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Aus der Stadt Bei AC/DC gibt's auf die Glocke
Hannover Aus der Stadt Bei AC/DC gibt's auf die Glocke
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00:15 23.06.2015
Von Uwe Janssen
Älter, aber kein bisschen leiser: AC/DC haben das Messegelände gerockt. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Bumm! Bumm! Willkommen beim Open-Air-Geschichtsunterricht auf dem Messegelände Hannover. Es gibt Breaking News: Die Amis waren gar nicht zuerst auf dem Mond. Als sie ankommen, ist das australische Fähnchen schon eingepflockt, daneben glüht in einem Krater ein Feuerball namens AC/DC, der sich alsbald zur Erde aufmacht, an himmlischen Frauen und höllischen Glocken vorbei und einer Raumstation, in der "Back in Black" gehört wird. Dann schlägt die Glühkugel mit großem Getöse um Viertel vor Neun zielsicher auf dem Expo-Gelände ein, und statt der Feuerwehr kommt Angus Young auf die Bühne gesprintet. So ist das also.

Für viele war es das Konzert des Jahres 2015: Die Altrocker der Hard-Rock-Band AC/DC spielten auf dem Messegelände in Hannover. Bilder vom Konzert. 

Das lustige Introfilmchen bleibt die kunstvollste Inszenierung des Abends, ab jetzt gibt's nur noch auf die Glocke. Angus Young, 60, Star, Motor und Maskottchen dieser unkaputtbaren Hardrock-Legende, trägt nicht ganz unerwartet Schuluniform, grün diesmal und unten kurz wie immer. Die Gibson-GS-E-Gitarre wirkt vor dem Bauch des 1,57-Meter-Mannes wie ein Kontrabass. Es ist laut, gut so. Die Phonzahl ist wie vieles andere seit jeher ein Faktor, auf den man sich bei dieser Truppe verlassen kann.

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Rock mit Reichweite

Zu laut? Es war kurz nach 22 Uhr, als Thimo Holze von seiner Frau gefragt wurde, wer denn in der Nachbarschaft so laut Musik höre. Holze spitzte die Ohren, erkannte den Song „T.N.T“ und zog den richtigen Schluss: Das AC/DC-Konzert war bis nach Hämelerwald zu hören. Wohl gemerkt: Das liegt etwa 25 Kilometer Luftlinie vom Messegelände entfernt. Von der Musik erheblich gestört, fühlte sich allerdings Gerd Tschochner. „In unserem Haus findet sich kein Zimmer, in dem man das Konzert nicht hört“, beklagte sich der Mittelfelder. mhu/kon

Wie auch die überschaubare Experimentierlust. Sänger Brian Johnson stellt die 75000 Menschen mit dem Titelsong des aktuellen Albums vor die Wahl: "Rock or Bust" - rocken oder kaputtgehen. Da nimmt man gern das erste, zwei Stunden wird es fortan ohne jeglichen Hänger die Möglichkeit dazu geben. Im Angebot sind zwanzig Songs, bis auf zwei weitere neue spielt AC/ DC das gleiche wie immer und somit genau das, was alle haben wollen. Wie zum Beispiel "Shoot to Thrill", "Back in Black" oder "Dirty Deeds Done Dirt Cheap". 75000 Menschen. Eine unvorstellbare Masse Menschen, viele waren schon beim letzten Hannover-Gastspiel vor fünf Jahren hier,  viele wollen die Band unbedingt "noch mal sehen". Es könnte immer das letzte Mal sein. Doch die Vergangenheit lehrt: Auch wenn sie schon so alt aussehen - es könnte immer erst das vorletzte Mal sein.

Johnson und Young springen herum

Während Johnson und Young an der Rampe herumspringen, drängeln sich die restlichen drei der Band so eng auf oder um das Schlagzeugpodest, als ob sie in einem engen Kellerclub spielen würden. Rechts der weißmähnige Bassist Cliff Williams, in der Mitte ersetzt Drummer Chris Slade wie schon in den Neunzigerjahren einmal Phil Rudd, der sich derzeit in Neuseeland unter anderem wegen des Vorwurfs der Anstiftung zum Mord vor Gericht verantworten muss. Links an der für den AC/DC-Sound so wichtigen Rhythmusgitarre: der für mit Demenz ausgeschiedenen Angus-Bruder Malcolm eingestiegene Angus-Neffe Stevie. Er nimmt in jeder Hinsicht Malcoms Platz ein - er klebt vor der imposanten Boxenwand und liefert stoisch die druckvollen Akkorde, auf denen Onkel Angus dann seine wilden Soli gniedeln kann. Nur ganz selten geht Stevie einen Schritt nach vorn, wenn er mal bei einer einer Refrainzeile mitbrüllen muss. Er ist zwar ein bisschen jünger als seine Verwandten, sieht aber genau so alt aus. Der Rock 'n' Roll liegt wirklich in der Familie.

"Thunderstruck" mit Angus' nervösem Sechzehntel-Gewitter bringt dann noch einen Intensitätsschub. Zweieinhalb Minuten braucht der Song bis zum ersten Akkordwechsel, aber dann treibt er mächtig voran. Angus führt, auf Leinwänden auch für die hinteren Reihen unterm Holzdach sichtbar, sein Paradetänzchen vor, eine Art Hüpfschiebgleittanz, den viele AC/DC-Fans auch können. Aber nicht gleichzeitig Gitarre spielen. Angus spielt dabei sogar Soli, schüttelt dabei den Kopf, der Mund steht offen, es sieht aus, als würde ihm die Gitarre die Luft zum Atmen geben, als ob er nicht nur sein Instrument eingestöpselt habe, sondern sich selbst. "High Voltage", genau. Oder "T.N.T." oder "Hells Bells", nie ohne Glocke über der Bühne. Alles ist Kult irgendwie. Es hat etwas Comichaftes.

Am Ende führt der Highway in die Hölle

Und, ja, hier zwischen den Messehallen kann man AC/DC auch endlich mal so laut hören, wie man möchte. Zu Hause ging das nie. Früher wegen der Eltern. Heute wegen der Enkel. Am Ende ist exakt dreiviertel des Programms wie beim Konzert vor fünf Jahren im Mai an gleicher Stelle. Trotzdem ist es ein Fest - das am Ende noch einmal sicher auf dem Highway in die Hölle führt. Alles singt, vieles blinkt. Sollte es da unten beim Beelzebub wirklich so zugehen wie hier auf dem Messegelände, wäre das zumindest eine Alternative.

Schließlich: "For Those About To Rock. " Der ewige Endpunkt. Und eine Standortbestimmung. Rocke, dann bist du! Dann stehst du auf der richtigen Seite! Und AC/DC wird dich immer mit ein paar knuffigen Böllerschüssen empfangen. Bumm! Bumm! Das Leben kann so einfach sein. Nur ballern muss es ab und zu.

Kult hat seinen Preis

Karten für alle? Wer sich kurzfristig entscheidet und zu begehrten Konzerten wie AC/DC ohne Ticket anreist, muss bei Schwarzmarkthändlern sein Portemonnaie leeren. Wenn jedoch, wie in Hannover kurzfristig wieder Karten an den Tageskassen zur Verfügung stehen, kann man damit den Schwarzmarkt wenigstens teilweise ausbremsen.

Besucher Volker Stephan, aus dem nördlichen Ruhrgebiet angereist, war am Freitag in Köln und hat beobachtet, dass "die Preise bei den Händlern plötzlich purzelten", weil auch dort Karten zu regulären Preisen noch zu haben waren. In Hannover machten jedenfalls von der Möglichkeit noch einige Schnellentschlossene Gebrauch. Billig ist die Sache aber trotzdem nicht: Mit Gebühren kostet ein Ticket für das AC/DC-Konzert den Einheitspreis von 100 Euro. Kult hat eben seinen Preis.

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