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Aus der Stadt Das Zahnmobil - „Bohren auf Rädern“
Hannover Aus der Stadt Das Zahnmobil - „Bohren auf Rädern“
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00:15 01.03.2015
Von Gunnar Menkens
Auf den Zahn gefühlt: Zahnarzt Dr. Dirk Ostermann und Helferin Angela McLeod in der mobilen Arztpraxis. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Eine Woche Schmerzen, unten rechts im Kiefer. Hölle, Hölle, Hölle. Billige Tabletten betäuben diesen Druck, der nicht aufhört. Mal dumpf, mal dröhnend. Ein Zahnarzt müsste sich die Sache ansehen, aber Nurhan Nurier hat wenig Geld, und weil er wenig Geld hat, besitzt er auch keine deutsche Krankenversicherung. Er kommt aus Bulgarien, lernt Deutsch, besucht Integrationskurse und trägt Zeitungen aus, das hält ihn über Wasser. Aber seine Versicherung aus der Heimat wird hier nicht akzeptiert, oder es ist Ärzten zu mühsam, einer Kasse in Osteuropa hinterher zu telefonieren. Eine private Behandlung könnte er nicht bezahlen. Nur für ein Antibiotikum hat es gereicht.

Von Strafmandaten befreit

Dann liest der 29 Jahre alte Mann, der längst Patient hätte sein müssen, dass in der Nordstadt ein Zahnarzt in einem Auto vorbeikommt und Menschen kostenlos behandelt. Arme, Obdachlose, Kranke. Das Zahnmobil parkt auf dem Bürgersteig, die Stadt hat es von Strafmandaten befreit. Vor dem Tagestreffpunkt am Engelbosteler Damm stehen Besucher, Straßenbahnen fahren vorbei, Autos holpern über Asphalt. Im Zahnmobil beugt sich Dirk Ostermann, Zahnarzt mit Praxis in der Südstadt, ehrenamtlich über den Patienten Nurier, er schaut in den Rachen und stellt fest: Ein Weisheitszahn muss raus. Die Betäubungsspritze versetzt Nerven und Gewebe in einen empfindungslosen Tiefschlaf, und bald ist der Zahn gezogen. Erst mal nichts essen.

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In wenigen Wochen besteht die fahrende Praxis seit drei Jahren. Wie das Zahnmobil in Gedanken Gestalt annahm, beschreibt Gründerin Ingeburg Mannherz auf ihre umstandslos robuste Art so: „Da hat der frühere Diakoniepastor Walter Lampe zu meinem Mann gesagt: Mannherz, kannst du da nicht was machen?“ Lampe hatte dem Ehepaar, das da schon in den Siebzigern und tatsächlich im Wortsinne im Unruhestand lebte, von Menschen erzählt, die auf der Straße leben, und von deren oft verheerenden gesundheitlichen Zuständen. Die Zahnärztin und der Ingenieur waren genau die richtige Adresse für Lampe. Sie hatte Knowhow und hörte sich bei Kollegen um; er kennt Gott und die Welt und ist ein begabter Schrauber. Das senkt die Kosten.

Firmen geben Material billiger, die Freimaurer fahren umsonst zu den Terminen, eigene Reparaturen sparen Werkstattkosten. Bei dem Wagen, der jetzt vor dem Treffpunkt in der Nordstadt steht, funktionierte noch am Morgen der Ablauf im Ausspuckbecken nicht richtig. Zu wenig Wasserdruck, erkannte Mannherz. Er hat das schnell repariert, „nicht perfekt, aber es geht“. Auch deshalb kann Nurhan Nurier damit rechnen, bald schmerzfrei zu leben.

30 ehrenamtliche Ärzte

Überhaupt die technische Seite: Der alte Rettungswagen vom Deutschen Roten Kreuz hat inzwischen den Tachostand von 300 000 Kilometern erreicht, man hatte ihn gebraucht gekauft. Innen das aus Praxen bekannte Programm: Stuhl, Säule, Tisch, Lampen, Speibecken. Möglich gemacht durch knapp 60 000 Euro Anschubfinanzierung der Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte und am Leben gehalten durch etliche Sponsoren. Ein zweiter Kompressor musste inzwischen gekauft werden, auch der Amalgamabscheider hielt nicht, was sich Mannherz beim Kauf versprochen hatte. Ein Modell aus Korea, man wollte sparen. Heute weiß er, dass es ein Fehler war. Demnächst guckt er sich ein neues Gerät an. Nicht auszuschließen, dass er nach erfolgreichem Abschluss an einem Sonnabendmorgen in einer beheizten Garage steht, um ein neues Teil einzubauen. Einer Garage, die Enercity kostenlos zur Verfügung stellt.

Ein bedeutender Teil sozialer Hilfe kann in Großstädten mittlerweile nur deshalb geleistet werden, weil Freiwillige sich engagieren. Deshalb hat sich auch Dirk Ostermann diesen Nachmittag für das Zahnmobil frei gehalten. Er ist einer von 30 ehrenamtlichen Ärzten, die nach einem festen Tourenplan unterwegs sind, jeder macht einen Tag im Monat. Ostermann sieht, wie schlecht es den Patienten geht. Häufig sind es Menschen, denen Zähne im Gebiss fehlen. Oft sind Zähne kaputt, was Schmerzen zur Folge hat. „Viele hier haben Angst, zum Zahnarzt zu gehen. Sie fürchten, dass sie abgewiesen werden, weil sie kein Geld haben und weil man ihnen ihre Armut ansieht. Manche versuchen dann, sich selbst zu helfen. Ich habe gesehen, dass Patienten Löcher im Gebiss mit Bastelmasse ausgestopft haben.“ Die Ärzte erleben, dass sich die Lage nicht bessert. Inzwischen haben 60 Prozent der Patienten des Zahnmobils keine Krankenversicherung, darunter viele Zuwanderer aus Osteuropa.

Die Sorge um den eigenen Körper hat keine Priorität

In der Straßenrandpraxis können die Ärzte alle Zahnerkrankungen behandeln. Schwierig aber wird es, wenn eine Therapie über mehrere Termine angesetzt wird. Nicht immer erscheinen diese Patienten zur nächsten Sitzung, weil viele psychische Probleme haben. Ostermann erzählt, dass sie oft nicht wiederkommen, „wir haben schon Prothesen zwei Monate lang durch die Gegend gefahren“.

Das weiße Zahnmobil ist indes nur die sichtbare Spitze im Verhältnis von Armut und Krankheit. „Die medizinische Versorgung ist hier ein großes Problem“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Erste Priorität von Obdachlosen sei das bloße Überleben. Einen Schlafplatz für die Nacht organisieren, etwas zu essen zu haben. Sorge um den eigenen Körper rückt weit in den Hintergrund, was oft zu verschleppten Erkrankungen führe, die schnell chronisch werden können.

Die Diakonie versucht, die schlimmste Not zu lindern, nicht allein mit dem Zahnmobil.

Im Obdachlosenladen „Mecki“ ist eine Krankenschwester angestellt, bezahlt aus Spenden und Eigenmitteln. Sie hilft Patienten bei der Erstversorgung. Einmal in der Woche kommt ein Arzt, ein Ruheständler, vorbei, um beinahe ehrenamtlich Patienten zu helfen. Seine Praxis: ein Raum von acht Quadratmetern. „Eine wacklige Konstruktion“, sagt Müller-Brandes zu diesem Modell. Er wünscht sich eine bessere Versorgung, und die Gespräche darüber laufen mit Region und kassenärztlicher Vereinigung. Mehr Ärzte, eine psychologische Betreuung für Patienten und eine Ausstattung, die Behandlung auf mehr als acht Quadratmetern erlaubt, wünscht sich der Pastor.

Draußen vor dem Praxiswagen steht Melanie Schimmer. „Wie der Schimmer“, sagt sie zu ihrem Namen. Das Leben war oft anders. 17 Jahre Heroin haben ihre Zähne zerstört, sie saß im Gefängnis, dort hat sie ein Gebiss bekommen. Zu Dirk Ostermann geht sie diesmal nicht. Aber sie lebt mit Menschen, die diese Hilfe nötig haben. Sie erzählt von Sprachproblemen, von Männern und Frauen, die schon lange in Unterkünften und Containern leben und sich niemals einen Arzt leisten könnten. „Aber manchmal hat jemand ein bisschen Geld, und dann gibt er was davon für‘s Zahnmobil.“

Darum fährt das Zahnmobil

Der Betrieb des Zahnmobils kostet rund 75 000 Euro im Jahr. Das Geld wird für das Gehalt einer fest angestellten Helferin, medizinisches Material, Reparaturen und Anschaffungen benötigt. Nach Auskunft des Diakonischen Werkes kommen rund 45 000 Euro durch Behandlungskosten der Krankenkassen herein. 30 000 Euro tragen Spender und Sponsoren bei, darunter die Diakonie selbst, in dessen Verantwortung das Mobil unterwegs ist.

Geldgeber sind außerdem Unternehmen aus der Zahnmedizin, Sparkasse und Region Hannover, Zahnärztekammer, Nord/LB und die Marktkirchengemeinde. Weitere Sponsoren und Patenschaften sind willkommen. Werner Mannherz, einer der Initiatoren des Zahnmobils, bereitet derzeit die Gründung eines Fördervereins vor.

Weitere Informationen gibt es unter www.zahnmobil-hannover.de

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