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Aus der Stadt Wie wollen Sie Autofahrer zum Umsteigen bewegen, Herr Klöppner?
Hannover Aus der Stadt Wie wollen Sie Autofahrer zum Umsteigen bewegen, Herr Klöppner?
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11:18 07.03.2018
Üstra-Chef Volkhardt Klöppner 
Üstra-Chef Volkhardt Klöppner  Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover 

Die Üstra will innerhalb von fünf Jahren ihre komplette Busflotte auf Elektrofahrzeuge umstellen. Ein Interview mit dem seit Dezember amtierenden Vorstandsvorsitzenden Volkhardt Klöppner.

Herr Klöppner, sie waren vorher Geschäftsführer und Manager bei privaten Unternehmen, ist da ein kommunales Unternehmen für Sie überhaupt attraktiv?

Ich war zunächst überrascht, als man auf mich zukam. So ein Angebot konnte ich aber auf keinen Fall ablehnen, als geborener Hannoveraner. Das ist für mich, wie nach Hause zu kommen. Und natürlich sind meine Eltern unheimlich stolz. Für mich ist es eine große Ehre, ein solch traditionsreiches Unternehmen zu führen.

Und dass die Vorstände in den kommunalen Unternehmen der Region auch schon mal häufiger abgelöst werden hat für Sie keine Rolle gespielt?

Das gehörte nicht zu meinen Überlegungen. Menschlich tut mir das für die beiden ehemaligen Üstra-Vorstände leid.Aber der Blick muss jetzt nach vorne gehen.

Können Sie denn in einem politisch gelenkten Unternehmen wie der Üstra so frei arbeiten, wie sie sich das wünschen?

Ehrlich gesagt hat es mich gewundert, warum es früher so viele Konflikte gab. Ich kann sagen, dass die Üstra einen engagierten und kompetenten Aufsichtsrat hat. Aufsichtsrat und Vorstand haben das gleiche Ziel: Wir wollen für die Bürger das Beste erreichen.

Die Üstra hat eine sehr dominante Personalvertretung, nun sitzt die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Denise Hain auch im Vorstand, ist das schlau?

Wir arbeiten seit dem 8. Dezember vergangenen Jahres vertrauensvoll zusammen. Wir haben die gleichen Ziele. Und wir sind dabei, diese Ziele voranzubringen.

Herr Klöppner, aber die Arbeitnehmer haben doch bei der Üstra eine herausragende Rolle, schreckt sie das nicht?

Ich war in den vergangenen Monaten viel im Betrieb unterwegs, überall bin ich auf hoch engagierte Mitarbeiter getroffen. Die leiden unter der Situation, die entstanden ist. Ich kann sagen, dass die Mitarbeiter die Üstra im Herzen tragen.

Wie erleben Sie die Motivation der Üstra-Mitarbeiter?

Weil die Üstra in die Negativ-Schlagzeilen geraten ist, sind die Beschäftigten zutiefst verunsichert. Das zeigt die große Betroffenheit der Leute. Jeder will wieder stolz auf die Üstra sein.

Wie geht es denn jetzt mit der Aufklärung der Vergabe-Affäre und anderer Probleme weiter?

Wir als neuer Vorstand und als Aufsichtsrat wollen alles aufklären und transparent machen. Dazu dient zum Beispiel auch das vor ein paar Wochen eingerichtete Hinweissystem, wo jeder über Briefkästen im Unternehmen oder per Mail anonym von weiteren Problemen berichten kann. Und dann wollen wir auch einmal einen Schlussstrich ziehen, um unsere ganze Kraft auf die Zukunft zu richten.

Welche Dinge bei der Üstra werden zusätzlich zu den bekannten Fällen der Vergabe-Affäre noch ans Licht kommen?

Wir werden uns alle Fälle anschauen, zu denen wir ernsthafte Hinweise erhalten. 

Herr Klöppner, wenn sie nach vorn blicken, wann kommt der angekündigte Technikvorstand?

Dafür ist erst einmal ein Beschluss der Hauptversammlung erforderlich, die im Sommer tagt. Wenn ein dritter Vorstand kommt, muss man überlegen, wie wir im Vorstand die Zuständigkeiten neu verteilen, um die Üstra für die Zukunft richtig aufzustellen.

Derzeit gibt es in der Politik eine Diskussion um ein sogenanntes Ein-Euro-Ticket für Busse und Bahnen in Hannover, was halten Sie davon?

Wir haben in Hannover eine Mischfinanzierung des Nahverkehrs, das heißt, wir nehmen pro Jahr 180 Millionen Euro mit dem Verkauf von Tickets ein, der Rest kommt aus Zuschüssen. Wenn man auf die Einnahmen aus dem Ticketverkauf weitgehend verzichten will, muss man das Geld anders finanzieren.

Und was könnten sie sich vorstellen?

Ich finde das derzeitige System eine gute Lösung. Es gab und gibt Versuche in Städten, den Nahverkehr kostenfrei oder weitgehend kostenfrei zu machen. Dort wurde aber das Hauptziel verfehlt, die Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. In erster Linie sind Fußgänger und Radfahrer umgestiegen.

Wie könnten denn Autofahrer zum Umsteigen bewegt werden?

Die Einfachheit ist wichtig. Es muss genauso einfach sein, mit Bus und Bahn zu fahren, wie den Schlüssel von der Kommode zu nehmen, ins Auto zu steigen und loszufahren.

Die Üstra hat jedes Jahr einen Zuwachs von Fahrgästen, reichen dafür Busse und Bahnen?

Wir haben 325 Stadtbahnen und 130 Busse. Mit dieser Kapazität können wir die Menge, die wir in den kommenden Jahren an Wachstum erwarten, bewältigen.

Und wenn noch mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen?

Wenn es radikale Veränderungen im Umfeld gibt, dann müssen wir neu nachdenken.

Wie wird sich der Nahverkehr der Zukunft entwickeln?

Wir stehen vor einer Revolution der Mobilität. Innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre werden sich mit ungeheurer Geschwindigkeit neue Möglichkeiten entwickeln.

Und was bedeutet das für die Üstra?

Die Üstra bleibt in Hannover das Rückgrat der Mobilität. Wir haben hier in Hannover eines der besten Nahverkehrssysteme Deutschland und der Welt. Wir müssen jetzt schauen, wie wir es schaffen, andere, neue Möglichkeiten in unser vorhandenes System zu integrieren.

Was heißt das konkret?

Wo es im Nahverkehr unter anderem noch hapert, ist ein flexibles System ergänzend zu Bussen und Bahnen. Die Mobilität wird sich neu gestalten. Neues Denken ist gefragt.

Das ist die Üstra

Im Jahr 1892 wurde die Straßenbahn Hannover AG gegründet, die 1921 in die Überlandwerke und Straßenbahnen AG, kurz Üstra, umfirmierte. Der Name rührt daher, dass das Unternehmen bis zum Jahr 1929 auch Stromerzeugung betrieb. Heute ist die Üstra eine der bekanntesten Marken Hannovers. Sie ist eine Aktiengesellschaft und Tochterunternehmen der Region Hannover. Sie betreibt den kompletten Stadtbahnverkehr, den öffentlichen Busverkehr in Hannover und einigen angrenzenden Städten sowie die vier Schiffe der Maschseeflotte. 309 Stadtbahnen und 136 Busse sind für die Üstra unterwegs; das Unternehmen beschäftigt knapp 2100 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr stiegen rund 176 Millionen Fahrgäste in eines der Üstra-Fahrzeuge ein, was ein Allzeithoch bedeutete. Im Geschäftsjahr 2016 stand unter dem Strich ein Defizit von 15,2 Millionen Euro. Damit steht das Unternehmen im Vergleich gut da. Öffentlicher Nahverkehr ist generell nicht kostendeckend zu betreiben.

Von Hendrik Brandt, Bernd Haase und Mathias Klein