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Aus der Stadt Der flinke Jongleur
Hannover Aus der Stadt Der flinke Jongleur
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13:08 28.06.2010
Hannes Neumann, Jongleur aus Leidenschaft Quelle: Handout
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Hinter roten Backsteinklinkern und hölzernen Sprossenfenstern entfaltet sich in einem Licht durchfluteten Raum in Badenstedt eine Art Spielwiese für Erwachsene: Rote, blaue und grüne Matten liegen dort auf dem Holzfußboden. In großen Kisten türmen sich Bälle, Keulen und Ringe. Hannes Neumann alias „Hannes Kannes“ steht vor der Spiegelfront und lässt sieben neongrüne Flummis durch die Luft sausen. Was nach spielerischer Leichtigkeit aussieht, ist das Ergebnis disziplinierter Arbeit. Rund fünf Jahre hat der 35-Jährige täglich eisern trainiert, um die Zahl der Bälle von sechs auf sieben zu erhöhen.

Der dreifache Familienvater arbeitet seit mehr als zehn Jahren hauptberuflich als Jongleur. Neumann war 17 Jahre alt, als er während einer Projektwoche in der Schule das erste Mal Jonglierbälle in den Händen hielt. „Als ich den Kursleitern beim Jonglieren zusah, hatte ich Tränen in den Augen“, erzählt er. „So sehr hat es mich berührt.“ Der Schüler ließ die Bälle fortan nicht mehr ruhen. Mitunter trainierte er zehn Stunden täglich. „Ich habe mir damit so manche Nacht um die Ohren geschlagen.“

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Sein Ehrgeiz führte den drahtigen, jungen Mann schnell über die Grenzen Deutschlands hinweg. Als 20-Jähriger, kurz nach dem Abitur am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, ging er mit den Flummis im Gepäck nach Las Vegas. Und holte sich in der glitzernden Metropole im Wüstenstaat Nevada den Titel des weltbesten Flummi-Jongleurs.

Die Varietékunst erlebte in den neunziger Jahren, also zu der Zeit, als Neumann mit der Jonglage begann, eine Renaissance. Es war eine gute Zeit für Akrobaten und Artisten, Musiker und Komiker und eben auch für Jongleure. Überall in der Bundesrepublik schossen Varietébühnen aus der Erde. Auch die Unternehmerfamilie Grote erkannte den Trend und eröffnete 1992 das GOP-Theater im hannoverschen Georgspalast. Neumann sollte dort einige Jahre später regelmäßig auftreten.

Doch zunächst ging es im Leben des passionierten Jongleurs unspektakulärer zu. Denn trotz seiner Erfolge in jungen Jahren und der guten Voraussetzungen für junge Varietékünstler machte Neumann seine Leidenschaft Mitte der neunziger Jahre nicht sofort zum Beruf. Seine Eltern hatten ihm zu einer soliden Ausbildung als Industriekaufmann geraten. Und die absolvierte er dann auch. Doch die Leidenschaft für die Jonglage ließ ihn nicht los. Nebenbei jonglierte Neumann unermüdlich weiter. Meist vier Stunden täglich. Seine damaligen Arbeitgeber schienen zu spüren, dass er für den Beruf des Industriekaufmanns langfristig nicht gemacht war. In seiner Personalakte notierten sie: „Hannes Neumann gibt an, nicht lange als Arbeitnehmer tätig sein zu wollen.“

So geschah es dann auch. Nach der Ausbildung konzentrierte sich Neumann vollends auf die Jonglage. Und die Anstrengungen wurden belohnt: Als 27-Jähriger trat er gemeinsam mit rund 20 weiteren jungen Künstlern aus aller Welt im Pariser „Cirque de Demain“ auf. Zehn Jahre lang hatte er davon geträumt, bei dem noch heute international renommierten Zirkusfestival dabei zu sein. „Wenn du von 2500 applaudierenden Zuschauern umgeben bist, haut dich das um“, sagt er. „Es war mein emotional größtes Erlebnis.“ Es sollte sein Durchbruch sein. Es folgten Engagements an Varietébühnen im In- und Ausland. „Ich war unglaublich viel unterwegs“, erinnert sich Neumann.

Heute geht der Jongleur mit den fröhlichen blauen Augen die Sache ruhiger an. Der Südstädter trainiert nur noch zweimal wöchentlich. Seine Nummern sieht er nach zehn Jahren des Tüftelns als vollendet an. Auch die Zahl der Flummis, mit denen er jongliert, will er nicht mehr erhöhen. „Ich müsste mehrere Jahre harte Arbeit investieren, um auf acht Bälle zu kommen“, sagt er. „Das lohnt sich für mich nicht. Die Zuschauer nehmen den Unterschied kaum wahr.“

Wenn Neumann sich nun zum Training in seinen Probenraum zurückzieht, die Flummis aus dem Koffer holt und beginnt, sie rhythmisch in die Luft zu stoßen, verspürt er zwar nicht mehr den Ehrgeiz, den er als 20-Jähriger hatte. Doch die Faszination und die Leidenschaft sind geblieben. „Wenn ich die Bälle kreisen lasse, ist das für mich wie Meditation“, sagt der Jongleur.

Stefanie Nickel

28.06.2010
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