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Aus der Stadt Bürger suchen ihre Mahlzeiten im Müll
Hannover Aus der Stadt Bürger suchen ihre Mahlzeiten im Müll
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11:24 11.01.2012
Von Conrad von Meding
Gut genießbar: Beim „Containern“  holt Michael* einen Chinakohl aus dem Container der Biokette Denn' s in der Marienstraße. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Derzeit läuft das Berufungsverfahren in dem Konflikt, der sich juristisch um Hausfriedensbruch dreht, in dem es dem Angeklagten aber um die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft geht. Auch in Hannover wird „containert“, wie es neudeutsch heißt. Wenn die Dunkelheit anbricht, die Geschäfte ihre Türen geschlossen und den Müll weggebracht haben, dann betreten die sogenannten Mülltaucher die Hinterhöfe und suchen in Containern nach dem Überfluss des Tages.

„Am Anfang war es ein bisschen ekelig“, sagt Michael*. Aber der Ekel war offenbar schnell überwunden, und auch die Gesundheitsgefahren scheinen gar nicht so groß. „Ich mache das oft – und gesundheitlich geht es mir hervorragend“, sagt der 19-Jährige.

Dass Menschen den Müll ihrer Mitmenschen nach Essbarem durchsuchen, das gibt es wahrscheinlich so lange, wie Armut und Reichtum ungleich verteilt sind. Neu ist aber, dass auch Menschen, die sich durchaus Essbares kaufen könnten, die Mülltonnen durchwühlen – aus politischer Überzeugung. Das war im Lüneburger Fall so, und das ist auch bei dem Hannoveraner Michael so. „Ich könnte die Lebensmittel einkaufen“, sagt der Südstädter, „aber ich sehe nicht ein, dass so viel weggeschmissen wird. Ich will das nicht unterstützen.“

Filme wie „Taste the waste“ („Probier den Müll“), in denen es um die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft geht, befeuern diese Haltung. Den Lebensmittelunternehmen passt diese moralische Überhöhung jedoch nicht. „Die Szene versteht sich als Protestbewegung gegen die Überflussgesellschaft“, sagt der Sprecher einer großen Handelskette: „Dabei nehmen die politischen Mülltaucher im Zweifelsfall denen, sie sich gar nichts leisten können, auch noch die letzten Reste weg.“ In Wirklichkeit sei es Abenteuerlust, die die politischen Mülltaucher umtreibe: „Uns ging das doch früher nicht anders, als wir in Sperrmüllhaufen gewühlt haben“, sagt er. Auch er aber will diese Zitate nicht mit seinem Namen in der Zeitung lesen.

Fakt ist: Pro Bundesbürger wandern täglich Lebensmittel für 82 Cent in den Müll, anderen Statistiken zufolge handelt es sich sogar um ein Viertel aller Lebensmittel. Vieles davon ist unverdorben und durchaus gut genießbar – darf aber oft nicht mehr verkauft werden. „Es ist eben kein rechtsfreier Raum“, sagt etwa Edeka-Sprecher Andreas Laubig. Der Handel müsse in Deutschland detaillierte Regularien einhalten. „Wer verdorbene Lebensmittel in Umlauf bringt, der haftet dafür.“ Was aber noch verzehrbar sei, das gebe Edeka an die hannoversche Tafel ab, die es an Bedürftige verteilt.

Auch Rewe-Sprecher Andreas Krämer ärgert sich über die Geschichten vom angeblichen Wegwerfgebaren der Handelsunternehmen. „Bei 224 000 Mitarbeitern bundesweit will ich nicht ausschließen, dass im Einzelfall auch mal jemand etwas wegwirft, was vielleicht noch genießbar wäre“, sagt er: „Aber der Vorwurf, wir würden das in großem Stil machen, ist unlogisch – schließlich schmälert jedes Lebensmittel, das wir nicht verkaufen, die ohnehin nicht großen Gewinnmargen im Handel.“ Die Infrastruktur werde immer ausgefeilter. „Mit Scannerkassen werten wir aus, dass zum Beispiel Markt X im Ort Y montags immer 84 Milchtüten verkauft, und dann passen wir unsere Lieferungen dieser Nachfrage an, damit wenig übrig bleibt.“ Wenn doch Reste bleiben, gingen diese an die Tafeln. „Und was die nicht nehmen, das können wir wirklich niemandem anbieten“, sagt Krämer: „Schließlich haben wir auch eine Verantwortung.“

Die Geschichten, die der Hannoveraner Michael erzählt, klingen anders. Chipstüten, Mehl, Kakaopulver, Nudeln – das Angebot in den Mülleimern der Südstadt sei groß. Der HAZ präsentierte er gestern Fotos davon, was er an Frischwaren aus den Abfalleimern hannoverscher Geschäfte gefischt hat. Leuchtende Äpfel, knackige Möhren, kräftige Salatköpfe, Sellerie, Brokkoli. Er habe nicht den Eindruck, dass nur Verdorbenes weggeworfen werde. „Manchmal haben Obst und Gemüse Druckstellen – aber manchmal habe ich auch das Gefühl, dass nur mal jemand das Lager aufgeräumt hat.“ Verpackte Lebensmittel seien oft völlig unproblematisch, weil nur das Mindeshaltbarkeitsdatum abgelaufen sei: „Die sind noch tagelang genießbar.“ Manchmal seien auch nur Dellen in der Verpackung. Unverpacktes Obst und Gemüse aus den Müllcontainern dagegen wasche er intensiv, aus Brot schneide er mögliche Schimmelstellen heraus. „Es ist nicht einfach, vom ,Containern‘ zu leben“, sagt Michael, „aber es geht.“

„Wir sollten uns nichts vormachen“, sagt Klaus Borchers, Ehrenobermeister der hannoverschen Bäckerinnung: „Eine große Mitschuld an der Wegwerfmentalität haben die Verbraucher, die immer wollen, dass alles tipptopp aussieht.“ Früher sei es völlig normal gewesen, dass kurz vor Feierabend nur noch zwei Brote in seinem Laden lagen. „Heute erwartet der Kunde, dass auch direkt vor Geschäftsschluss noch das volle Angebot vorhanden ist. Und am nächsten Tag soll nur frische Ware da sein – da ist es doch klar, dass viel weggeworfen wird.“ Auch mache sich die Entfremdung der Menschen von ihren Lebensmitteln bemerkbar. „Die Hausfrau konnte aus Resten des Vortags leckere Sachen zaubern. Diese Fertigkeiten gehen verloren – wie auch die großen Familien, in denen Lebensmittel überhaupt weiterverwendet werden können.“

Eine Wegwerfquote von 25 Prozent hält allerdings auch Borchers für zu hoch gegriffen. „Damit könnte ein mittelständischer Betrieb nie überleben.“ Aber zehn Prozent, das sei heutzutage durchaus normal. Auch bei ihm holen zweimal wöchentlich die hannoversche Tafel und das Wohnheim Büttnerstraße verwertbare Reste ab.

Mit Interesse hat er kürzlich ein Projekt am Kronsberg verfolgt. In einem Ladengeschäft wurde versucht, Lebensmittel zu verkaufen, die am Tag zuvor in anderen Geschäften ausgemustert worden waren. Das Projekt ist gescheitert, trotz all der aktuellen Aufregung um die Wegwerfgesellschaft. „Die Nachfrage“, sagt Borchers, „war wohl doch nicht groß genug.“

* Name von der Redaktion geändert

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