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Aus der Stadt CDU verliert weiter Mitglieder
Hannover Aus der Stadt CDU verliert weiter Mitglieder
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11:01 22.02.2012
Von Gunnar Menkens
Nur raus aus dem Laden? Die Mitgliederzahl der hannoverschen CDU sinkt stetig. In der Partei fürchtet man, den Kontakt zu den Bürgern zu verlieren.
Nur raus aus dem Laden? Die Mitgliederzahl der hannoverschen CDU sinkt stetig. In der Partei fürchtet man, den Kontakt zu den Bürgern zu verlieren. Quelle: dpa
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Hannover

Als die CDU in Hannover nach langem Ringen beschlossen hatte, wieder ein Stück moderner zu sein, gewann sie prompt ein neues Mitglied. Die Partei hatte sich Gesamtschulen geöffnet, und Chefarzt Sixtus Allert, ein jugendlich wirkender Mann von 45 Jahren, trat der Union bei. Er wollte mitwirken und Ideen für das Gesundheitswesen in der Stadt auf den Weg bringen. „Etwas wagen und, ja, Avantgarde sein.“ Heute sagt der Leiter einer Klinik für Plastische Chirurgie: „Ich hatte einen gewissen Idealismus. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Ich bin bescheiden geworden.“

Die Christdemokraten verlieren Mitglieder. Das ist seit Langem so, weil seit Jahrzehnten mehr Anhänger sterben als neue eintreten. Den anderen Parteien geht es ähnlich. Bis auf die Grünen.

In goldenen Zeiten freuten sich CDU-Schatzmeister über 4000 Mitglieder, jetzt besitzen noch knapp unter 1900 Hannoveraner ein Parteibuch. Der Stadtverbandsvorsitzende Dirk Toepffer konstatiert eine neue Entwicklung: „Es treten viele von denen aus, die erst vor ein paar Jahren eingetreten sind.“ Bei manchen fragt Toepffer nach. Zieht man diejenigen ab, deren Hoffnungen auf bezahlte Mandate in Parlamenten enttäuscht wurden, und solche, die nichts wussten vom sehr begrenzten Einfluss einer Oppositionspartei, dann gibt Toepffer ein Argument zu denken: Etliche der Enttäuschten stellen sich unter lebendigem Parteileben anderes vor.

Toepffer wünscht sich Mitglieder wie Sixtus Allert. Gut ausgebildete und gut verdienende Akademiker mit der Bereitschaft, ihre Sympathie zur Union nicht bloß in Beitragszahlungen auszudrücken. Der Vorsitzende hofft auf die Bereitschaft zum Mitwirken. „Aber wer sich engagieren will, ist schwer zu halten.“

Den neuen Mitgliedern wirkt die CDU oft wie eine alte Welt. Grünkohlessen, Kegelabende, Ausflüge. Im Internet finden sich Ortsverbände, die unter aktuellen Terminen Vorbereitungen zur Kommunalwahl im September 2011 ankündigen. Beim Lesen fühlt man sich, als wäre man untergegangenen Zivilisationen auf der Spur. „Das ist nicht das, was die engagierte Zielgruppe nachfragt“, sagt Toepffer im Stil eines Marktanalytikers. Sein Fazit: Das Angebot muss besser werden. Die Frage ist: Was hat ein Mitglied davon, in der CDU zu sein?

Sixtus Allert erwartet, dass er politische Ziele durchsetzen kann. Aber der Arzt hat erlebt, was es heißt, seine Freizeit damit zu verbringen, in etablierten Strukturen zu fechten. Gesundes Mittagessen in Schulen, Möglichkeiten schaffen, damit Kinder zu Fuß zur Schule gehen können, die Zusammenarbeit zwischen kommunalen Kliniken und niedergelassenen Ärzten verbessern – Allert dachte, dass solche Ideen der CDU zur Ehre gereichen müssten. Er traf auf interessierte und wohlgesinnte Christdemokraten, das auch. Aber Grabenkämpfe, Leute, die Schlachten von früher erneut schlagen, Verwässerer und Weichspüler, alte Hasen, die von vornherein wussten, dass alles nicht funktionieren werde, Streit untereinander, so sei es oft gewesen. Der Klinikchef, ein freundlicher Mann mit Neigung zur Ungeduld, erlebte, dass eine Volkspartei eine träge Masse sein kann. Immerhin, einige Anregungen zur Gesundheitspolitik wurden in ein Papier geschrieben, das ein Parteitag einstimmig verabschiedete. Im Kommunalwahlprogramm aber findet Sixtus Allert kaum etwas davon.

Dass die Union Mitglieder verliert, ist nicht allein von statistischer Bedeutung. Toepffer fürchtet, dass die CDU zu manchen Gruppen der Gesellschaft den Kontakt verlieren könnte. „Uns fehlen die Leute, um in Vereinen und Verbänden und Bürgerinitiativen Gehör zu finden.“ Weniger Mitglieder, das bedeutet auch weniger Kraft in Wahlkämpfen. Im Bezirksrat Linden-Limmer halten zwei Abgesandte das Fähnlein der CDU hoch. Eine Volkspartei ist die Union im alternativen Milieu nicht mehr, obwohl es längst bürgerliche Züge angenommen hat.
Dabei ist es nicht so, dass die Christdemokratie unattraktiv für Menschen wäre, die ein Leben abseits traditioneller Muster führen. Kathrin Kobelt arbeitet als Psychotherapeutin, sie ist alleinerziehende Mutter, gründete in der Südstadt eine Bürgerinitiative und nimmt am
Carsharing teil. Ein Profil, mit dem sie bei den Grünen nicht auffallen würde.

Die Ärztin trat vor zwei Jahren in die CDU ein. Sie fühlte sich „herzlich aufgenommen“, besuchte einen Grünkohlabend, und sie schaute sich eine Schützenveranstaltung an, um die Partei kennenzulernen. Kobelt fühlte sich dort genauso fremd wie sie anderen fremd vorkam. So jedenfalls kam es dem Neumitglied vor. Sie hat nichts gegen diese Welt, überhaupt nicht, es ist nur nicht ihre Vorstellung von Parteiarbeit. Die Ärztin interessiert sich für Verkehrspolitik, Migrationsfragen und Gesundheitsthemen, nicht fürs gesellige Beisammensein mit leiblichem Wohl.  „Ich habe nicht damit gerechnet, dass auf diesen Veranstaltungen Bindungen geschaffen werden. Und ich bin nicht die Frau für Kegelabende.“

Sixtus Allert schwant: „Aber genau da werden schon Entscheidungen getroffen.“ Er meint die inoffiziellen Entscheidungen. Wer gegen wen. Welche Idee etwas taugt, welche nicht. Wer weiterkommen soll und wer nicht. Die geselligen Abende sind für die traditionelle CDU, was Facebook für nachrückende Generationen ist.

Dass Parteichef Toepffer recht offen über Schwierigkeiten spricht, engagierte Mitglieder zu gewinnen und zu halten, hat wohl auch mit bevorstehenden Wahlen zu tun. Natürlich hat er nichts gegen Mitglieder, die sich gerne zum Klönen treffen. Aber im kommenden Januar wird über einen neuen Landtag abgestimmt, im Herbst 2013 wählt Hannover einen neuen Oberbürgermeister. Die CDU existierte in Hannover stets in der Opposition, und mancher in der Union hat es sich hier gemütlich eingerichtet.

Toepffer glaubt, dass die CDU auch denen etwas bieten muss, die weder Zeit noch Lust zum Kegeln haben. „Mehr Streitkultur“, sagt der Vorsitzende. Er denkt darüber nach, im Internet Diskussionsforen zu aktuellen Themen der Lokalpolitik einzurichten. Er denkt an öffentliche Diskussionsforen. Mitglieder sollen leichter mit Mandatsträgern reden können. Die Partei müsse Möglichkeiten bieten, sich politisch weiterzubilden. Und die CDU will Bürgern zur Seite stehen, wenn es Probleme vor Ort gibt.

Es klingt ein wenig so, als könnte es zwei christdemokratische Parteien geben. Die Grünkohl-CDU und die Union der Unternehmungslustigen.

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