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Aus der Stadt Der NSU und die Hilfe aus Hannover
Hannover Aus der Stadt Der NSU und die Hilfe aus Hannover
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21:08 08.01.2014
Von Wiebke Ramm
Der Angeklagte Holger G. (r.) im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts in München. dpa Quelle: Andreas Gebert
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Hannover

Dass sie von der Polizei beobachtet werden, ist für Holger G. und Alexander S. nichts Neues. Und doch ist am 25. Mai 2012 alles anders. An diesem Tag trifft sich Holger G. in der Gaststätte „Seehaus“ in Isernhahen mit seinem alten Kumpel Alexander S. aus Bothfeld. Holger G. ist der Mann aus Hannover, der gestanden hat mit jenen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zusammengearbeitet zu haben, die mordend durch ganz Deutschland zogen. Auch Alexander S. ordnen die Behörden der rechtsextremen Szene zu. Das Treffen der beiden Männer in Isernhagen haben Polizeibeamte in Zivil im Blick. Aber nicht etwa, weil sie sich neue Erkenntnisse erhoffen. Die Polizisten haben Holger G. vielmehr zu dem Treffen im „Seehaus“ gefahren. Sie chauffieren ihn auch wieder nach Hause. Die Beamten tun all dies, weil sie Holger G. beschützen sollen.

Holger G., der 1997 von Jena nach Hannover-Bothfeld gezogen ist und zuletzt in Lauenau lebte, genießt den Schutz des Bundeskriminalamtes. Der 39-Jährige gilt durch seine Aussage im NSU-Verfahren gegen Beate Zschäpe, andere Mitangeklagte und mutmaßliche Unterstützer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als gefährdete Person. Holger G. befindet sich im Zeugenschutzprogramm und lebt nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft an einem geheimen Ort.

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Von all diesen Vorgängen und von der besonderen Rolle Hannovers erfährt die Öffentlichkeit im Münchener NSU-Prozess. Angeklagt dort ist Beate Zschäpe, die zusammen mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Terrorgruppe bildete. In München ging es am gestrigen Mittwoch um die Frage, wie genau Holger G. eine AOK-Krankenversichertenkarte für Beate Zschäpe beschafft hat. Es war nämlich die Karte von Silvia S., der Ehefrau von Alexander S., mit der Beate Zschäpe zum Arzt ging, als sie im Untergrund lebte.

Alexander und Silvia S. sagen, sie haben nicht gewusst, was Holger G. mit der Krankenkassenkarte wollte. Kann das sein? Silvia S. hatte dazu ausgesagt: „Ich und mein Mann waren bei Holger zu Besuch. Wir haben etwas getrunken und irgendwann fragte er nach meiner AOK-Karte. Er hat mir 300 Euro angeboten. Ich hab das nicht hinterfragt, für was er die Karte braucht. Ich habe die Karte dann als verloren gemeldet, daraufhin habe ich eine neue bekommen. Ich habe nur das Geld gesehen. Ich bin eine arme Friseurin und Punkt.“

Im Brandschutt des letzten NSU-Verstecks in der Zwickauer Frühlingsstraße haben die Ermittler nicht nur die AOK-Karte von Silvia S. gefunden. Sie entdeckten dort auch einen Brillenpass, einen gefälschten Ausweis für die Bibliothek in Herrenhausen, einen Fahrradpass, die Kundenkarte eines Baumarktes, eine Pay-Back-Karte und ein Zahnarzt-Bonusheft - alles ausgestellt auf den Mädchennamen von Silvia S. und auf verschiedene Wohnadressen in Hannover und Umgebung. Beate Zschäpe hat sich eine hannoversche Identität für ihr Leben im Untergrund zugelegt.

Gestern musste der Mann von Silvia S. Rede und Antwort stehen vor Gericht. Auf sehr eloquente Weise ist der 33-jährige Kaufmann bemüht, mit vielen Worten möglichst nichts zu sagen.

„Wir saßen zu dritt in einer Runde, und Herr G. fragte, ob meine Frau ihre Versicherungskarte verkaufen würde für 300 Euro.“ Alexander S. wiederholt am Anfang seiner Aussage immer bloß diesen einen Satz. Seine Frau habe zugestimmt. An mehr erinnere er sich nicht. Hat Silvia S. die 300 Euro gleich bekommen? In welcher Wohnung trafen sie sich? Beim Ehepaar S. in der Gernsstraße in Bothfeld? Oder bei Holger G. in der Dreihornstraße nebenan? Er wisse es nicht mehr, sagt S. Er erinnere nur noch, dass es ein „feucht-fröhlicher Abend“ in Hannover gewesen sei.

Holger G. und Alexander S. kennen sich seit Jahren, verstanden sich zumindest bis etwa 2005 beide als „Nationalsozialisten“, besuchten rechte Konzerte und Demonstrationen. Vor Gericht will sich Alexander S. nicht einmal an konkrete Veranstaltungen erinnern, die er mit Holger G. in und um Hannover besucht hat. Die archivierte Erinnerung des niedersächsischen Verfassungsschutzes ist da präziser. Demnach zählte S. spätestens seit 1999 zur rechtsextremistischen Kameradschaftsszene Hannovers. Alexander S. und Holger G. wurden am 5. April 2003 als Teilnehmer einer Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung und eines anschließenden Skinheadkonzerts in Neumünster registriert. Sie waren im Januar 2004 auch im Klubhaus der Hells Angels an der Badenstedter Straße auf einem Konzert der niederländischen Hooligan-Band Discipline. Holger G. fiel auf, weil er nach dem Konzert zusammen mit etwa 30 anderen Menschen rechtsextreme Parolen skandierte.

In ihrem Bekanntenkreis gibt es Verbindungen zur in Deutschland verbotenen rassistischen Organisation „Blood & Honour“, auch zu deren bewaffnetem Arm „Combat 18“. Marc-Oliver M., der laut Alexander S. Anführer der inzwischen verbotenen Gruppe „Besseres Hannover“ war, gehört zu den Bekannten von Holger G. und Alexander S. Man kennt sich in der Szene.

Im „Seehaus“ in Isernhagen jedenfalls stoßen Alexander S. und Holger G. an jenem Tag im Mai auf die wiedergewonnene Freiheit von G. an. Der mutmaßliche NSU-Unterstützer durfte die Justizvollzugsanstalt Sehnde wieder verlassen. Seine Untersuchungshaft wurde aufgehoben, weil er plauderte. Aber hat er wirklich alles gesagt?

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