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Aus der Stadt Der lange Weg zum Kita-Platz
Hannover Aus der Stadt Der lange Weg zum Kita-Platz
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00:15 08.08.2013
Von Bärbel Hilbig
Yoga für Kinder, Forschungsprojekte, Sprachförderung: Erzieherinnen wie Martina Wendeln (hier mit den Bothfelder Kindern Eline, Leo, Lukas) nutzen Fortbildungsangebote. Quelle: Herzog
Hannover

Die kleinen Matratzen und die Bettdecken für den Mittagsschlaf liegen in Folie eingeschweißt auf einem Stapel neben Umzugskisten mit Spielsachen. In dem neu angebauten Raum für die Krippe müssen Handwerker noch Leisten, Markisen und Türen anbringen, und im Garten wühlen Bagger. Die 15 Kinder, für die all das geschieht, können etwas verzögert erst am 1. September in ihr Krippen-Leben starten. Doch Kita-Leiterin Dorothea Scholz strahlt. „Wir freuen uns. Baulärm und Schmutz sind zwar anstrengend, aber alle Mitarbeiter stehen hinter der Erweiterung unserer Kita um eine zweite Krippengruppe.“ Es klingt nach Aufbruchstimmung.

Überall in der Stadt sind in den vergangenen Jahren neue Krippen entstanden. In Wohnungen oder ehemaligen Geschäften, als Anbau oder Neugründung. Alles war ausgerichtet auf den 1. August 2013, den Stichtag, mit dem Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihres Kleinkinds erhalte haben. In Bothfeld, wo die AWO-Kindertagesstätte Burgwedeler Straße liegt, haben Eltern die Erweiterung der Kita dringend herbei gesehnt. Neben Hort und Kindergarten gab es in der AWO-Kita bisher nur eine Krippengruppe. Oft reichten die 15 Plätze nicht einmal für die kleinen Geschwister der älteren Kinder. Auf der Warteliste für die beliebte Einrichtung stehen meist 150 Kinder.

Kinder, Kinder

Diese Woche dreht sich in der HAZ alles um ein Zukunftsthema: die Kinder – und ihre Eltern. Wie gut sind die neuen Kita-Angebote, wer nimmt das Betreuungsgeld in Anspruch? Und: Gelingt der Start ins neue Schuljahr? Antworten gibt die HAZ-Themenwoche „Kinder, Kinder“ – in der gedruckten HAZ, auf HAZ.de, den Tablet-Apps HAZ sonntag und HAZ 24.

Ihren ersten Sohn Enno musste Kerstin Blum deshalb noch zu einer Tagesmutter in die Südstadt bringen, der einfache Weg konnte bis zu 35 Minuten dauern. Auch bei dem jüngeren Sohn, Hugo, bangte sie lange, ob es mit dem Krippenplatz klappt. Sie hatte ihn direkt nach der Geburt angemeldet und hörte damals, das sei eigentlich schon zu spät. „Dabei dachte ich, als Alleinerziehende hätte ich einen Superbonus.“ Hugo bekam den Platz vor einem Jahr dann doch, sein älterer, dreijähriger Bruder Enno geht jetzt in den AWO-Kindergarten.

Kerstin Blum hat an ihren beiden Kindern beobachtet, dass die frühe Betreuung ihnen gut getan hat. Das Miteinander mit anderen Kindern, die Erziehung durch weitere Erwachsene neben den Eltern mache die Jungen selbstständiger, eröffne ihnen neue Erfahrungen. Blum, selbst Lehrerin, weiß aber auch das Glück zu schätzen, beide Kinder in einer Kita mit gutem pädagogischen Konzept untergebracht zu haben. Solange das Angebot dünn sei,  könnten Eltern die Frage nach der Qualität einer Krippe nicht stellen, sagt sie. „Wer beruflich auf einen Betreuungsplatz angewiesen ist, muss im Zweifelsfall nehmen, was da ist.“

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bescheinigte Niedersachsen vor Kurzem, beim Betreuungsschlüssel in Kitas schlechter als die meisten westdeutschen Bundesländer dazustehen. Die Träger von Kindertagesstätten in Niedersachsen starteten im „Bündnis für Kinder und Familien“ vor einem Jahr einen zweiten Anlauf, per Volksinitiative mehr Erzieher in die Kitas zu bekommen. Die Initiative fordert, dass es jeweils eine Betreuerin für vier Kinder geben müsse, wenn die Kinder zwischen anderthalb und drei Jahre alt sind. Statt wie jetzt zwei Fachkräfte für 15 Krippenkinder würden sich dann drei Erzieherinnen um zwölf Kinder in einer Gruppe kümmern.

Den Erzieherinnen in der AWO-Kita Burgwedeler Straße erscheint ein besserer Personalschlüssel fast unabdingbar. Alle bilden sich regelmäßig fort, Yoga für Kinder, vorurteilsfreie Erziehung, Forschen, Sprachförderung. „Wir sehen so viel Potenzial bei den Kindern und könnten sie mit mehr Zeit viel besser unterstützen“, sagt Kita-Leiterin Scholz. Jetzt kommt eine neue Aufgabe hinzu: Die ersten Einjährigen kommen in die Krippe. Bisher waren die Jüngsten eineinhalb – ein gewaltiger Entwicklungsunterschied. Der neue Rechtsanspruch aber gilt ab dem ersten Geburtstag des Kindes, um diese Zeit herum laufen meist Elternzeit und Elterngeld aus. Zwei Mitarbeiterinnen, die Erfahrung mit dieser Altersstufe haben, sind extra in die Kita gewechselt, eine andere bildet sich fort.

Denn die ganz Kleinen haben andere Bedürfnisse als die agilen Zweieinhalbjährigen. „Viele haben noch nie einen Löffel gehalten, einige können nicht laufen oder auch noch nicht richtig sitzen“, sagt Doris Hampe, stellvertretende Kita-Leiterin. Doch mit einem Kleinkind auf dem Arm, das getragen, gefüttert und gewickelt sein will, wird die Zeit der Erzieherinnen für die anderen knapper. Und wenn eine der Betreuungskräfte Urlaub macht, die andere womöglich krank wird, müssen Kollegen einspringen. Den Kindern fehlen dann plötzlich die festen Bezugspersonen. „Für die Kleinen ist das eine besonders schwierige Situation“, sagt Scholz. Bei einer Dreierbesetzung käme das viel seltener vor.

Die Stadt führt nach und nach eine dritte Betreuungskraft in Krippen ein und trägt freiwillig die Mehrkosten, auch wenn das Thema eigentlich Landessache wäre. Jetzt starten zunächst 27 kleinere Einrichtungen mit zusätzlichem Personal. Bis zum Jahr 2019 sollen jeweils zum Beginn des Kindergartenjahres am 1. August weitere 28 bis 30 Krippen eine Drittkraft erhalten. Die Träger wissen das zu schätzen, halten aber dennoch an ihrer Kampagne fest, weil sie eine landesweite Lösung erreichen wollen.

Die Eltern der privaten Kita-Initiative „Junges Gemüse“ in Linden müssen sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. Sie werden in ihrer Krippe drei Mitarbeiterinnen auf zwei Stellen für zehn Kinder beschäftigen. Die Stadt billigt sehr kleinen Krippen diesen Bonus zu. Dafür haben die jungen Eltern andere Probleme.Sie hoffen noch, ihre Krippe zum 1. September öffnen zu können. Doch die Räume der ehemaligen Sozialstation im Seniorenheim Godehardistift sind gerade erst entkernt. Ursprünglich wollte die Initiative, die sich vor anderthalb Jahren gründete, ihre Krippe sogar im Januar 2013 starten. „Im Grunde ist es für unsere ersten Kinder jetzt fast schon zu spät“, sagt Monika Witzenberger. Ihren Sohn Marijan brachte sie zwischenzeitlich bei einer Tagesmutter unter, damit sie selbst arbeiten konnte.

Die Mütter haben auf ihrem Weg zur eigenen Kita etliche Schwierigkeiten überwinden müssen. Es gab unwillige Vermieter und genaueste Überprüfungen durch die Vertreter von Land, Stadt und Region, Lebensmittelkontrolle und Feuerwehr. Und immer, wenn eine Hürde genommen scheint, kommt die nächste Anforderung. Die Frauen nehmen es inzwischen mit Humor. „Was wir mittlerweile für Leute kennen – Wahnsinn“, sagt Debbie Schneider. Trotz Beratung durch die Kinderladen-Initiative hatten die Gründerinnen sich vorab keine Vorstellung davon gemacht, wie lang und verschlungen solche Dienstwege sein können. „Und wir sind alles in einer Person: Bauherr, Kreditnehmer, Arbeitgeber, Organisator, Einrichtungsleiter.“

Die Gründerinnen haben das Gefühl, dass sich all der Aufwand lohnt. Sie trieb weniger die Sorge, keinen Krippenplatz zu finden, als der Wunsch, die Kinder gut aufgehoben zu wissen. „Wenn ich mein Kind so früh weggebe, will ich genau wissen, was läuft“, sagt Schneider. Nun wird es Bioessen geben, eine ökologisch unbedenkliche Umgebung – von den Baustoffen über Spielzeug bis zum Putzschwamm. Und Beete, an denen die Kinder erleben, wie Pflanzen wachsen. Es ist ein aufwendiger Weg, für Qualität zu sorgen. Nicht jede Familie kann ihn gehen.

Kitas auch im Container

Die Stadt Hannover hat ein gewaltiges Programm zum Krippenausbau gestemmt, in dem von 2009 bis Ende dieses Jahres gut 1800 neue Plätze entstehen. Bund, Land, Stadt und Dritte investieren rund 42 Millionen Euro. Der laufende Betrieb mit gut 5200 Betreuungsplätzen wird die Stadt ab 2014 jährlich rund 25,2 Millionen Euro kosten. 1990 der 5200 Betreuungsplätze gibt es bei Tagesmüttern. Eltern zahlen dort jetzt nicht mehr als in der Krippe.

940 der neuen Krippenplätze entstanden bei Elterninitiativen, privaten Trägern und Betriebskitas, knapp 560 bei freien Trägern der Wohlfahrtspflege, 314 in städtischen Einrichtungen. Mehr als 100 Kitas waren von Veränderungen betroffen: Es gab 19 Neubauten, 61 Umbauten, 11 Anbauten und 15 Kitas, in denen umstrukturiert wurde. Ein Ende ist noch nicht in Sicht: In acht Kitas sind oder werden Kindergruppen in Containern untergebracht – zum Teil bis August 2014, zum Teil sind die Arbeiten an Ersatzbauten noch nicht terminiert.

Rund 280 neue Arbeitsplätze für Erzieher wurden geschaffen, zudem drei Stellen bei der Stadt für Kita-Planung und -betrieb. Auf dem Arbeitsmarkt sieht es inzwischen eng aus. „Der Erzieherberuf muss attraktiver werden, sonst springen die Leute wieder ab“, sagt Jugenddezernent Thomas Walter. Er fordert die Fachschulen auf, Ausbildungskapazitäten zu erweitern.

 bil

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