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Aus der Stadt Der „Kompass“ ist oft überfüllt
Hannover Aus der Stadt Der „Kompass“ ist oft überfüllt
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20:59 14.12.2017
„Ich begrüße das neue Angebot“: Hans ist regelmäßig im „Kompass“, obwohl dort an manchen Tagen kaum ein Sitzplatz zu bekommen ist.
„Ich begrüße das neue Angebot“: Hans ist regelmäßig im „Kompass“, obwohl dort an manchen Tagen kaum ein Sitzplatz zu bekommen ist. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

 Draußen ist es ungemütlich, es regnet an diesem Tag. Drinnen ist es auch ungemütlich, aber wenigstens ohne Regen. Also ist es voll im Rückzugsraum Kompass. Wie so oft. 

Laut schallen bulgarische Wortfetzen durch den Raum. Die Besucher sitzen dicht an dicht, einigen ist der Kopf auf den Tisch gesunken, sie schlafen zwischen Bierdosen und Plastiktüten. Hans pustet in seinen Tee. Fragt man ihn, wie es ihm im Kompass gefällt, strafft er seine Haltung und schaut über den Brillenrand. „Ich begrüße es, dass es diese Einrichtung jetzt gibt“, sagt er dann so formvollendet wie ein Politiker in der „Tagesschau“.

Hans schläft meist in einer städtischen Unterkunft. Im Kompass ist er regelmäßig. „Hier ist es warm, die meisten von uns müssten den Tag sonst draußen verbringen“, sagt der Mann mit der Mütze.

Der Trinkraum „Kompass“ am Raschplatz ist oft überfüllt, immer mehr Obdachlose aus Osteuropa halten sich dort auf.

Hochprozentiges ist tabu hier

Vor gut zwei Monaten wurde der Rückzugsraum für Wohnungslose im Spielbankgebäude eröffnet, auch um die Trinkerszene am Raschplatz zu befrieden. Besucher dürfen Bier und Wein mitbringen, Tee und Kaffee gibt es hier umsonst, Hochprozentiges ist tabu. Etwas trostlos steht eine Schneekugel auf einem Kassettenrekorder, ansonsten ist der Raum vor allem schmucklos. Betonfußboden, Neonlicht, robustes Mobiliar. Das ist kein anheimelndes Teestübchen hier, sondern eher eine funktionale Wärmehalle – die sich gleichwohl großen Zuspruchs erfreut.

„Der Kompass ist gut, hier wird uns geholfen“, sagt der aus Bulgarien stammende Svetoslav mit rauer Stimme, während nebenan ein paar Besucher Weißwein aus dem Tetrapack trinken. „Man ist nicht alleine hier“, sagt der 35-jährige Jörg, „und etwas Warmes gibt es auch.“ Ein paar Frauen spielen an einem Tisch Mensch-ärgere-dich-nicht, zwei Männer lesen Zeitung. „Die Sozialarbeiter hier sind sehr nett“, sagt auch Miroslav, ein Kroate, der vor einem Jahr nach Deutschland gekommen ist. Ganz zaghaft nur, er will ja nicht undankbar sein, hat Miroslav da aber auch etwas zu monieren. „Der Raum ist aber einfach zu klein für so viele Leute“, sagt er.

Das sehen die Sozialarbeiter hier ähnlich. „Es gibt Tage, da müssen wir wegen Überfüllung schließen“, sagt Silvia Flessner, die hier fast täglich Dienst tut. Bis zu 40 Stühle lassen sich im Kompass aufstellen. „Ab etwa 50 Besuchern machen wir die Türen zu“, sagt sie. Zwar halten sich an diesem Tag auch am Raschplatz noch viele Trinker auf, doch es ist offenkundig, dass sich auch der Kompass als feste Anlaufstelle in der Szene etabliert hat.

Stress für die Sozialarbeiter

Immer mehr Wohnungslose aus Osteuropa kommen nach Hannover. Die Sozialarbeiterin versucht hier, mit ihnen hier ins Gespräch zu kommen, gibt Hilfestellung bei Behördenangelegenheiten, sucht nach Lösungen in schwierigen Situationen. „Die Stimmung ist meist gut“, sagt Flessner.

Nachbarn hatten über häufige Polizei- und Rettungswageneinsätze geklagt. „Schlägereien sind bei uns keineswegs an der Tagesordnung“, versichert hingegen die Sozialarbeiterin. Nur vereinzelt habe es vor der Tür Auseinandersetzungen gegeben, mit jenen wenigen Besuchern, die Hausverbot im Kompass haben. „Was draußen geschieht, können wir kaum beeinflussen.“

Aufreibend ist die Arbeit hier dennoch. „Der Stress ist groß, weil es so voll ist“, sagt die Sozialarbeiterin. Zudem ist die Akustik schlecht, der Lautstärkepegel ist permanent hoch. Bald soll ein Schallschutz eingebaut werden, doch wird das Grundproblem nicht beheben. „Wir müssen hier in der Enge oft Konflikte regeln, man muss permanent wachsam sein“, sagt sie. Während sie noch spricht, stößt jemand an einem Tisch einen Kaffeebecher um, die Bulgaren lachen laut, einige springen auf. Die Situation wird kurz hektisch, bleibt aber friedlich.

„Wir stoßen hier an unsere Kapazitätsgrenzen“, sagt Norbert Herschel vom Diakonischen Werk. „Wir wünschen uns größere Räume – oder einen zweiten Stützpunkt.“

Ratspolitiker, die sich den Betrieb im Trinkraum angesehen haben, kommen inzwischen zu demselben Schluss. Längst wird innerhalb der SPD diskutiert, ob nicht größere Räumlichkeiten gefunden werden müssen. „Möglicherweise müssen wir nachsteuern“, meint ein Genosse. Im Gespräch ist die ehemalige Polizeiwache am Raschplatz. Die Räume stehen noch immer leer. Die CDU will hingegen abwarten, erkennt aber auch die Probleme. „Möglicherweise brauchen wir Einlasskontrollen für den Trinkraum“, sagt CDU-Fraktionschef Jens Seidel. Letztlich komme es darauf an, dass der Betrieb im Kompass überschaubar bleibe. „Schließlich geht es darum, ein Beratungsangebot aufrecht zu erhalten“, sagt Seidel. 

Dass irgendwann wieder weniger Besucher in den Kompass kommen könnten, glaubt dort niemand. „Der Ort wird angenommen, die Menschen bekommen hier Hilfe“, sagt Norbert Herschel am Tresen des Kompass. Zwei Afrikaner kommen herein, jetzt sind auch die letzten Sitzplätze belegt. Herschel nickt. „Und der Winter kommt erst noch.“

Von Simon Benne und Andreas Schinkel