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Aus der Stadt Das Wohnzimmer der Szene
Hannover Aus der Stadt Das Wohnzimmer der Szene
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21:10 21.08.2013
Von Veronika Thomas
Blau ist die Hoffnung: Der Bauwagen Anfang der neunziger Jahre. Quelle: Archiv
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Hannover

Salvatore gehört zu denen, die den Ausstieg geschafft haben. Die Hälfte seines Lebens war der 44-Jährige „auf Droge“, wie er sagt, und von den 22 Jahren mit Heroin, Kokain, Cannabis, Alkohol und Tabletten verbrachte er zwölf hinter Gittern. Den Bauwagen der christlichen Drogenarbeit Neues Land unter der Raschplatz-Hochstraße kannte er zwar von Anfang an, „aber normalerweise wäre ich da nie reingegangen“, erzählt der Altenpfleger. 2005 tat er es doch, weil er sein altes Leben satt hatte, und weil er wusste, dass es dort umsonst Kaffee und Kekse gibt. „Seitdem hat sich mein ganzes Leben verändert“, erzählt Salvatore und legt nachdenklich eine Hand auf die Glatze. Am Sonnabend feiert Neues Land den 25. Geburtstag seines Bauwagens mit einem großen Sommerfest.

Mitte und Ende der achtziger Jahre, als der Treffpunkt Bauwagen entstand, war die Zeit der offenen Drogenszene in Hannover. Immer mehr Abhängige lagerten im Tunnel am Volgersweg und in der Fernroder Straße, außerdem hatte Aids die Szene erreicht. Der Suchthilfeträger Step richtete das „Café Connection“ am Raschplatz und den „Fix-Punkt“ an der Hamburger Allee ein, wo Abhängige saubere Spritzen für den nächsten „Druck“ erhielten. Neues Land reagierte 1988 mit einen Bauwagen unter der Raschplatz-Hochstraße - aus reiner Geldnot, weil feste Räume für den kleinen Verein unbezahlbar waren.

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Drogen waren hier von Anfang an tabu, stattdessen gab und gibt es wochentags von 14 bis 17 alkoholfreie Getränke, Kekse - und immer ein offenes Ohr. „Welchen Wert habe ich? Welchen Wert hat das Leben? Das ist der rote Faden unserer Arbeit“, umschreibt Eberhard Ruß, Vorstandsvorsitzender von Neues Land, den christlichen Ansatz der Drogenarbeit. Reinhard Grammlich, seit 13 Jahren Bauwagen-Leiter, bezeichnet das Kontaktcafé als „Wohnzimmer der Szene“ - wo Besucher in Ruhe Kaffee trinken, innehalten und im Gespräch mit Mitarbeitern auf andere Gedanken kommen können. Täglich um 16.45 Uhr gibt es eine kurze Andacht. Wer daran teilnehmen möchte, bleibt, wer nicht, verabschiedet sich. Inhaltlich geht es darin meistens um persönliche Erfahrungen.

Die Arbeit mit Drogenabhängigen hat sich nach Grammlichs Angaben in den vergangenen Jahren stark verändert. „Früher war ein Süchtiger den ganzen Tag damit beschäftigt, Geld und Drogen zu beschaffen und sie dann zu konsumieren“, erzählt der Diakon und Sozialarbeiter. Heute gingen viele ehemals Süchtige zum Arzt, wo sie als sogenannte Substituierte Ersatz- oder Originaldrogen erhielten. Dadurch erübrige sich zwar der Beschaffungsdruck, was die Beschaffungskriminalität drastisch zurückgehen ließ. „Aus Gesprächen wissen wir aber, dass viele Substituierte unzufrieden sind, weil sie letztlich wieder abhängig sind, jetzt von Ärzten“, sagt der 41-Jährige. „Viele von ihnen langweilen sich und fühlen sich überflüssig, weil die wenigsten auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Chance erhalten, und den zweiten Arbeitsmarkt gibt es nicht mehr.“ Viele konsumierten zusätzlich Alkohol. Das Ziel, unabhängig von Drogen zu werden, hätte der Großteil längst aus den Augen verloren, weil „Drogenabhängige immer den Weg des geringsten Widerstands“ gingen.

„Das wollen wir ändern“, sagt Grammlich, der über seinen Zivildienst vor 20 Jahren zu Neues Land stieß. „Wir hatten hier schon Leute, die zehn Jahre regelmäßig zu uns kamen, ehe sie bereit waren für ein Leben in Abstinenz.“ Wertschätzung, Verständnis, Offenheit - so umschreiben die Mitarbeiter den Umgang mit ihren Besuchern. „Uns interessieren die Lebensgeschichten hinter der Sucht“, sagt Michael Lenzen, Leiter von Neues Land Hannover. „Für uns gibt es keinen hoffnungslosen Fall. Auch nach 40 Entgiftungen könnte es bei der 41. klappen.“ Man brauche halt einen langen Atem.

Etwa ein Drittel der täglich 25 bis 30 Besucher hat russische Wurzeln. Um sie zu erreichen, sucht der russischsprachige Drogenberater Alexander Fitz sie regelmäßig dort auf, wo sie sich treffen: Am Schwarzen Bär, im „Café Connection“, in der Unterkunft für Abhängige in Lahe. In der ehemaligen Sowjetunion galten die Russlanddeutschen als Deutsche, hier waren sie plötzlich die „Russen“, erzählt Fitz, der selbst einmal abhängig war und ein „Ehemaliger“ von Neues Land ist. Mit diesem Zwiespalt könne nicht jeder leben. Ein Teil der Russlanddeutschen aus Kasachstan, Kirgistan oder Tadschikistan, wo der Drogenhandel via Russland floriere, komme schon süchtig in Deutschland an.

„Anfangs wurden wir von der etablierten Drogenhilfe schon etwas belächelt“, erzählt Michael Lenzen. „Wir waren unbekannt, als wir hier anfingen.“ Das sei erst anders, seit die christlichen Drogenberater an den Arbeitskreisen der städtischen Drogenhilfe teilnehmen - dem Runden Drogentisch und dem Arbeitskreis Drogen und Aids zum Beispiel. „Auf unserem Feld gibt es keine Konkurrenz“, sagt Serdar Saris, Geschäftsführer des in der Region größten Drogen- und Jugendhilfeträgers, Step. „Ich finde es gut, dass es mehrere Akteure gibt, die mit unterschiedlichen Ansätzen das gleiche Ziel verfolgen. Ich gratuliere Neues Land ganz herzlich zum 25. Bauwagengeburtstag!“

Nur die Kaufleute der Lister Meile haben nie ihren Frieden mit dem hölzernen Waggon gemacht, weil er ihrer Ansicht nach nicht ins Bild passt. „Uns wäre es lieber, wenn der Bauwagen gegenüber stünde“, sagt Buchhändler Klaus Eberitzsch, Vorsitzender der Aktion Lister Meile. „Vom Bahnhof aus ist der Blick in die Lister Meile einfach krakelig, das sieht nicht gut aus. Aber nun steht er da.“ Und nicht nur der Bauwagen. Er wurde 1995 durch drei Container ergänzt - für Gruppenangebote, Einzelgespräche und Teamsitzungen. Eine kleine Küche gehört inzwischen auch dazu.

Salvatore erinnert sich noch gut, wie freundlich er 2005 von einer Mitarbeiterin im Bauwagen empfangen wurde: „Schön, dass du da bist.“ Sie habe ihm Mut gemacht, Kaffee gebracht und ihm ein paar Wochen später die Frage gestellt, ob er leben oder sterben wolle. „Sie hat meine damalige Situation genau auf den Punkt gebracht“, sagt er. „Damals habe ich mich für ein normales Leben entschieden. Heute bin ich drogenfrei.“

Das Sommerfest „Summer in the City“ inklusive Bauwagengeburtstag wird am Sonnabend, 24. August, von 14 bis 17 Uhr unter der Raschplatz-Hochstraße gefeiert. Es gibt Livemusik, Gegrilltes und ein Büfett, Informationen und Besuch, unter anderem von Bürgermeister Bernd Strauch.

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