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Aus der Stadt Darf der Trammplatz noch so heißen?
Hannover Aus der Stadt Darf der Trammplatz noch so heißen?
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00:15 12.06.2013
Der Trammplatz wird demnächst aufwendig saniert. Ob er dann auch einen neuen Namen bekommt, ist noch ungewiss.
Der Trammplatz wird demnächst aufwendig saniert. Ob er dann auch einen neuen Namen bekommt, ist noch ungewiss. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Nach dem Beginn einer Debatte um die NS-Vergangenheit des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf steht Hannover jetzt auch eine Diskussion um die Vergangenheit des früheren Oberstadtdirektors Heinrich Tramm ins Haus. Tramm, nach dem der Platz vor dem Neuen Rathaus benannt ist, wird in der offiziellen Ausstellung zum 100. Rathausgeburtstag als ein „Wegbereiter der NS-Diktatur“ bezeichnet. Politiker von SPD, Grünen und CDU wollen nun überprüft wissen, ob sich Tramm noch als Namensgeber für den prominenten hannoverschen Platz eignet. In der vergangenen Woche hatte sich Ministerpräsident Stephan Weil wegen dessen Beteiligung an der Enteignung von Juden im Dritten Reich bereits von Hinrich Wilhelm Kopf distanziert. Nach Kopf ist der Platz vor dem Landtag benannt.

„Tramm stand der imperialistischen Politik des Kolonialisten Carl Peters nahe“, sagt Wolf-Dieter Mechler vom Historischen Museum, der Kurator der Ausstellung im Rathaus. Außerdem zählte Tramm im Ersten Weltkrieg zu den schärfsten Nationalisten, die bis zum Schluss auf einen „Siegfrieden“ aus waren. Ein Jahr vor seinem Tod 1932 führte ihn sein Weg zur „Harzburger Front“, einem Bündnis von Nationalisten und NSDAP. „Antisemit aber war Tramm nicht“, sagt Mechler: Der Stadtdirektor war mit der ungarisch-jüdischen Opernsängerin Olga Polna verheiratet. Auch seine Leistungen für die Stadtentwicklung seien unbestritten.

Kopf wiederum wird durch die Recherchen der Göttinger Historikerin Teresa Nentwig wegen seiner Rolle in der NS-Zeit stark belastet. Demnach war er Ende der dreißiger Jahre Miteigentümer einer Berliner Firma, die jüdisches Vermögen verkaufte. Später soll Kopf das Vermögen geflüchteter Juden und Polen im Osten verwaltet haben. Historikerin Nentwig wirft ihm außerdem vor, Grabsteine von jüdischen Friedhöfen entfernt und für den Straßenbau verkauft zu haben.

Sowohl bei Tramm als auch bei Kopf setzt die Kommunalpolitik auf eine gründliche Überprüfung der Vorwürfe. „Wir müssen uns das anschauen und dann gründlich bewerten“, sagt der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Hermann. Wenn jetzt über Tramm geredet werde, müsse auch über andere Wegbereiter des NS-Regimes wie Paul von Hindenburg diskutiert werden, sagt er. Die Richtlinien der Stadt sehen eine Umbenennung von Straßennamen nur dann vor, wenn der Namensgeber sich aktiv am Unrechtsregime beteiligt hat. „Da muss man in jedem Einzelfall klären, wie die aktive Teilnahme aussah.“

CDU-Bauexperte Dieter Küßner schlägt vor, Stadthistoriker Karljosef Kreter die einzelnen Fälle bewerten zu lassen. Im Übrigen verweist Küßner darauf, dass Millionen Menschen ebenfalls Wegbereiter des NS-Regimes gewesen seien. Auch Grünen-Fraktionschef Lothar Schlieckau warnt vor einer überstürzten Umbenennung. Er will jetzt beantragen, dass sich die Fraktionen mit der Stadtverwaltung zusammensetzen, um über eine einheitliche Linie zu beraten. Lediglich die Linken im Rat der Stadt fordern eine zügige Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes sowie der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule im Stadtteil Kleefeld.

Von Simon Benne und Mathias Klein

Hinrich Wilhelm Kopf

Hinrich Wilhelm Kopf war der erste Regierungschef Niedersachsens. Kopf wurde 1893 in Neunkirchen bei Cuxhaven geboren. 1919 schloss er sich der SPD an. In den zwanziger Jahren arbeitete er als Bankkaufmann, ehe er 1928 Landrat in seiner Heimat Hadeln wurde. 1945 ernannte die britische Militärregierung Kopf zum hannoverschen Regierungspräsidenten. Von 1946 bis 1955 und von 1959 bis zu seinem Tod 1961 war er niedersächsischer Ministerpräsident. Im Dritten Reich verwaltete Kopf unter anderem das Vermögen geflüchteter Polen und Juden. An deren Entrechtung habe er „kräftig verdient“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil vergangene Woche.

Heinrich Tramm

Heinrich Tramm wurde 1854 als Sohn eines Architekten in Hannover geboren. Nach dem Lyzeum studierte er zwischen 1874 und 1877 Rechts- und Staatswissenschaften. 1883 wurde er hauptamtlicher Senator im hannoverschen Magistrat, 1891 wurde er zum Stadtdirektor gewählt. In den nächsten drei Jahrzehnten prägte er in dem Amt, das dem heutigen Oberbürgermeister entspricht, die „Ära Tramm“. In den Tagen der Novemberrevolution trat 1918 Tramm als Stadtdirektor zurück. Er starb 1932. Historiker werfen ihm Nähe zum Kolonialismus und Nationalismus vor.

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