Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Das Wildeste, was wir im Krieg gesehen haben“
Hannover Aus der Stadt „Das Wildeste, was wir im Krieg gesehen haben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:33 08.04.2015
Von Simon Benne
Bizarre Szenen: Plünderung einer Bäckerei in der Grotestraße am 10. April 1945.
Bizarre Szenen: Plünderung einer Bäckerei in der Grotestraße am 10. April 1945. Quelle: Historisches_Museum_Hannover
Anzeige
Hannover

Sie balgten sich um Lebensmittel; jeder schnappte sich, was er tragen konnte. „Es wurde gestohlen und geplündert in jenen Tagen. Wir nannten es organisieren“, erinnert sich die damals 16-jährige Annemarie Leipold-Peter, die selbst in Stöcken „organisieren“ ging: „Dort wurden Silos und Lagerhäuser gestürmt. Schweinehälften wurden aus dem Kühlhaus geworfen, Menschen dabei erschlagen“, sagt sie. Säcke mit Mehl, Grieß und Haferflocken wurden zerrissen; draußen jagten sich die Plünderer ihre Beute teils gegenseitig wieder ab. „Ich habe von den Stufen im Treppenhaus etwas von allem zusammengerafft“, sagt Annemarie Leipold-Peter. „Das beste war ein Karton mit Büchsen.“

Als der US-Leutnant John D. Marr mit einem kleinen Trupp Soldaten am Nordhafen eintrifft, sieht er alte Frauen, die auf Transportspiralen aus dem fünften Stock eines Lagerhauses nach unten rutschten, in den Händen große Säcke mit Mehl. Menschen trampeln sich gegenseitig tot. Die Amerikaner lassen die Deutschen gewähren - auch, da sie die entfesselte Menge wohl kaum stoppen könnten. „Mann, das ist ja wie ein Albtraum, das Wildeste, was wir bis dahin in diesem Krieg gesehen haben!“, notiert Marr später: „Eine Mischung aus dem Großen Feuer in Chicago, einer Panik an der Wall Street und dem Vergnügungspark Coney Island.“

Eine funktionierende Ordnungsmacht gibt es in diesen Tagen nicht. Unter den 217 000 Menschen, die noch in der zerstörten Stadt leben, sind 54 000 Ausländer. Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter sind teils auf Rache und Beute aus. Doch auch viele Deutschen werden in Not und Chaos zu Plünderern: In Vinnhorst wird ein Kühlhaus aufgebrochen, am Südbahnhof ein Güterzug. Oft zertrampelt die blinde Masse einen Teil der begehrten Lebensmittel. Teils waten bei den Plünderungen Tausende in einem Gemisch aus Speiseöl, Zucker und Mehl herum.

„Uns kamen Menschen entgegen, die weiß von Mehlstaub waren“, sagt Gerhard Strüwe. Zusammen mit seinem Bruder und einem Freund hatte der Zwölfjährige sich damals aufgemacht, weil er gehört hatte, dass auf dem Kanal hinter Wülferode ein mit Mehl beladenes Schiff liegen sollte. „Es war schwierig, an Bord zu kommen“, sagt er. „Es gab nur ein schmales Brett vom Ufer zum Schiff. Der Andrang war groß.“ Schließlich hangelte sein Freund sich an einem Seil hinüber. Ein korpulenter Mann wollte es ihm gleichtun - und landete im Wasser. „Ich hatte Glück“, erinnert sich Strüwe: „Eine Gruppe Russen überließ mir einen halben Sack Mehl. Das war für uns ein Segen - wir konnten es auch gegen andere Lebensmittel tauschen.“

Begonnen hatten die Plünderungen schon vor dem Einmarsch der Amerikaner - obwohl es hart bestraft wurde. „Ende März hörten wir, dass am Misburger Damm ein Wehrmachtsdepot in Trümmern lag“, sagt Helga Fredebold. Sie zog mit ihrer kleinen Einkaufstasche los - und kehrte mit vier Kilo Dosenfleisch zurück: „Sie waren noch warm, ich hatte sie aus der heißen, schmierigen Asche gebuddelt. Selten hat mir in meinem Leben etwas so gut geschmeckt wie dieses schiere, richtige Rindfleisch.“

Die Plünderungen jener Tage haben sich vielen Hannoveranern tief ins Gedächtnis eingeschrieben. Vielleicht, weil die erbeuteten Genüsse so selten waren.Oder weil sie selbst, vielleicht zum ersten und einzigen Mal im Leben, etwas Ungesetzliches taten. Vielleicht, weil die Szenen, die sich bei den Plünderungen abspielten, so bizarr waren. Oder weil die vollkommene Verkehrung aller Werte ihnen im Nachhinein wie die Geburtswehen einer neuen Zeit erschienen.

Dabei war es selten Abenteuerlust, die brave Bürger in Plünderer verwandelte - sondern das nackte Elend.

Viele waren ausgebombt, wie der damals 15-jährige Gerhard Falk. Sein Vater war in Russland vermisst, seine Mutter evakuiert: „Wir waren wie streunende Hunde“, sagt er im Rückblick. Zuflucht fanden er und einige Schicksalsgenossen im Luftschutzkeller des heutigen Landtags: „Ernährt haben wir uns von Hamster- und Plünderungsgut“, sagt Falk. „Als Lager konnten wir den Keller vom heutigen Landtag sehr gut nutzen - bis uns die Sieger beim Plündern erwischten. Da fanden wir uns im Gefangenenlager wieder.“

Simon Benne 11.04.2015
Aus der Stadt Ausfall einer Computernetzwerks - Lottoannahme kurzzeitig gestört
08.04.2015
Mathias Klein 08.04.2015