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Aus der Stadt Wenn Jugendliche in die Schuldenfalle tappen
Hannover Aus der Stadt Wenn Jugendliche in die Schuldenfalle tappen
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00:15 29.10.2015
Von Gabi Stief
„Der Schuldner ist jung, also setzt das Unternehmen darauf, dass das Geld irgendwann schon reinkommt“: Mobilfunkanbieter reagieren rigoros, sobald Rechnungen nicht bezahlt werden.  Quelle: dpa
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Hannover

Eine Zeit lang hat Dennis angenommen, das Problem verschwindet einfach aus seinem Leben. Verpufft wie eine Seifenblase. Schulden? Was soll’s. Das wird sich schon von allein regeln. Als die Sparkasse seinen Dispokredit kündigte, der Geldautomat streikte und dann auch noch der Handyvertrag platzte, weil er zum zweiten Mal die Monatsrate schuldig geblieben war, kroch die Verzweiflung in sein Leben. Der 18-Jährige schlief schlecht. Und wenn die Freunde auftauchten, bei denen er sich schon 400 Euro zusammengepumpt hatte, entschuldigte er sich mit Bauchschmerzen.

Als schließlich ein Gerichtsvollzieher vor seiner Wohnungstür stand und eine eidesstattliche Versicherung über seine Vermögensverhältnisse verlangte, wusste er, dass er Hilfe braucht. In der Jugendwerkstatt, in der Dennis ein paar Monate zuvor eine überbetriebliche Ausbildung begonnen hatte, hörte er von einer Beratungsstelle, die sich speziell um Schulden junger Leute kümmerte. Er überwand seine Scham und bat um ein Gespräch.

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Immer mehr junge Menschen tappen in die Schuldenfalle 

Für Inge Mette ist Dennis’ Geschichte nichts Ungewöhnliches. Fast täglich sitzen Jugendliche vor ihrem Schreibtisch, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen, weil ihnen die Schulden über den Kopf gewachsen sind.

„Jugendfinanzcoaching“ nennt sich das, was sie und ihre Kollegin Kathrin Franke unter dem Dach der Caritas mit Förderung der Stadt Hannover anbieten. Häufig braucht es Stunden, um als Erstes den Berg an ungeöffneten Mahnschreiben zu sortieren und das Ausmaß der Probleme abzuklären. Oft geht es um „Kleinigkeiten“ wie Bußgeldbescheide wegen Schwarzfahrens oder offene Rechnungen von Versandhäusern, die sich am Ende zu einem Schuldenberg von 3500 oder gar 10 000 Euro türmen.

Leben auf Pump gilt als normal

Seit Jahren ist der Trend offensichtlich. Immer mehr junge Leute geraten in die Schuldenfalle, weil sie ein Leben auf Pump für normal halten und weil die Konsumwelt mit verführerischen Angeboten lockt. Nach dem Schuldneratlas der Auskunftei Creditreform hat sich die Zahl der Schuldner unter 20 seit 2004 mehr als vervierfacht. Die Zahl der 20- bis 29-jährigen Schuldner ist um knapp 60 Prozent gewachsen.

Jedes zweite Schulden-Drama beginnt mit dem Handy auf Raten. „Die jungen Leute planen nicht“, sagt Inge Mette. „Anfangs sind sie überzeugt, dass eine Monatsrate von 30 oder 50 Euro zu stemmen ist.“ Sobald eine Abbuchung von der Bank verweigert wird, weil das Konto überzogen ist, reagieren Mobilfunkanbieter wie Vodafone rigoros. Nicht nur die fälligen, sondern alle restlichen Raten für den Zwei-Jahres-Vertrag werden sofort in Rechnung gestellt. Ist bei dem jungen Mann nichts zu holen, werden die Schulden an ein Inkassounternehmen „weiterverkauft“, das weitere Kosten „kreiert“. „Der Schuldner ist jung; also setzt das Unternehmen darauf, dass das Geld irgendwann schon reinkommt.“

Schon kleine Beträge sind gefährlich 

Schon geringe Beträge können junge Leute wie Dennis in eine existenzielle Krise stürzen. Sein Ausbildungsgehalt beträgt 330 Euro; das Jobcenter zahlt eine Berufsausbildungsbeihilfe von 355 Euro; hinzu kommt das Kindergeld von 184 Euro. Vor Kurzem wäre er mit rund 900 Euro wohl gut klargekommen. Aber weil die Ausbildungswerkstatt nicht im Heimatort liegt, ist er zu Hause ausgezogen und hat sich eine eigene Wohnung gesucht. Die letzte Mietzahlung ist er bereits schuldig geblieben.

Auch Jessica hat kürzlich ihre erste eigene Wohnung bezogen. Die 19-Jährige lebt derzeit von Hartz IV, wie gut 80 Prozent der Jugendlichen, die in die Beratungsstelle kommen. Die Miete, die das Jobcenter überweist, hat sie für eine kleine Einweihungsfeier und für die Wandfarbe ausgegeben. Das Geld für den Kühlschrank, ebenfalls vom Jobcenter, landete in der Ladenkasse eines Modeunternehmens. Um die Küche einzurichten, hat sie schließlich ihren Roller verkauft, der noch gar nicht abbezahlt war. Die Nebenkostenrechnung von 170 Euro hat sie nicht gezahlt, weil sie sie zu hoch fand; woraufhin der Versorger Jessica androhte, den Strom abzustellen. Als dann auch noch ein Versandunternehmen Geld eintreiben wollte - für eine Bestellung, die eigentlich ihre Mutter aufgegeben hatte, aber auf den Namen der Tochter - war auch Jessica ein Fall für die Berater der Caritas.

Spirale nach unten 

Was tun? Das Jobcenter, erzählt Inge Mette, springe zwar in Notfällen mit einem Darlehen ein - zum Beispiel, wenn eine Stromnachzahlung ansteht. Beim Abstottern des Kredits gebe es aber kein Nachsehen. Der monatliche Regelsatz von 374 Euro werde sofort gekürzt. „Das ist wie eine Spirale nach unten; die jungen Leute werden immer ärmer und finden keinen Ausweg.“

Auch Caritas-Mitarbeiterin Mette kann keine Reichtümer verteilen. Sie hilft, indem sie beispielsweise einen Vergleich mit den Gläubigern aushandelt. Ihre Hilfe ist erfolgreich, wenn Dennis oder Jessica es schaffen, jeden Monat einen kleinen Betrag zurückzulegen, um zu einem vereinbarten Termin die Schuldensumme zurückzuzahlen.

Lernen, Verantwortung zu übernehmen 

„Es ist wichtig, dass die jungen Leute lernen, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Caritas-Geschäftsführer Achim ­Stieve. Letztlich gehe es darum, sich von der Illusion zu verabschieden, sie könnten sich alles leisten, auch ohne Geld. Im Elternhaus haben sie es jedenfalls nicht gelernt. Fast alle sind wie Dennis und Jessica mit Hartz IV aufgewachsen. Allerdings auch Jugendliche, die zu Hause erleben, dass Geld immer verfügbar ist, hätten häufig ein Problem, sagt Inge Mette. Ihr Rat? „Ein Familienrat sollte regelmäßig erklären, woher das Geld kommt und was die Dinge des Alltags kosten.“

Jugendliche werden
 langfristig begleitet

Seit 2006 betreibt die Caritas Jugendsozialarbeit (CJS) den Fachdienst Jugendfinanzcoaching, der jungen Menschen unter 25 Jahren Hilfe bei Geldproblemen anbietet. Der Fachdienst, der seit der Gründung von der Stadt gefördert wird, ist keine „normale“ Schuldnerberatung, weil er nicht nur im Krisenfall einspringt, sondern junge Leute auch längerfristig begleitet, zum Beispiel bei der Haushaltsplanung oder beim Schriftverkehr mit Gläubigern. Die Mitarbeiter suchen regelmäßig auch Schulen und Jugendeinrichtungen auf, um über den Umgang mit Geld zu reden. Seit einem Monat ist auch eine Onlineberatung möglich. Auf eingehende Fragen wird spätestens nach 48 Stunden geantwortet. Das Angebot im Internet sichert Anonymität zu, soll Ängste nehmen und den Gang in die Beratungsstelle erleichtern.

Kontakt: Caritas Jugendsozialarbeit, Ritterstraße 2–3, 30165 Hannover, ­Telefon (05 11) 3 58 27 11, www.jugend
finanzcoaching.de.     

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