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Aus der Stadt Cascada singt beim ESC für Deutschland
Hannover Aus der Stadt Cascada singt beim ESC für Deutschland
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00:15 17.02.2013
Von Imre Grimm
Cascada mit Natalie Horler wird für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) 2013 antreten.
Cascada mit Natalie Horler wird für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) 2013 antreten. Quelle: dpa
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Hannover

Da stand sie am Ende der Show, um 22.27 Uhr, geschafft, aber mit leuchtenden Augen, auf der Bühne und wunderte sich. Hatte sie wirklich gewonnen? Eine Discoveteranin, die sonst nachts um zwei in Clubs spielt? Aber dann, irgendwann, sickerte es in Natalie Horlers Unterbewusstsein: Ihre Band Cascada wird Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) am 18. Mai in Malmö vertreten.

Sie siegte am Abend in der TUI-Arena in Hannover vor 10.000 Zuschauern beim deutschen Vorentscheid „Unser Song für Malmö“ mit ihrem Song „Glorious“ - einem Discosong, der fatal nach „Euphoria“ klingt, dem Titel der schwedischen ESC-Siegerin Loreen von 2012. Deutschland fährt mit einer Kopie nach Schweden. Und das, obwohl Kopieren ohne Quellenangabe in diesem Land gerade nicht gut ankommt. „Vielen Dank, Leute!“, rief Horler in die Halle. Lange lagen die lustigen Barfuß-Bläseranarchisten von LaBrassBanda aus dem Chiemgau vorn - mit ihrem komplett live gespielten Haudrauftitel „Nackert“. Doch sie wurden am Ende nur Zweite.

Für einen Abend war Hannover die deutsche Windmaschinenhauptstadt. Feierwütige Hannoveraner (doch!), Laserblitze, Stroboskopgewitter, Effekt-Exzesse – gut, dass die EU für TV-Shows noch keine Energiesparbirnen vorschreibt. Im Mittelfeld landete die sympathische Schwedin Betty Dittrich (28), die mit ihrer mächtigen Sechziger-Jahre-Bienenkorb-Frisur und Knuddelmops im Vorspannfilmchen auf klimperäugige Sechziger-Jahre-Unschuld machte. Ihr trivial-naives Liedlein „La La La“ war der hartnäckigste Ohrwurm des Abends. Simpel, ohne jede Modernisierungsabsicht – und erfolglos.

Nicht auf dem Podium: der trocken-kühle Achtziger-Jahre-Elektropop von Ben Ivory, das Duo Nica & Joe mit seiner leblosen Ballade „Elevated“ und Mia Diekow aus Hamburg mit ihrem „Liebeslied“, dessen anstrengende Ich-bin-so-froh-dass-ich-ein-Mädchen-bin-Attitüde doch eher als Hüpflied für einen 13. Geburtstag in Papas Partykeller taugte. Die Österreicherin Saint Lu, als Mitfavoritin gehandelt, landete trotz röhriger Stimme nur auf Platz vier. Und die Söhne Mannheims? Prominent, viel diskutiert, doch ihr matter Toleranz-Appell „One Love“ blieb ein Fremdkörper in der Show. Es reichte für Platz drei.

Auf ein wochenlanges Casting hatte die ARD nach dem Ausstieg von Stefan Raab und PRO7 diesmal verzichtet. Stattdessen bot der Sender einen Querschnitt deutschen Nachwuchspops. Der Versuch, sich nach früheren Quatsch-Experimenten und der Lena-Euphorie auf jungen Gegenwartspop ohne Gaga-Faktor zu konzentrieren, gelang nur zum Teil. Es ragte einfach niemand heraus. Außer der Moderatorin: „Ein Drittel der letzten drei Wettbewerbe hat Deutschland gewonnen“, scherzte Anke Engelke – schon vor der Show mit Standing Ovations begrüßt. Sie schaffte locker die Balance zwischen Pathos und Ironie und führte mit Herz und Charme und ohne jede Scheu vor Schwedenklischees durch den Abend („Malmö – die drittgrößte Stadt Schwedens nach Bullerbü und Lönneberga“). Ein Volltreffer.

Die Entscheidung fällten zu je einem Drittel die TV-Zuschauer, die Hörer der „Pop- und jungen Wellen der ARD“ (so heißt das tatsächlich immer noch) und die Expertenjury um Mary Roos. Die Jury sah den Publikumsfavoriten La BrassBanda ganz hinten. Erst dadurch rutschte Cascada nach vorn. Die Sinnhaftigkeit einer solchen Jury wird in der ESC-Gemeinde heftig diskutiert werden. Enttäuschung lag in der Luft.

Es war ein Abend der Accessoires: Finn Martin motzte seine eher konventionelle Wüstenhymne „Changes“ mit Ölfässern, Westerngitarre und Jeanshemd auf. Die Duisburger Band Mobilée ließ sich für ihren rauchigen Neofolk-Titel „Little Sister“ ein Wohnzimmer samt Plüschsofa und Stehlampe auf die Bühne rümpeln, dazu gab's Banjo und XXL-Balalaika. Sängerin Nomi von Blitzkids.mvt („Hard On The Line“) arbeitete sich als eine Art lebende Discokugel in Techno-Anglerhosen durch ihren Elektroheuler „Hard On The Line“ - Platz sechs.

Und Lena? Holte sich in ihrer Heimatstadt warmen Jubel und Standing Ovations ab – mit einem nostalgischen Vortrag ihres Oslo-Siegertitels „Satellite“ und der neuen Single „Neon“. „Hannooover!“ jubelte sie, knickste artig. Die Halle jubelte mit. Ach,das waren noch Zeiten.

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