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Aus der Stadt Dachdecker überlebt Unfall dank Eigenblut-Transfusion
Hannover Aus der Stadt Dachdecker überlebt Unfall dank Eigenblut-Transfusion
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00:15 13.06.2017
„Von Tag zu Tag wird es besser“: Dachdecker Heiko Wieckenberg im Friederikenstift mit Chefarzt André Gottschalk. Quelle: Villegas
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Hannover

Nach dem schweren Sturz bei der Arbeit kam die Diagnose nach einer Computertomografie: Die Milz war gerissen, zehn Rippen und ein Unterarm gebrochen. Die Verletzungen im Brustbereich hatten dazu geführt, dass sich aus perforierten Gefäßen ein großer Bluterguss im Brustkorb bildete – eine Notoperation war unumgänglich. Die Milz wurde entfernt und der Bluterguss durch eine Drainage abgeführt.

Nach der Operation wachte Wieckenberg zunächst orientierungslos im Friederikenstift auf. Erst dann erfuhr er, dass er durch den Unfall und die folgende Operation 80 Prozent seines Blutes verloren hatte, also rund vier von fünf Litern, und alles trotzdem ohne die Transfusion von Blutkonserven überstand – durch die Retransfusion des eigenen Blutes.

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Die Cell-Saver (li.) fangen bei der Operation das Blut von Patienten auf und reinigen es für die Retransfusion. Quelle: Diakovere

Bei einer Retransfusion wird das verlorene Eigenblut aufgefangen, aufbereitet und wieder in den Blutkreislauf des Patienten zurückgeführt. Seit fünf Jahren hat das Friederikenstift die Transfusionen von Fremdblut aus den früher unverzichtbaren Konserven eingeschränkt. „Es gibt viele potenzielle Gefahren bei Konserven“, sagt André Gottschalk, Chefarzt des Zentrums für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin der Diakovere-Kliniken (dazu gehören auch Henriettenstift und Annastift). Beispielsweise könnten Konserven unterschiedlicher Blutgruppen in der Hektik einer Not-OP verwechselt werden oder der Patient könnte das fremde Blut nicht vertragen. Bei einer Retransfusion sei der Stress für das Immunsystem geringer, da es nicht mehr gegen Fremdblut ankämpfen müsse. Außerdem vermindert das Verfahren das Risiko einer Infektion.

Im Friederikenstift sind Retransfusionen mittlerweile Routine und werden als großer Erfolg gesehen. „Fünf Jahre, nachdem wir angefangen haben zu retransfundieren, ist unser Verbrauch von Fremdblutkonserven fast um die Hälfte zurückgegangen“, erklärt Gottschalk. 2012 wurden knapp 4000 Konserven gebraucht, 2017 sind es lediglich noch rund 2100. Die Reduktion hat den Chefarzt selbst überrascht „Mit solch einem Ergebnis habe ich nicht gerechnet“, sagt Gottschalk.

Im HAZ-Forum diskutierten Heiko Randermann, Dr. Jörg Isenberg, Dr. Matthias Bracht, Dr. Martin Stolz, Ministerin Cornelia Rundt über die Zukunft der Krankenhäuser im demographischen Wandel.

Bei Retransfusionen saugt ein sogenannter Cell-Saver (zwei davon stehen zur Verfügung) das während einer Operation verlorene Blut auf und wäscht es mit einer Kochsalzlösung, bis nur noch rote Blutkörperchen übrig sind – sie versorgen den Organismus mit Sauerstoff. Dann wird das Blut wieder in den Kreislauf zurückgeleitet. Die Methode könne Blutspenden allerdings nicht vollkommen ersetzen. „Es gibt weiterhin Fälle, wo wir auf das Fremdblut angewiesen sind“, sagt Gottschalk. Zum Beispiel wenn ein Patient das Blut bei einem Unfall verloren hat, wo es nicht in einem sterilen Umfeld aufgefangen werden kann.

Heiko Wieckenberg ist mittlerweile auf dem Weg der Besserung. Im Friederikenstift macht er täglich Übungen, bei denen er das Aufrichten und Aufstehen wieder erlernt. „Der Kreislauf macht noch nicht so mit“, sagt der 39-Jährige. „Aber von Tag zu Tag wird es besser.“

Blutspenden immer noch benötigt

Die Retransfusion soll den Gebrauch von Blutkonserven weitgehend reduzieren. Doch nicht immer kann das Eigenblut den Patienten retten. „Die aus der Blutspende erzeugten Präparate sind nach wie vor unverzichtbar“, sagt Kerstin Schweiger vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Nur ein kleiner Teil der Patienten könne Retransfusionen in Anspruch nehmen.

Tumorpatienten, deren Behandlung sich über Wochen oder Monate hinzieht und die mehrmals täglich Blutpräparate brauchen, könnten gar nicht so viel Eigenblut spenden. „Außerdem würden sie sich mit den Tumorzellen in der Transfusion immer wieder selbst schwächen“, sagt Schweiger. Manchmal hätten die Patienten auch nicht genug Blut für das Verfahren.

Da Blutkonserven nur einen Monat haltbar sind, bietet das DRK von montags bis freitags Termine zum Blutspenden an. Zurzeit spenden nur etwa 3 Prozent der Menschen in Deutschland Blut – obwohl aus medizinischer Sicht 33 Prozent der Bevölkerung als Spender infrage kommen. Infos unter der Spender-Hotline (08 00) 1 19 49 11 (kostenlos aus dem Festnetz). mad

Von Madeleine Buck

Andreas Schinkel 09.06.2017
Bärbel Hilbig 12.06.2017
Heiko Randermann 12.06.2017
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