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Aus der Stadt Schätze, Strafen, Schreckensherrschaft
Hannover Aus der Stadt Schätze, Strafen, Schreckensherrschaft
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21:23 28.11.2014
Von Michael Zgoll
Prof. Volker Lessing hat ein Buch über das Amtsgericht Hannover geschrieben.  Quelle: Wallmüller
Hannover

Gibt’s das? Richter, die die Gesetze nicht kennen? Die sie noch nicht einmal lesen können? Und sich mit jedem Urteil die Taschen vollstopfen? Professor Volker Lessing kennt einige. Natürlich nicht persönlich, schließlich haben die rechtsprechenden Vögte und Herzöge im Mittelalter gelebt. Doch weil der 69-Jährige zwei Jahre in Archiven gehockt und meterweise alte Akten studiert hat, weiß er inzwischen viel über die Historie hannoverschen Rechts, ist insbesondere Experte für die Baugeschichte des hiesigen Amtsgerichts. Die Ergebnisse der Fleißarbeit sind jetzt in einem Buch nachzulesen. „Amtsgericht Hannover – ein Lesebuch mit Bildern“ heißt das 287-Seiten-Werk, das der frühere Präsident gestern vorgestellt hat.

Volker Lessing ist ein umtriebiger Mann. Immer noch. Der Jurist, der ganz entfernt mit dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing verwandt ist und lange der Verwaltungshochschule in Hildesheim vorstand, kümmerte sich schon zu Zeiten seiner Präsidentschaft am Amtsgericht – zwischen 1999 und 2010 – um mehr als nur Paragrafen. Er verschaffte dem schmucken Bau am Volgersweg ein ganz neues Publikum, das dort Konzerte oder Theaterstücke besuchte. Er gründete einen Verein für herzkranke Kinder, war aktives Mitglied in diversen juristischen Vereinigungen. Und er trieb die Sanierung des „Neuen Justizpalastes“ voran, der zwischen 1907 und 1911 gebaut worden war.

Prof. Volker Lessing kennt das Amtsgericht Hannover von innen und außen – und die alten Akten des Hauses auch. Bilder aus dem Amtsgericht Hannover.

„Vom großen Sitzungssaal bis zum letzten Keller kenne ich jeden Raum“, erzählt der 69-Jährige. Als man zwischen 2005 und 2008 Dachstuhl und Ziegel erneuerte, wurden Kilometer von Gerichtsakten gesichtet, weggeworfen, umgelagert. Dabei stieß Lessing auf einen Schatz: Zehn verstaubte Kartons mit den Bauakten des historischen Hauses, die die Entstehung des „Geschäftsgebäudes für die Zivilgerichtsbarkeit des Land- und Amtsgerichts in Hannover“ lebendig werden ließen. Ab diesem Moment, erinnert er sich, keimte die Idee, ein Buch über seine Arbeitsstätte zu schreiben. Dass die Bauakten in Sütterlin geschrieben waren, konnte Lessing nicht schrecken: Die veraltete Schrift kannte er noch aus seiner Kindheit. Und er bekam einen Zugang zur staubtrockenen Lektüre: „Irgendwann haben sich die Akten für mich wie ein Roman gelesen.“

Das Areal am heutigen Raschplatz und Weißekreuzplatz war schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Justizgelände. 1875 wurde das „Königliche Zellengefängnis“ in Betrieb genommen, 1882 der erste „Justizpalast“. Dieser wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute befinden sich auf dieser Fläche die Gebäude von Staatsanwaltschaft und Landgericht. Weil sich die Stadt Hannover im Zuge der Industrialisierung und Eingemeindung etlicher Ortschaften rasant ausdehnte und die Aufgaben der Justiz immer vielfältiger wurden, reichte der Platz im „Alten Justizpalast“ schon bald nicht mehr aus – und der Bau des heutigen Amtsgerichts wurde in Angriff genommen. Dass die Richter zu wenig Platz haben, blieb aber auch danach ein Problem; selbst im Anzeiger-Hochhaus war in den zwanziger Jahren eine Abteilung untergebracht.

Beim Neubau des Amtsgerichts ging es zu wie im heutigen Wirtschaftsleben, fand Lessing heraus. Die Handwerksbetriebe rangelten um Aufträge, hannoversche Unternehmen fühlten sich benachteiligt, zogen gegenüber den bestens vernetzten Firmen aus der Hauptstadt Berlin oft den Kürzeren. Auch hofften viele Bildhauer, Aufträge für die Fertigung von Löwenköpfen, Königskronen und Putten zu ergattern, das Treppenhaus modellieren oder die Stuckdecken formen zu dürfen.

Viele Künstler waren aber schon verschuldet, als sie ihre Arbeiten am Amtsgericht begannen. So mussten einige die Honarare gleich an ihre Hausbank abtreten. Volker Lessing erzählt in seinem Buch viele kleine Geschichten über die Entstehung und Bedeutung von Fassadenelementen, Skulpturen und Wandbrunnen. Er gibt aber auch einen Abriss über die Historie der Justiz in Hannover. Über die willkürliche Rechtsprechung im Mittelalter, in der Gleichheit vor dem Gesetz ein Fremdwort war und der Adel Prozesse verhindern oder beeinflussen konnte. Über die Todesurteile, die der Marktkirchentürmer mit dem Läuten der Feuerglocke öffentlich machte. Oder die bahnbrechenden Justizreformen nach 1848, die die heute selbstverständliche Trennung von Politik, Polizei und Gerichtsbarkeit begründeten.

Eines der finstersten Kapitel in der Geschichte des Amtsgerichts ist die Zeit, als im ersten Stock das „Sondergericht“ der Nationalsozialisten residierte. Hier wurden 210 Todesurteile verhängt und Hunderte Angeklagte zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Auch gab es ein „Erbgesundheitsgericht“, das für viele Zwangssterilisationen verantwortlich war. Das Studium dieser „Schandtaten“, so Lessing, habe ihn sehr bedrückt. Beklemmend sei auch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele der Verantwortlichen in der hannoverschen Justiz weitergearbeitet hätten. In der Vorhalle des Amtsgerichts erinnert eine Mahntafel, die Berufsschüler mitgestaltet haben, an die Schreckenszeit des Dritten Reichs. Der Titel: „Gebrochenes Recht“.

Buchtipp

Das Buch „Amtsgericht Hannover“ ist im Tertulla-Verlag erschienen (ISBN 987-3-9815602-4-4) und kostet 29,80 Euro.     

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