wohnen, darunter viele alleinreisende Flüchtlinge, da gibt es Reibereien.“ Offenbar, wie Gabriele Allgeier vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) sagte, gerieten immer dieselben Männer aneinander.

Der einzige Einbruch, der in Verbindung mit der ehemaligen Klinik stand, sei verübt worden von einer Person, die dort „nicht aufenthaltsberechtigt“ war, sagte Lewin. Ein Mann fragte: Was wurde aus den Ermittlungen, die nach dem Überfall auf seine Frau begonnen wurden? Ein Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes berichtete, der Täter sei kein Bewohner der Unterkunft gewesen. Empörung kam auf, als Winfried Mokrus von einer örtlichen Unternehmerinitiative berichtete, die Zahl der Diebstähle sei zuletzt im lokalen Handel gestiegen. „Das ist Panikmache“, rief ein älterer Bürger, durch nichts sei belegt, dass dies mit Flüchtlingen zusammenhänge. Beifall.

Polizeichef Lewin sagte, die Zahl der von Flüchtlingen verübten Ladendiebstähle liege für ganz Hannover „bei deutlich unter 20“. Ein Mitglied des „Willkommennetzwerkes“ sagte, er sei erschüttert, dass einzelne Teilnehmer versuchten, Flüchtlinge in eine kriminelle Ecke zu drücken. Am Ende hatte sich die Versammlung gedreht. Niemand sprach mehr von einem „Pulverfass“ oder Kriminalität. Es stellten sich einzelne Arbeitsgruppen vor, wie sie helfen im Oststadtkrankenhaus und was Flüchtlinge im Alltag benötigten.

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