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Aus der Stadt Der Feind in meinem Viertel
Hannover Aus der Stadt Der Feind in meinem Viertel
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00:15 16.09.2013
Von Tobias Morchner
Provokation im Schaufenster: Anklänge an Nazi-Symbolik finden sich auf vielen Thor-Steinar-Artikeln – wie auf dieser Sporttasche.
Hannover

 Der schwarze Chrysler 300 fährt schwungvoll in die einzig freie Parklücke auf diesem Abschnitt der Podbielskistraße. Zwei junge Männer mit Glatze steigen aus der Limousine und gehen in das neu eröffnete Thor-Steinar-Geschäft, in dem nur Kleidung der bei Neonazis so beliebten Marke angeboten werden. Das Kennzeichen des Chryslers endet mit zwei Ziffern. 88 steht auf dem Nummernschild. Die Zahl ist in der rechten Szene ein oft genutzter Platzhalter. Der achte Buchstabe des Alphabets ist das H. 88 steht für HH – für „Heil Hitler“.

Es ist nicht der einzige teure Wagen, der an diesem Freitagnachmittag den Laden in der List ansteuert. Ein Audi A6 mit Hamburger Kennzeichen und ein schwarzer BMW aus Celle halten ebenfalls vor dem Geschäft, dessen Fensterscheiben nicht aus Glas, sondern auch festem, durchsichtigem Plastik bestehen. Kein Kunde verlässt den Laden mit leeren Händen. „Wer Thor Steinar trägt, weiß genau was er tut“, sagt Anetta Kahane. Sie ist die Vorsitzende der gemeinnützigen Amadeu Antonio Stiftung, die Initiativen und Projekte gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus unterstützt. Sie beobachtet seit Jahren die Aktivitäten des Modelabels. „Die rechte Szene hat in den vergangenen Jahren eine Lifestyle-Industrie aufgebaut, von der einige Leute ganz gut leben können“, erklärt Kahane. Die Läden dienten dabei auch als Treffpunkt der Szene und um Kontakte auszutauschen.

Die Macher hinter der Marke Thor Steinar sind deswegen so erfolgreich, weil die Symbole und Bilder, mit denen sie ihre T-Shirts und Pullover verzieren, immer an Nazi-Symbolik erinnern, aber nie strafrechtliche Relevanz haben. So greifen sie auf Frakturschrift und Runenzeichen zurück. Bilder von Wikingern und anderen Helden der nordischen Mythologie drucken sie regelmäßig auf Jacken und Hosen. Für die Kleidungsstücke müssen die Thor-Steinar-Fans tief in die Tasche greifen. Eine Kapuzenjacke mit dem Aufdruck „Freedom – Voice of Blood“ kostet 89,90 Euro, eine mit Runen verzierte Fußmatte 49,90 Euro.

Die Anwohner des umstrittenen Ladens und die Geschäftsleute des Viertels sind verunsichert. „Gestern gab es hier schon eine große Demo, die Polizei war auch da. Soll das jetzt jeden Abend so kommen?“, fragt die Betreiberin eines italienischen Lokals. „Alle haben gedacht, hier kommt ein Sportgeschäft rein, und jetzt haben wir einen Treffpunkt für Nazis“, beschwert sich ein türkischer Schuster. „Wenn das so weitergeht, vertreiben die uns alle unsere Gäste, dann können wir dicht machen“, erklärt ein griechischer Wirt.

Auch die Wohnungseigentümer in dem betroffenen Gebäude sind wegen ihrer neuen Nachbarn aufgebracht. Sie wollen sich schon am Wochenende treffen und beratschlagen, was sie gegen den Laden unternehmen können. Möglicherweise können sie sich bei ihrem weiteren Vorgehen auf zwei Urteile des Bundesgerichtshofs stützen. Denn der BGH hat bereits zweimal in Sachen Thor Steinar Recht gesprochen. In dem einem Fall ging es um die Eröffnung eines Ladens in Magdeburg, im anderen Fall um ein Geschäft in Berlin. „Wenn die Mieter den Vermieter arglistig getäuscht haben und nicht klar gesagt haben, dass sie in der Neonaziszene beliebte Bekleidung anbieten, und es dann zu anhalten den Protesten und Vorfällen kommt, kann der Vermieter fristlos kündigen, so steht es in den Urteilen“, sagt Rainer Beckmann vom Verein Haus- und Grundeigentum. Bis es für den Laden in der List eine Lösung gibt, werden wohl noch einige Nobelautos aus ganz Norddeutschland zum Einkaufen an der Podbi halten.

Verboten in Bundestag und Stadion

Die Bekleidungsmarke Thor Steinar gilt in Deutschland als ein Erkennungszeichen der rechtsextremistischen Szene. Daher ist das Tragen von Thor-Steinar-Kleidung unter anderem im Deutschen Bundestag, in einigen Landesparlamenten aber auch in zahlreichen Fußballstadien verboten, so auch in der HDI-Arena in Hannover.

Die Schriftzüge auf den Bekleidungsstücken der Marke nehmen nach Ansicht des Brandeburger Verfassungsschutzes „Bezug auf vorchristlichen Germanen-Kult“ und eine glorifizierende Sicht der Wehrmacht“. Charakteristisch ist nach Auffassung der Verfassungsschützer „ein Spiel mit mehr oder weniger verhohlenen Andeutungen an der Grenze zur Strafbarkeit“. Die Marke wurde im Jahr 2002 in Brandenburg registriert, seit 2008 gehört Thor Steinar der Firma Al Zarooni Tureva aus Dubai.

In der rechtsextremistischen Szene ist unter anderem auch die Marke Lonsdale aus Großbritannien beliebt. Bekannt wurde Lonsdale vor allem, weil berühmte Boxer wie Muhammad Ali und Mike Tyson Kleidung der Marke trugen.

Zum Markenzeichen der rechtsextremistischen Szene wurde Lonsdale durch Skinheads, die das Label auch wegen der aufeinanderfolgenden Buchstaben N, S, D und A mit Bezug auf die NSDAP zu ihrer Marke machen. Im Gegensatz zu Thor Steinar hat sich das Unternehmen Lonsdale vom Rechtsextremismus deutlich distanziert. In einer Werbekampagne wurde bewusst mit Models unterschiedlicher ethnischer Herkunft geworben. Rechtsextremistische Händler wurden nicht mehr beliefert. In Sachsen sank dadurch der Umsatz von Londsdale um 75 Prozent.

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