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Aus der Stadt Das System des Dr. Ralf L.
Hannover Aus der Stadt Das System des Dr. Ralf L.
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14:42 17.10.2017
Von Veronika Thomas
Die Ermittler auf dem Weg in die noble Praxis des Zahnarztes Ralf L. Sie beschlagnahmten unter anderem Patientenakten sowie Festplatten von Computern und Geräten.
Die Ermittler auf dem Weg in die noble Praxis des Zahnarztes Ralf L. Sie beschlagnahmten unter anderem Patientenakten sowie Festplatten von Computern und Geräten. Quelle: Petrow
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Eine zweite Gruppe von Patienten wird von Abrechnungsgesellschaften mit Mahn- und Klageverfahren überzogen, weil sie sich weigern, überzogene Honorarforderungen zu begleichen. Wegen Körperverletzung wurde Ralf L. in einem Fall zu 7500 Euro Geldstrafe verurteilt, in einem weiteren musste seine Haftpflichtversicherung einer Patientin 87 000 Euro Schmerzensgeld zahlen, viele Verfahren endeten mit einem Vergleich. Am Donnerstag nun durchsuchten Staatsanwälte, Computerspezialisten und Polizisten sowohl die Praxis als auch die Privaträume des Zahnarztes, der in Eilenriedenähe in der List eine Implantat-Zahnklinik betreibt.

„Wir hätten uns solch eine Aktion schon viel früher gewünscht“, sagt Michael Sereny, Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen. Aber es sei sicher besser, eine Hausdurchsuchung präzise vorbereitet als vorschnell durchzuführen. Nach Angaben von Oliver Eisenhauer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, wurde umfangreiches Material sichergestellt, überwiegend Patientendaten, EDV und die Festplatten verschiedener Diagnosegeräte.

Ein am Freitag gestellter Antrag der Staatsanwaltschaft auf ein vorläufiges Berufsverbot wurde bis zum 30. November ausgesetzt. Während dieser sogenannten Einlassungsfrist „werden wir alles daransetzen, die gegen meinen Mandanten vorgetragenen Vorwürfe zu entkräften“, sagte gestern Ralf L.s Anwalt Matthias Waldraff, der für seinen Mandanten alle Vorwürfe abstritt. Das heißt, der Zahnarzt darf bis dahin zwar weiter praktizieren, aber bestimmte, strittige Positionen, deretwegen die Staatsanwaltschaft ermittelt, nicht abrechnen. 

Der Hauptvorwurf der ermittelnden Behörden lautet auf Abrechnungsbetrug, im Fokus der Ermittler steht vor allem ein Gerät namens RoboDent, ein Roboter, mit dem Implantate computergesteuert navigiert werden können. Nach Aussagen eines Anästhesisten, der jahrelang für den Zahnarzt gearbeitet hat, soll der RoboDent nie im Einsatz gewesen sein. Auch dies wird von L. bestritten.

Wie Michael Sereny weiter mitteilt, ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei zurzeit noch in mehr als 50 weiteren, von Patienten angezeigten Fällen. „Wir als Zahnärztekammer tun alles, um zur Aufklärung des ‚Systems des Dr. Ralf L.‘ beizutragen.“ Über diesen Zahnarzt seinen bisher die meisten Beschwerden und Reklamationen von Patienten im Kammerbezirk überhaupt eingegangen. „Da steckt unheimlich viel Leid dahinter“, sagt Sereny. Die Beschwerden über überhöhte Abrechnungen hätten sich seit Ende 2010 gehäuft.

In einem Fall habe Ralf L. für die Zahnsanierung eines Patienten 220.000 Euro gefordert. Die Kammer habe auch regelmäßig die Internetseite des Zahnarztes beobachtet und Kollegen informiert, die dort als dessen Mitarbeiter aufgeführt worden waren – darunter Chirurgen und Kieferorthopäden, die Ralf L. als sein Expertenteam  vorgestellt hatte. „Einige von denen sind aus allen Wolken gefallen“, sagt der Kammerpräsident.    

Teure Diagnosen

Dirk Faikosch gehört zu den Patienten von Ralf L., denen Implantate angeblich mithilfe des computerunterstützten Navigationsgeräts RoboDent gesetzt worden sind. 2000 Euro berechnete der Zahnarzt dem 43-Jährigen für den Einsatz des Roboters. Jetzt sollen Computerfachleute im Auftrag der Staatsanwaltschaft herausfinden, ob das Gerät wirklich so oft in Ralf L.s Praxis im Einsatz war, wie damit abgerechnet worden ist. Faikosch und ein gerichtlich bestellter Gutachter zweifeln daran. Faikoschs vier Implantate stehen seit fast acht Jahren krumm und schief in seinem Oberkiefer, eines wurde sogar weniger tief versenkt als die anderen drei. Der Techniker befindet sich seitdem in einem Dauerrechtstreit mit Ralf L.

Im Visier der Staatsanwaltschaft steht auch ein digitaler Volumentomograph (DVT). Mit diesem bildgebenden Verfahren werden dreidimensionale Röntgenbilder des Kiefers als Panoramaaufnahme zur exakten Diagnose erzeugt. Nahezu von jedem Patienten des Zahnarztes wurden bisher DVT-Röntgenaufnahmen angefertigt – für 2000 Euro und mehr. In Rechnung gestellt wurden dabei nicht nur die DVT-Aufnahme selbst, sondern auch zahlreiche weitere Röntgenbilder, etwa von einzelnen Zähnen, die sich aus der großen Panoramaaufnahme als Details herausziehen lassen. Nach Angaben den Michael Sereny, Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen, wird jetzt geprüft, ob hier tatsächlich viele weitere, gesundheitlich auch bedenkliche Röntgenaufnahmen angefertigt wurden, oder ob es sich um Abrechnungsbetrug handelt.

Das Amtsgericht Hannover hat Ralf L. 2011 zu 50.000 Euro Geldstrafe wegen Titelmissbrauchs verurteilt. Er soll einen Ehrendoktortitel, neben seinem rechtmäßigen Doktortitel, zu unrecht geführt haben. Dagegen hat der Zahnarzt Berufung eingelegt. Wegen Überlastung der Berufungskammer wird darüber frühestens 2013 verhandelt.

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