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Aus der Stadt Der einzige Zeuge: Mord in Sehnde aufgeklärt
Hannover Aus der Stadt Der einzige Zeuge: Mord in Sehnde aufgeklärt
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21:05 03.04.2009
Von Sonja Fröhlich
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Spurensicherung am Eingang (Archivbild) Quelle: afp
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Ob es Zufall war oder Schicksal, darüber kann man sicher streiten. Zumindest aber war es eine Abfolge ungewöhnlicher Umstände, die die Polizei auf die Spur des Mannes führte, der die 64-jährige Anneliese M. im Februar 2007 getötet hat. Die denkwürdigste Episode, die Kriminalhauptkommissar Peter Messing am Freitag vor laufenden Kameras erzählte, spielt am 2. April 2008 – also vor fast genau einem Jahr. Das ist der Tag, an dem der Täter, der wohnungslose Dennis B., am Bremer Hauptbahnhof auf einen anderen Obdachlosen trifft, der der Polizei zehn Monate später den entscheidenden Hinweis geben wird.

An diesem Tag beschließen beide, gemeinsam mit dem Zug nach Hamburg zu fahren. Auf der Reise erzählen sie sich von ihren Straftaten, die sie bereits begangen haben. Dabei erwähnt B. auch den Vorfall in Sehnde. Er erzählt, dass er auf dem Weg zu einer Drogentherapie in Hamburg einen Zwischenstopp in Hannover eingelegt habe, um dort an Heroin zu kommen. Dafür habe er jedoch kein Geld gehabt. Auf der Suche nach einer Einbruchmöglichkeit sei er losgelaufen und zufällig nach Sehnde gekommen, wo er das Haus hinter einer Bäckerei entdeckt habe. Er habe geklingelt und erst einen älteren Mann und dann eine Frau niedergeschlagen – jedoch nur einen geringen Geldbetrag gefunden. Irgendwann während der Fahrt werden die beiden notorischen Schwarzfahrer dann vom Zugpersonal erwischt und müssen ihre Personalien angeben. Später gehen die Obdachlosen getrennte Wege, sie kannten sich nur eineinhalb Tage.

Es ist Sommer 2008, als das ZDF bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ über den Fall berichten will. Aber die hannoverschen Ermittler lehnen vorerst mangels verwertbarer Hinweise ab. Denn bis auf eine marginale DNA an der Kleidung der Getöteten hatte der Täter keine Spuren oder Zeugen hinterlassen. „Wir standen mit völlig leeren Händen da“, sagt Messing. Am 10. Dezember wird der Beitrag aber doch noch ausgestrahlt. An diesem Abend sitzt der mitreisende Obdachlose, der gerade eine Haftstrafe verbüßt, in einem Kieler Gefängnis und sieht in seiner Zelle den XY-Fall im Fernsehen. Dabei erinnert er sich an die Schilderungen von Dennis B. im Zug. Es ist Ende Januar 2009, als er schließlich den Justizvollzugsbeamten von seinem Verdacht erzählt – und den Fall ins Rollen bringt. Dabei soll es ihm nicht um die 3000 Euro Belohnung gegangen sein, die für Hinweise ausgelobt waren. Er habe Mitleid für die Angehörigen verspürt und werde ihnen das Geld spenden, erklärt er. Die Kieler Polizei schaltet ihre hannoverschen Kollegen ein. Der Mann wird mehrfach vernommen, und seine Geschichte stimmt mit dem Sachverhalt überein. Bei der Suche nach dem obdachlosen Dennis B., dessen Daten bei der Schwarzfahrt registriert worden waren, hilft wiederum der Zufall: Wegen Ladendiebstahls und etlicher Schwarzfahrten verbüßt er eine Gefängnisstrafe in Bremen. Aufgrund der belastenden Aussagen gesteht Dennis B. die Tat. „Nach allem, was wir wissen, sind wir uns sicher, den Richtigen zu haben“, resümiert Messing.

Am 23. März 2009 hat das Hildesheimer Amtsgericht Haftbefehl wegen Mordes und schweren Raubes mit Todesfolge gegen den 33-Jährigen erlassen. Am 2. April, genau ein Jahr nach der entscheidenden Bahnfahrt, wurde Dennis B. nach Niedersachsen überstellt. Oberstaatsanwalt Bernd Seemann betonte gestern noch einmal die Tragweite des Mordfalls: „Das Haus war beliebig ausgewählt worden. So etwas hätte jedem passieren können. Das ist es, was uns so betroffen gemacht hat.“

Den Ehemann der Getöten hat die Nachricht von der Verhaftung nicht mehr erreicht – er ist mittlerweile an einem Herzleiden gestorben.