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Aus der Stadt Ein ganz normales Ehepaar
Hannover Aus der Stadt Ein ganz normales Ehepaar
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08:36 18.06.2015
Von Thorsten Fuchs
Foto: 2001 Ikone für die Homo-Ehe, 2015 ein Paar, das nichts mehr beweisen muss: Reinhard Lüschow (li.) und Heinz Harre.
2001 Ikone für die Homo-Ehe, 2015 ein Paar, das nichts mehr beweisen muss: Reinhard Lüschow (li.) und Heinz Harre. Quelle: Hagemann
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Es ist nur eine einzige Zeile, ein dummer Fehler in einem sonst korrekten Brief, man könnte darüber hinwegsehen. Aber im Darüberhinwegsehen war Reinhard Lüschow noch nie besonders gut. Lüschow, der sein lässiges weißes Hemd gerade so weit hochgekrempelt hat, dass die kräftigen Arme gut zur Geltung kommen, Lüschow also findet: Wenn etwas richtig schiefläuft, muss man es den Leuten sagen. Deshalb kennen sie ihn inzwischen ganz gut, die Leute vom Finanzamt Hannover-Süd.

Die Zeile steht in jedem Brief. Steuerbescheid, persönliche Mitteilungen, ganz egal, immer steht oben drüber: „An Herrn und Frau Heinz Harre und Reinhard Lüschow“. Wenn es nur bei den automatisierten Schreiben wäre, sagt Lüschow, dann wäre es ihm ja fast egal. Aber es steht da immer. Auch dann, wenn ihnen jemand vom Finanzamt einen individuellen Brief geschrieben hat. Wenn sich also scheinbar jemand Gedanken gemacht hat. „Und das“, sagt Lüschow, „ärgert mich dann richtig.“

Man kann das ja ganz putzig finden, so einen absurden Behördenlapsus. Aber man kann auch ein Symbol darin sehen. Ein Symbol dafür, wie es für Homosexuelle in Deutschland steht, im Jahr 2015. Da ist so viel, was sie erreicht haben, was sich verändert hat. Gang zum Standesamt, Ehegattensplitting, gesellschaftliche Anerkennung, alles erkämpft. Aber etwas fehlt dann doch. Ein letzter großer Schritt.

Deutschland in Bewegung

Seit ausgerechnet die so durch und durch katholischen Iren Ende Mai mit einer überdeutlichen Mehrheit von 62 Prozent dafür gestimmt haben, dass auch Schwule und Lesben ganz normal heiraten können, ist auch in Deutschland etwas in Bewegung geraten. SPD, Grüne und Linke würden die Ehe endlich gern für alle öffnen. Der Bundesrat hat schon dafür gestimmt. Zwei Drittel der Deutschen sind laut einer Umfrage für die Homo-Ehe. Und selbst die Union ist nicht mehr ganz so geschlossen dagegen, melden sich doch schwule und lesbische Konservative immer lauter zu Wort. „Eigentlich“, sagt Lüschow, „halte ich das Modell Ehe für total überholt.“ Steuervorteile an den Trauschein zu koppeln, statt zu schauen, wo Kinder leben, das findet Lüschow sehr gestrig. „Aber so lange das so ist, beugen wir uns“, sagt Lüschow mit einem Lächeln. „Wir wollen einfach die Gleichstellung.“

Das sind typische Lüschow-Sätze. Entschlossene, deutliche Sätze. Sein Partner Heinz Harre sitzt in ihrer Wohnung im zweiten Stock eines Fünfzigerjahre-Hauses in Hannover-Döhren dann ruhig daneben. Lüschow, 54, ist bei ihnen fürs Kämpferische zuständig. Harre, 62, schmal, feingliedrig, ist der Versöhnlichere. Sie haben ihre Rollen in ihrer Beziehung. Wie das eben ist, wenn man seit 27 Jahren zusammenlebt. „Mein Mann“, sagt Harre über Lüschow. „Mein Mann“, sagt Lüschow über Harre.

Wer könnte dies mit größerer Berechtigung sagen als sie: Lüschow, Beamter bei der Oberfinanzdirektion, und Harre, angestellt bei der Arbeitsagentur, waren 2001 bundesweit die ersten Schwulen, die ihre Lebenspartnerschaft eintragen ließen, wie es offiziell heißt. Kein anderes homosexuelles Paar ist so lange verheiratet, wie sie es nennen.  Der Oberbürgermeister, erinnert sich Harre, wollte dabei sein. „Da fühlten wir uns geehrt.“ Herbert Schmalstieg konnte aber nur sehr früh. So kam es zu dem historischen, wenngleich unromantischen Termin: 1. August 2001, 8 Uhr. Als sie aus dem Standesamt kamen, standen sie vor einer Wand aus Mikrofonen und Kameras. Am Abend sahen sie ihr Bild in der „Tagesschau“. „Da dachten wir: Wir haben es geschafft“, sagt Harre. Aber das war nur der erste Schritt.

Die Angst aufzufallen

Sie hatten ja noch die anderen Zeiten erlebt, in denen ein feierndes schwules Paar in der Hauptnachrichtensendung ungefähr so realistisch schien wie das Bundesverdienstkreuz für einen Bankräuber. Heinz Harre war 16, als er Ende der Sechzigerjahre aus Hameln zur Ausbildung nach Hannover kam. Hannover schien liberal, verhaftet wurde damals niemand mehr, „aber der 175er schwebte dennoch immer über uns, das war uns sehr bewusst“. 175, das war der Paragraf, der homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellte. Männer kennenlernen, das ging nur heimlich, in Kneipen, die Goldener Hahn oder Vulkan hießen, hinter Stahltüren mit Einlasskontrolle, oder, unwürdiger, vor öffentlichen Toiletten. Ob etwas geblieben ist aus dieser Zeit des Versteckens? Harre hatte immer Mühe, seinen Partner in der Öffentlichkeit zu berühren, zu umarmen. Als sie sich nach ihrer Hochzeit mal zufällig in der U-Bahn trafen, wollte Harre Lüschow zur Begrüßung die Hand geben. Der sah ihn entsetzt an. „Ich bin dein Mann!“ Vielleicht ist doch etwas geblieben von damals. Die Angst aufzufallen.

Als Reinhard Lüschow in den Achtzigern in die Stadt kam, war das Verstecken nicht mehr nötig, es war die Zeit des Aufbruchs. Aber er stammt aus einem 300-Einwohner-Dorf, in dem er lieber eine Freundin suchte und heiratete, statt offen zu sagen, was er schon als Teenager fühlte. „Ich habe im Grunde nie offene Diskriminierung erlebt“, sagt Lüschow. Keine Fremden, die ihn beschimpften, keine Nachbarn, die ihn schnitten. Aber den Vorurteilen, der Abwehr, begegnete er dennoch. Nicht in der Öffentlichkeit, sondern zuhause.

Ikone in Sachen Gleichberechtigung

Als Lüschow und seine Frau sich trennen, erzählt er den Eltern von seiner Homosexualität. Der Vater reagiert entsetzt. Du musst dir Mühe geben, sagt der Vater zum Sohn, du musst dem Teufel widerstehen. „Kalter Krieg“, sagt Lüschow, herrscht von da an zwischen ihnen. Zwei Jahre lang betritt der Sohn nicht das Haus seiner Eltern. Der Vater bleibt im Auto sitzen, wenn die Mutter Lüschow und Harre in deren Wohnung besucht. „Noch zwei Tage vor unserer Hochzeit“, sagt Lüschow, „hat sich mein Vater geweigert, dabei zu sein.“

Im Dinge hinnehmen war der Vater nicht besser als der Sohn. Vielleicht macht die Geschichte von Reinhard Lüschow und seinem Vater auch noch einmal sehr deutlich, wie groß diese Veränderung war, die die Einführung der Lebenspartnerschaften bedeutete. Wahrscheinlich hat sie nicht nur nachvollzogen, was gesellschaftlich längst akzeptiert war. Sie hat auch die Wahrnehmung verändert. Jedenfalls sehen Harre und Lüschow das so.

Sein Vater ist dann nämlich doch mit zum Standesamt gekommen. „Hinterher hat er Heinz umarmt und das Du angeboten“, sagt Lüschow. Der Vater hatte seinen Frieden mit den Gefühlen seines Sohnes gemacht. Manchmal, glaubt Lüschow, brauchen Menschen vielleicht ein Gesetz dazu. Als sein Vater einige Jahre später auf dem Sterbebett lag, fragte er die Schwestern ständig nach seinen „Jungs aus Hannover“. „Es schien, als habe er mit dem Sterben auf uns gewartet“, sagt Reinhard Lüschow. Auf beide, ihn und seinen Mann.

Für Kinder ist es zu spät

Reinhard Lüschow und Heinz Harre sind mit ihren Hochzeitsfotos so etwas wie Ikonen der Homo-Ehe geworden. Wenn über das Thema berichtet wird, illustrieren ihre Bilder die Artikel. Unzählige Male haben sie sich auf den Bildschirmen des U-Bahn-Fernsehens gesehen. „Am Anfang hat uns die Aufmerksamkeit überrollt“, sagt Harre. „Dann fanden wir es ganz lustig.“

Das alles klingt unbeschwert. Aber es gibt etwas, das sie vermissen. „Kinder“, sagt Harre, „hätten wir schon gern gehabt.“ Wenn es früher möglich gewesen wäre. Wenn es das gemeinsame Adoptionsrecht schon gegeben hätte, das nun die Ehe bringen soll.

Für Kinder ist es zu spät. Aber bei der Ehe, sollte sie eines Tages geöffnet werden, wären sie dennoch gern dabei. Diesmal nicht als Erste, sondern im Stillen. Demonstrieren, glaubt Reinhard Lüschow, müssen sie niemandem mehr etwas. Die Zeiten haben sich verändert. In das Haus seiner Eltern, in seinem Heimatdorf, zieht demnächst sein Neffe. Mit seinem Mann.

Bernd Haase 18.06.2015
Rüdiger Meise 18.06.2015