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Aus der Stadt Das Aufräumen fällt aus
Hannover Aus der Stadt Das Aufräumen fällt aus
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21:35 01.01.2010
Von Thorsten Fuchs
Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde halfen gestern mit, den Opernplatz von den Spuren der Silvesternacht zu befreien.
Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde halfen gestern mit, den Opernplatz von den Spuren der Silvesternacht zu befreien. Quelle: Uwe Dillenberg
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Wäre der Winter eine reale Person mit eigenem Willen, dann hätte er sich am Freitag eine kräftige Schelte eingehandelt – schließlich verhinderte er am Neujahrstag, dass die professionellen Aufräumer die Straßen wie geplant von Knaller- und Raketenresten reinigten. Andererseits jedoch verbarg der Winter all das Liegengebliebene auch weitgehend unter einer gnädigen Schneeschicht. Insofern hatte er dann doch alles wiederum ganz hübsch ausbalanciert, der Winter.

Für die 140 Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsbetriebs aha konnte es jedenfalls nicht ums Böllerwegräumen gehen, als sie um zwei Uhr am Neujahrsmorgen ihren Dienst antraten. „Der Schnee hat die Aufräumarbeiten verhindert“, erklärte eine aha-Sprecherin gestern. Stattdessen bemühten sich die aha-Männer, ausgerüstet mit 60 Fahrzeugen, öffentliche Wege, Zugänge und Straßen von den Spuren des Winters möglichst umfassend zu befreien. Bis acht Uhr, in der City auch noch länger, waren sie damit beschäftigt. „Der Winterdienst hat Priorität“, betonte die Sprecherin.

So blieb es privaten Besitzern, Firmen und Initiativen vorbehalten, mit dem Aufräumen nach Möglichkeit bereits anzufangen. Schon eine halbe Stunde nach Mitternacht zum Beispiel begannen zwei Mitarbeiter der Bahn damit, den Ernst-August-Platz vor dem Hauptbahnhof von den Resten des Feuerwerks zu säubern. Um neun Uhr waren es dann rund 40 Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche, die am Kröpcke und vor der Oper jene Raketen- und Böllerreste forträumten, die im Schnee zu erkennen waren.

Seit 16 Jahren gibt es diese Aufräumaktion der Muslime aus der Schwarzen Heide. Der 34-jährige Rizwan Bashir war bislang jedes Mal dabei. Als Hilfe für die Stadt, aber auch als leisen Protest will er die Aktion verstanden wissen: „Wir sehen nicht ein, dass all das Geld für Böller verpulvert wird“, kritisiert er.

Der Kfz-Mechaniker Bashir glaubt auch, schon Erfolge zu erkennen: „Es wird von Jahr zu Jahr weniger Müll“, meint er. Eine angesichts des Schnees und seiner verhüllenden Wirkung gewagte Aussage, und die 35 blauen Säcke, die die Ahmadiyya-Anhänger binnen kurzer Zeit mit Resten gefüllt hatten, sind auch keine bescheidene Menge.

Ein Erfolg ist die Aktion aber ganz sicher bei den Kindern und Jugendlichen der eigenen Gemeinde. Sie verbringen die Silvesternacht in der Moschee, beten um Mitternacht und fahren am Morgen zum Aufräumen gemeinsam in die Innenstadt. Begeistert mitgemacht haben zum Beispiel die Brüder Adeel und Sajeel Ahmed, elf und sieben Jahre alt. Gymnasiast Adeel will zwar nicht ausschließen, dass er irgendwann vielleicht doch auch mal wieder einen Böller in die Hand nimmt, wie es halt auch die meisten seiner Schulkameraden tun. Fürs Erste hält er jedoch nichts davon: „Das ganze Geld ins Feuer zu werfen, das bringt doch nichts“, schimpft er.

Der Großteil der Feuerwerksreste wird jedoch nun noch eine Weile auf Hannovers Straßen liegen bleiben. 14 Tage braucht aha, um einmal in der gesamten Stadt zu räumen. Wann die Mitarbeiter damit beginnen können, ist aber noch unklar. Mindestens bis Mitte kommender Woche soll es winterlich bleiben, mit Temperaturen um minus acht Grad. Einstweilen will sich der Winter offenbar noch ein wenig von der hartnäckigen Seite zeigen, und gegenüber Böllerüberbleibseln, so scheint es, empfindet er nur tiefe Gleichgültigkeit.

01.01.2010
Tobias Morchner 01.01.2010
01.01.2010