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Aus der Stadt Bürger erobern den Landtag
Hannover Aus der Stadt Bürger erobern den Landtag
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15:16 09.03.2009
Von Klaus Wallbaum
25.000 wollten einmal hinter die Türen der Macht blicken. Quelle: Martin Steiner

Die Abgeordnete Elke Twesten am Info-Stand der Grünen schreckt leicht auf, als sie die drei älteren Herrschaften vor sich sieht. Denn sie tragen einen bekannten Namen. „Wo können wir gegen den Abriss des Plenarsaals unterschreiben?“, fragt einer von ihnen. „Dort“, antwortet Twesten – und sieht den Schriftzug, den der Mann daraufhin in die Liste einträgt: „Friedrich Oesterlen“. Die Abgeordnete zögert nicht und bittet die drei betagten Gäste auf die Bühne.

Es sind Friedrich, Philipp Mathis und Gesine Oesterlen, die beiden Söhne und die Schwiegertochter des legendären Architekten Dieter Oesterlen, der einst den Plenarsaal schuf. Den Tag der offenen Tür im Landtag nutzen die Nachkommen, um gegen den Abriss zu protestieren. „Einige Ecken hier habe ich selbst gemauert, jetzt kann doch das Parlament nicht selbstherrlich den Abbruch verfügen“, ruft Friedrich Oesterlen mit leicht zittriger Stimme. Applaus ertönt am Stand der Grünen.

Diese Szene spielt am Sonnabendmorgen. Am Abend können die Erben des Baumeisters zufrieden sein. Denn fast der ganze Tag der offenen Tür steht diesmal im Zeichen der Frage, ob man den 45 Jahre alten Plenarsaal abreißen soll oder nicht. Und die überwiegende Mehrheit unter den 25.000 Besuchern, die dazu eine Meinung hat, ist strikt gegen den Abriss – und äußert dies teilweise drastisch.

25.000 Besucher strömten zum Tag der offenen Tür in den Landtag – und immer wieder kam die Frage nach dem Abriss des Plenarsaals auf.

Am Stand der HAZ können Gäste auf kleinen Kärtchen ihre Ansicht notieren. Gelb gegen den Erhalt des alten Plenarsaals, Orange dafür. Genau 1421 liegen am Abend in der gläsernen Box – und die vorherrschende Farbe ist Orange. 1284 Bürger sind für den Erhalt, 137 für den Abriss des Plenarsaals. „Denkt an die Zustände in den Schulen! Die Kinder sind wichtiger“, schreibt einer, ein anderer endet mit einer deutliche Aufforderung: „Maßhalten!“

So ganz geheuer ist das alles aber auch manchen Verteidigern des Plenarsaals nicht. Am Stand der Grünen heißt es, die Fraktion habe schon Mühe, ihren eigenen Standpunkt zu erläutern. Dass die Ökofraktion nicht etwa alles beim Alten lassen, sondern mit einem zweistelligen Millionenbetrag den alten Oesterlen-Bau auch tüchtig verändern will, hätten viele gar nicht wahrgenommen, sagt eine Abgeordnete. Aus der CDU heißt es, manche Besucher hätten gar Sorge gehabt, das alte Leineschloss solle ganz verschwinden – eine Variante, an die noch kein Politiker ernsthaft gedacht hat.

Aber die Debatten sind an diesem Tag ohnehin von Gefühlen überlagert. Das muss Dirk Eggelsmann von der Landtagsverwaltung erleben, als er etwa 20 Besuchern die Umbauvarianten erläutern will. Immer wieder wird er unterbrochen, zumeist von einem älteren Mann, der in Hannover wohnt. „Warum bezeichnen Sie den Plenarsaal als Bunker, das ist doch billige Polemik“, herrscht einer Eggelsmann an. „Das habe ich gar nicht gesagt“, antwortet der leise. „Das ist unverschämt, hier einen Protzbau zu schaffen“, legt der Mann noch lauter nach. Die Politiker seien „wie die Bankleute, alles Idioten“. Eggelsmann stutzt und ist sprachlos. „Sie dürfen das nicht persönlich nehmen“, sagt ein anderer Mann darauf tröstend zu ihm und beginnt, sachliche Einwände vorzutragen: Zu oft habe man es doch erlebt, dass die Kosten von Bauprojekten ausgeufert seien. Deshalb sei es hier nötig, die Pläne sehr kritisch zu prüfen.

Auch in der großen Diskussionsrunde im Plenarsaal mischt sich Unverständnis über die bisherige Diskussion zum Landtagsumbau mit genereller Skepsis gegenüber den Politikern. Das fängt schon an beim deutlich vernehmbaren Murren, als sich FDP-Fraktionschef Jörg Bode als „gelernter Bankkaufmann“ vorstellt. Solche Berufe sind derzeit nicht wohlgelitten. Als dann CDU-Fraktionschef David McAllister berichtet, die Abgeordneten seien einmal monatlich für drei Tage in dem Plenarsaal, tönt ein lang gestrecktes „Oh“ durch die Reihen einiger Zuhörer. Und als über die schlechte Luft geredet wird, ruft ein Mann: „Bei mir im Büro riecht es auch nicht besser.“ Ein Privatmann könne sein 45 Jahre altes Haus auch nicht abreißen, wenn er kein Geld für den Neubau habe, betont ein anderer. Leise unterhalten sich zwei Besucher. Einer sagt: „Es reicht doch, da vorn und hinten ein paar Platten abzunehmen und Licht hereinzulassen. Dazu braucht man keinen teuren Umbau.“

So schlägt die Stunde der Hobbyarchitekten – und auch die der großen Infragesteller. SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner erklärt, es gehe gar nicht um die Häufigkeit der Nutzung des Plenarsaals, sondern um die Repräsentation der parlamentarischen Demokratie, dies sei immerhin „das wichtigste Haus in Niedersachsen“. Daraufhin wird wieder Gemurmel laut, und ein etwa 50-jähriger Mann widerspricht: „Die wichtigsten Häuser sind die Schulen.“

Dies will Jüttner, der nun richtig aufgebracht ist, nicht einfach hinnehmen: „Wir sollten in Deutschland endlich mal beginnen, selbstbewusst mit der Demokratie umzugehen. Wer den Landtag verunglimpft, zerstört die Grundlagen unserer Demokratie“, betont Jüttner und fügt hinzu: „Ich lasse nicht zu, dass der Landtag ausgespielt wird gegen die Lage an den Schulen.“ Aber das leidenschaftliche Auftreten vieler Abrissgegner reizt manche auch zum Widerspruch. Justizminister Bernd Busemann bekennt, er halte den alten Plenarsaal mit seinen dicken Mauern für eine Bausünde, für ein „Beispiel aus dem Betonzeitalter“ und nicht für ein Denkmal. Gerhard Dallmann von der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur wünscht sich sogar einen „gläsernen Plenarsaal“, der von außen Einblick in die Arbeit der Volksvertreter gewährt.

Eines allerdings haben die Abrissgegner wohl geschafft: Wenn demnächst die Ausschreibung für die Architekten beschlossen wird, wollen vermutlich alle Fraktionen auch den Erhalt des alten Oesterlen-Baus als eine Variante vorsehen. Bisher war das nicht geplant. Ein kleiner Sieg also für Volkes Stimme.

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