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Aus der Stadt Mehr als gute Worte
Hannover Aus der Stadt Mehr als gute Worte
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00:15 13.01.2015
Von Gunnar Menkens
Foto: Bürgemeister Thomas Hermann.
Bürgemeister Thomas Hermann. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Deutschsein beginnt an diesem Vormittag mit Thomas Hermann. Der Bürgermeister steht mit Anzug und Krawatte in einem Rathaussaal, ein Fächer aus Flaggen ist aufgebaut, vor ihm sitzen 90 Menschen. Sie heißen Abdullah und Yildirim, Frauen tragen Kopftücher, manche Männer haben sich fein gemacht. 52 Menschen aus 20 Nationen werden eingebürgert, viele Familienangehörige sind dabei und machen Fotos.

Thomas Hermann ist jetzt Deutschland. Der Bürgermeister spricht von Grundgesetz und Demokratie. Er bittet, die Sprache beherrschen zu lernen und sich am politischen und gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Er hält eine Rede mit all den Versatzstücken, wie sie bei 206 Einbürgerungen zuvor so ähnlich immer gehalten wurde. Aber weil seit Wochen in deutschen Städten Anti-Islamisten auf die Straße gehen, spricht Hermann an diesem Tag auch von „sogenannten Montagsdemonstrationen“ und „Haltungen, die an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte erinnern“. In Hannover, sagt er, werde Fremdenfeindlichkeit nicht geduldet. Dann überreicht Hermann Urkunden, gratuliert per Handschlag und verbeugt sich mit einem Lächeln, 52-mal. Alle singen die Nationalhymne, so gut es geht.

Repräsentation und Politik

Es war ein Termin, wie er zu Thomas Hermann passt. Das Thema von Bedeutung für die Stadt, sachlich und optimistisch im Tonfall, dazu eine Mahnung zur Gegenwart. Repräsentation und Politik. Dass er als Beispiel für politisches Engagement den Stadtdialog 2030 nennt, ein sozialdemokratisches Lieblingsprojekt, wirkt bei dieser Gelegenheit etwas kleinteilig, belegt jedoch, wie sehr der Sozialdemokrat dem politischen Tagesgeschäft im Rathaus verbunden ist.
Thomas Hermann, 56, verheiratet, drei Kinder, ist seit gut einem halben Jahr Bürgermeister. Es ist ein Ehrenamt, entschädigt mit monatlich 931 Euro brutto, und wird möglich, weil sein Arbeitgeber ihn freistellt. Hermann ist im Sozialministerium Referent für bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe. Manchmal trifft er auf Terminen seine Chefin, Ministerin Cornelia Rundt. „Ich sehe sie jetzt öfter als früher“, sagt Hermann ein wenig belustigt. Dann begrüßt er sie formell, und manchmal die Ministerin ihren freigestellten Referenten.

Der Bürgermeister ist nicht zu verwechseln mit dem Oberbürgermeister. Der wird vom Volk gewählt und ist Chef der Verwaltung, den Bürgermeister bestimmen die Fraktionen im Rat. Er leitet dessen Sitzungen und vertritt die Landeshauptstadt bei zahlreichen Anlässen. Hermann – und seine beiden Vertreter Regine Kramarek und Klaus-Dieter Scholz – übernehmen Termine, die Oberbürgermeister Stefan Schostok nicht wahrnimmt. Grußworte, Reden, Glückwünsche, Preisverleihungen oder bloße Anwesenheit zu allen erdenklichen Anlässen. Es gibt Hunderte Anfragen, alle wollen etwas. Manche Veranstaltung ist erst gelungen, wenn jemand von der Stadt vorbeischaut. Bei Spöttern gilt der Posten, oder besser gesagt: sein Inhaber, als Grüßaugust. Sagt guten Tag, hat weiter nichts zu sagen. Was natürlich ungerecht ist. Thomas Hermann hat sich vorgenommen, das Amt als politisches Amt zu interpretieren. „Ich versuche“, sagt er, „mit jedem Grußwort eine Botschaft loszulassen. Wenn es geht.“

Seine Botschaften

Das Bürgermeisteramt verlangt indes Diplomatie, deshalb geht es offenbar nicht immer. Hermann ist der überparteiliche Repräsentant der gewählten politischen Vertretung, er glaubt, dass er mit persönlichen Ansichten sehr zurückhaltend sein muss. Der Bürgermeister Hermann verspürt nicht das Bedürfnis, nach Art von Bundespräsident Joachim Gauck übergeordnete Botschaften zu verbreiten. Er sagt, dass er das Straßenbauprogramm lobt und in Stadtteilen für Flüchtlingshilfe wirbt – aber er würde keine Meinung zu Themen äußern, über die es im Rat noch keinen Beschluss gibt. „Da müsste ich schon sehr sicher sein, für die große Mehrheit zu sprechen.“ Deshalb hat er die Pegida-Bewegung verurteilt.

Dies ist der Rahmen seiner Botschaften. Was dabei möglich ist, bespricht Thomas Hermann mit Referentin Silke Rolfes. Von seinem Büro aus blickt er auf Bauverwaltung und Trammplatz, an den Wänden hängen Bilder mit eigenen Fotografien. Frau Rolfes hat den Überblick über die Termine, gemeinsam besprechen sie, was zu beachten ist. Hier zum Beispiel eine Einladung von Kaufleuten aus Limmer. Ein Grußwort ist angefragt. Frau Rolfes soll den Text entwerfen und sich erkundigen, was die Gewerberunde bisher gemacht hat, welche Kontakte mit der Stadt bestehen. „Lokale Ökonomie, das hab ich im Rat lange gepusht“, sagt Hermann. Bei der Gelegenheit will er in Limmer eine Botschaft unterbringen: Hermann wird darauf hinweisen, welche Bedeutung die geplante Wasserstadt vor Ort für den Stadtteil haben könnte.

Vom Status quo erzählen

Und so lobt der Bürgermeister Städtepartnerschaften, Ehrenämter, Bedeutung von Hochschulen und Hannover als Wissenschaftsstandort, erzählt bei Innungsfeiern vom lebenslangen Lernen und erklärt, dass die Zukunft von Krankenhäusern in Spezialisierung besteht. Er nutzt den Sachverstand der Stadtverwaltung, Frau Rolfes Vorarbeit, und manchmal reicht ein Blick in Reden des vergangenen Jahres. Nicht jeder Termin erfindet die Welt neu. Bürgermeister zu sein bedeutet oft, vom Status quo zu erzählen.

Als Thomas Hermann ins Amt gewählt wurde, hatten manche Zweifel, ob der maßgebliche Baupolitiker geeignet wäre. Zu nüchtern, glaubten manche. Und er musste Bernd Strauch ersetzen, der lange Jahre auf humorvolle und warmherzige Art Menschen für sich gewann. Aber Strauch erkrankte schwer und zog sich zurück (seine Familie möchte sich über seinen Gesundheitszustand weiterhin nicht äußern). Aber nach einem halben Jahr ist von Kritik nichts mehr zu hören. Manchmal liest Referentin Rolfes in Einladungen, wie gut Herr Strauch in Erinnerung geblieben ist. Dann denkt sie, dass doch auch ihr Chef seine Sache gut macht. Aber Hermann versteht solche Sätze nicht als Kritik. Er sagt über seinen Vorgänger: „Bernd Strauch hat seine Sache nicht schlecht gemacht. Und nicht schlecht, das ist die höchste Form des hannoverschen Lobes.“

Thomas Hermann wäre zufrieden, wenn man das am Ende über ihn sagen würde. Über seine Art der Amtsführung.

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