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Aus der Stadt CDU will Trinker mit Musik vertreiben
Hannover Aus der Stadt CDU will Trinker mit Musik vertreiben
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00:15 07.02.2015
Von Andreas Schinkel
Mit Lounge-Musik will die CDU Trinker vom Raschplatz fern halten. Politiker anderer Parteien in Hannover halten nicht viel von der Idee. Quelle: Christian Behrens (Archiv)
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Hannover

Hamburg setzt die Strategie erfolgreich ein, und Hannover ist schließlich Unesco City of Music“, argumentiert CDU-Baupolitiker Felix Blaschzyk. Letztlich müsse etwas dagegen getan werden, dass der Raschplatz immer weiter vermüllt und es in vielen Ecken nach Urin stinkt.

SPD, Grüne und Linke quittierten den Vorschlag mit Kopfschütteln, die FDP gar mit Gelächter. Mancher im Ausschuss fühlt sich an die Idee von Matthias Waldraff im Oberbürgermeister-Wahlkampf erinnert. Damals regte der CDU-Kandidat an, Blaskapellen ins Stadion zu schicken, um die unflätigen Äußerungen der Ultras zu übertönen. „Wir stellen Aktionspläne gegen Lärm auf, und jetzt will die CDU den Raschplatz beschallen“, wundert sich FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke. Das sei ein Vorschlag zum Fremdschämen.

Kein Sicherheitsrisiko auf dem Raschplatz

Ernster nehmen SPD, Grüne und Linke den Antrag der CDU. Für „infam“ hält SPD-Baupolitiker Ewald Nagel das Anliegen der Christdemokraten. „Die CDU will missliebige Mitbürger mit subtilen Mitteln vertreiben“, sagt Nagel. Zwar räumt er ein, dass der Raschplatz in einem deutlich besseren Zustand sein dürfte, aber die Verwahrlosung des Platzes nur einer Gruppe in die Schuhe zu schieben, sei nicht hinnehmbar. Sein Kollege von den Grünen, Michael Dette, schlägt in dieselbe Kerbe. „Wir wollen nicht bestimmen, wo sich Menschen aufhalten dürfen, das ist nicht unser sozialpolitisches Weltbild“, sagt Dette. Zudem erkenne er kein Sicherheitsrisiko auf dem Raschplatz. Linken-Fraktionschef Oliver Förste wendet ein, dass jeder Bahnhof sein Milieu habe. „Solche Maßnahmen wie in Hamburg wollen wir bei uns nicht“, sagt er. „Hannoveraner“-Vertreter Gerhard Wruck fragt sich, ob entspannende Musik nicht eine Einladung für die Trinkerszene sein könnte.

Tatsächlich werden in Hamburg manche U-Bahn-Haltestellen und Bereiche des Hauptbahnhofs mit Musik berieselt. Dass dadurch Drogensüchtige und Obdachlose vertrieben werden, gehöre ins Reich der Legende, berichtet das „Hamburger Abendblatt“. In Hannover hat die städtische Immobiliengesellschaft Union Boden vor einigen Jahren versucht, Jugendliche vor dem Eingang zum Parkhaus Mehlstraße zu vertreiben. Etliche Anhänger der Gothic-Szene saßen an Sonnabenden vor der Parkhaus-Einfahrt und ließen die Flaschen kreisen. Schräg gegenüber befindet sich eine Szene-Diskothek. „Klassische Musik und selbst helle Strahler haben die Gothics nicht vertreiben“, berichtet eine Verwaltungsmitarbeiterin.

Klassik auf dem Andreas-Hermes-Platz

Auf dem Andreas-Hermes-Platz hat eine Hausverwaltung die Idee der CDU bereits in die Tat umgesetzt. Im vergangenen Sommer ließ Hausverwalter Gerhard Bode eine Musikanlage installieren und beschallte den Platz ab 22 Uhr mit Wohlklängen von Brahms und Haydn. Damit wollte er Party-Trinkern und Obdachlosen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich machen und letztlich dafür zu sorgen, dass der Platz sauberer wird. „Tatsächlich ist es besser geworden“, sagt Bode jetzt. Schließlich habe die Polizei weniger Straftaten auf dem Platz registriert. Im kommenden Sommer will er wieder seine Klassik-CDs auflegen. Im Bezirksrat Mitte ist die musikalische Offensive nicht gut angekommen. „Es ist keine gute Idee, mit Klassik Leute zu vertreiben“, sagt der stellvertretende Bezirksbürgermeister Norbert Gast (Grüne). Ein Verbot indes können weder Stadt noch Politik erwirken, denn weite Teile des Platzes sind Privateigentum. „Obdachlose vertreibt die Musik nicht“, sagt eine Rathaus-Mitarbeiterin.

asl

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