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Aus der Stadt Das Opfer leidet vor Gericht weiter
Hannover Aus der Stadt Das Opfer leidet vor Gericht weiter
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10:25 16.01.2009
Von Hans-Peter Wiechers
Quelle: Rainer Dröse/ HAZ
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„Die Konturen des Gesichts waren nicht mehr zu erkennen“, sagt der medizinische Sachverständige, der sie gleich nach der Tat untersuchte. Es habe nur wenige Stellen am Körper des Opfers gegeben, die nicht von Prellungen oder Abschürfungen gezeichnet waren. Jetzt wird gegen den mutmaßlichen Täter wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht verhandelt.

Was den Fall beispielhaft macht, ist die Situation des Opfers. Die Frau hat eine Nacht der Folter durchlitten. Das ist nach dem Vortrag des Sachverständigen nicht zu bestreiten. Jetzt macht sie vor Gericht noch einmal quälende Stunden durch. Nur wenige Meter von ihr entfernt sitzt der Mann, den sie als ihren Peiniger angezeigt hat. Der Angeklagte grimassiert, lacht hämisch, redet dazwischen. Er tut, was ihm möglich ist, um die Zeugin einzuschüchtern. Die Staatsanwältin tut nichts dagegen. Der Vorsitzende Richter braucht fast eine Stunde, ehe er den Angeklagten behutsam darauf hinweist, dass es nichts zu lachen gibt. Dabei ist das Gebaren des 34-Jährigen eine Bestätigung der Vorwürfe. Er ist aggressiv und drückt seine Verachtung für die Frau aus. Das soll er auch in der Tatnacht getan haben, als er Mehl, Öl und andere Lebensmittel in ihrer Wohnung verstreute und ihren Kopf in den Brei presste. Er soll der Frau Kerzenwachs über den Kopf gegossen haben. Sie hatte noch Wachs in den Haaren, als sie ins Krankenhaus kam.

Auch der Verteidiger nutzt alle Möglichkeiten des Einschüchterns. Er tut nichts, was gegen die Strafprozessordnung verstößt, er ist ein erfahrener Jurist. Aber er geht an die Grenze. Er versucht, das Opfer, die wichtigste Belastungszeugin, in die Enge zu treiben. Die 32-Jährige hat erzählt, dass sie bei ihrer Aussage vor der Polizei noch verwirrt war von den Schlägen. Und wie schwer diese Schläge waren, hat der Gutachter bestätigt. Es bestand sogar die Gefahr eines Schädelbruchs. Dennoch versucht der Verteidiger, der Frau Widersprüche zwischen ihrer Aussage vor Gericht und der Aussage bei der Polizei nachzuweisen. Er gebärdet sich, als habe die gequälte Zeugin Unrecht begangen, wenn er sie bei einem angeblichen Widerspruch ertappt. Er zeigt sich genervt, wenn sie seiner Meinung nach zu ausschweifend antwortet.

Weder Richter noch Staatsanwältin machen dem Opfer Mut. Sie weisen den Verteidiger nicht in seine Schranken. Auch das Gericht zeigt sich unwirsch, wenn die Zeugin nicht kurz und bündig antwortet. Dabei erzählt sie von einem Alptraum, und irgendwann sagt sie leise den Satz: „Ich möchte mich nicht mehr an alles erinnern.“ Aber darauf nimmt in diesem Gerichtssaal bis jetzt keiner Rücksicht.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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