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Aus der Stadt Ende der Woche schließt Lehmanns-Filiale
Hannover Aus der Stadt Ende der Woche schließt Lehmanns-Filiale
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00:21 16.01.2015
Von Martina Sulner
Der Anfang vom Ende: In der Lehmanns-Buchhandlung zeugt alles von der bevorstehenden Schließung in wenigen Tagen.
Der Anfang vom Ende: In der Lehmanns-Buchhandlung zeugt alles von der bevorstehenden Schließung in wenigen Tagen. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Olly Murs und Justin Bieber gibt es jetzt billiger. Zumindest als Kalender. 30 Prozent sind die Jahreskalender mit Fotos der Popstars und auch jene mit Kunst,- Landschafts- und Pferdemotiven günstiger. Wer die Filiale von Lehmanns Media in der Georgstraße betritt, sieht so einige Angebots- und Rabattschilder. Es sind die letzten Tage des Buchhauses: Am Sonnabend schließt es endgültig – und macht Platz für eine große Rossmann-Filiale.

Auf einem Schild bedankt sich das Unternehmen Lehmanns bei den Kunden für deren Treue und Vertrauen. Und preist ein paar Meter weiter Dekoartikel und Möbel an. Bücher unterliegen in Deutschland der Buchpreisbindung und dürfen auch bei einem Räumungsverkauf nicht verbilligt über den Tresen gehen. Doch weiße Kaffeetassen (50 Cent) und bunte Glasflaschen (2 Euro) werden zu Mini-Preisen angeboten.

Viele Regale und Aufsteller sind bereits herausgeräumt, die übriggebliebenen zum großen Teil leer. In der Buchhandlung herrscht eine merkwürdige Stimmung - eine Mischung aus öde und gespenstisch. Das erinnert an einen privaten Auszug: Wenn man das Wohnzimmer leer räumt, wirkt der Raum plötzlich schäbig; man sieht die Macken an der Tapete, schmutzige Ränder an der Fußleiste. Der rote Teppich der Filiale mit dem eingewebten „W“ - Erinnerung daran, dass in dem Haus bis 2007 das Buchhaus Weiland zu finden war - hat seine besten Jahre eindeutig hinter sich.

Es gibt nicht viel, was Uwe Seeler, Asfa-Wossen Asserate und Jostein Gaarder gemein haben. Die Fußballlegende, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers und der norwegische Bestsellerautor („Sofies Welt“). Doch es gibt etwas, das sie verbindet: Sie alle waren in den vergangenen Jahren im Drachentöterhaus zu Gast, in mehr oder minder literarischer Mission.

Nur wenige Kunden stöbern in den übriggebliebenen Büchern und Kalendern; Buchhändler ordnen das verbliebene Sortiment. Mit Journalisten mag kaum einer von ihnen reden, auch Filialleiterin Verena Thiemeyer nicht. Sie seien emotional am Ende, sagt eine Mitarbeiterin. Es war ein langer Abschied.

Spiegelbild für die Entwicklung des Buchhandels

Schon seit einem Jahr ist bekannt, dass Lehmanns - das Kölner Unternehmen hat hauptsächlich Fachbuchhandlungen - seine größte Filiale aufgibt. Da wird nicht nur ein Ladenlokal abgewickelt: Die Buchhandlung im Drachentöterhaus spiegelt auch die Entwicklung des deutschen Buchhandels. Als Weiland dort als Nachfolger des Elektrokaufhauses Brinkmann im Herbst 2003 auf 3500 Quadratmetern öffnete, waren viele Leser begeistert von der Größe, der Auswahl, dem modernen Ambiente. Wer erfolgreich sein wollte, so das damalige Credo der Branche, musste Masse bieten: je mehr Titel, desto besser.

Doch in den vergangenen Jahren haben auch mächtige Ketten wie Thalia oder Hugendubel erkannt, dass diese Strategie auf Dauer nicht erfolgreich ist. Thalia hat in den vergangenen zwei Jahren gut 20 Filialen geschlossen und weitere verkleinert. Leser nutzen mehr und mehr E-Reader, oder sie kaufen im Internet, sagt Carola Markwa, die lange die Lehmanns-Filiale in der Georgstraße geleitet hat und jetzt Geschäftsführerin des Landesverbands Niedersachsen beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist (Interview rechts).

Insgesamt hat der Buchhandel mit Umsatzrückgang zu kämpfen. Dabei sind es manchmal gerade die kleineren, inhabergeführten Geschäfte, die Kunden an sich binden können und die schwierige Marktsituation besser durchstehen als große Konkurrenten.

Filiale in der Ladenpassage der MHH

Lehmanns erlebt das gerade von beiden Seiten: Während man in der Innenstadt schließt, ist man in der kleinen Filiale in der Ladenpassage der Medizinischen Hochschule (MHH) durchaus zufrieden. Maike Bialas, die im Unternehmen die Regionalleitung Niedersachsen innehat und für die MHH-Filiale verantwortlich ist, ist vor eineinhalb Jahren von der Georgstraße in den Roderbruch gewechselt. Auf 200 Quadratmetern findet man dort medizinische Fachliteratur, aber auch Belletristik, Kinder- und Jugendbücher, Postkarten, Schnickschnack.

Auch sie spürten den Wandel der Branche, sagt Bialas, doch sie müssten keinen Umsatzeinbruch verzeichnen. Neben Patienten oder Besuchern, die bei ihnen kauften, hätten sie viele Stammkunden: MHH-Mitarbeiter und Leser, die in der Nähe der Hochschule wohnen. Am 4. Februar, 16 Uhr, organisiert die Filiale erstmals eine Lesung: Alexander Kugelstadt stellt in der MHH sein Buch „Berufseinstieg Arzt“ vor.

Manche Kunden haben Maike Bialas oder eine der drei weiteren Mitarbeiterinnen auf das Ende der Innenstadtfiliale angesprochen. Viele Hannoveraner fänden das traurig, sagt die Regionalleiterin. Für Kathrin Dittmer, Geschäftsführerin des Literaturhauses, ist das bedauerlich, „weil es auch darauf hinweist, dass sich die Branche in Richtung Onlinehandel umstrukturiert“. Und Dirk Eberitzsch von Leuenhagen & Paris ist traurig, dass „in der Stadt jetzt eine ganze Menge an Buch verloren geht“. Schließlich hatte erst zur Jahresmitte die 1765 Quadratmeter große Filiale von Hugendubel in der Ernst-August-Galerie geschlossen.

„Eine Korrektur des Marktes“

... bei Carola Markwa, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Niedersachsen

Frau Markwa, ist das Ende von Lehmanns in der Georgstraße symptomatisch für die Situation des Buchhandels?
Ein klares Nein, es ist eine Korrektur des Marktes. Von Mitte der Neunzigerjahre bis 2003, 2004 favorisierten viele Buchhandlungen Großflächen, die lange auch erfolgreich waren. Doch seitdem hat sich der Handel verändert. Das Onlinegeschäft ist enorm wichtig geworden, zum Beispiel von Amazon, aber auch bei rund 3000 Buchhandlungen, die eigene Onlineshops betreiben. Grundsätzlich ist der Trend wieder stärker zur inhabergeführten Buchhandlung gegangen, zum klassischen Einzelhändler.

Hat Lehmanns diese Entwicklung verpasst?
Das zentrale Problem ist die große Fläche in der Georgstraße und die damit verbundenen Kosten. Auch wenn der Quadratmeterpreis erst mal akzeptabel erscheint, ließ sich die Miete – auf die Größe der Gesamtfläche gerechnet – nicht erzielen. Schwierig war zudem, dass die Innenstadt sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat: Es gab lange Bauzeiten, etwa am Kröpcke-Center, und einige Leerstände. Das machte die City für Käufer nicht attraktiver – und darunter hatte Lehmanns zu leiden.

Und die hannoverschen Buchkäufer sind jetzt die Dummen?
In der gesamten Stadt gibt es immer noch viele gute, attraktive und kompetente Buchhandlungen. Dennoch ist das Ende von Lehmanns wirklich schade. Das Geschäft hat für Hannover Maßstäbe gesetzt: Lehmanns hat viele tolle Lesungen veranstaltet, war in Sachen Freundlichkeit und Kundenorientierung vorbildlich. Außerdem war es die erste Buchhandlung der Stadt, die bis 20 Uhr geöffnet hatte. Das Ende ist bedauerlich, doch Leser finden in Hannover immer noch eine sehr große Auswahl an Buchhandlungen.

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