Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Der letzte Tag im Kreiswehrersatzamt
Hannover Aus der Stadt Der letzte Tag im Kreiswehrersatzamt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 03.12.2012
Von Gunnar Menkens
Sibylle Teichert musterte Tausende junger Männer. Nun geht es weiter - mit Freiwilligen. Quelle: Alexander Körner
Anzeige
Hannover

Eine Generation junger Männer hat vor ihren Augen alle Kleidung abgelegt. Über das Berufsleben von Sibylle Teichert kann man sagen: Was es gibt an Körpern, hat sie fürs Vaterland gemustert. Hängende Schultern, stramme Muskeln, Hühnerbrüste, Plattfüße und solche mit fein geschwungenem Spann, straffe Rücken, Sixpacks und, schon im Wehrdienstalter, Bäuche. Seit 1985 beurteilt die Medizinerin Kandidaten für die Truppe, und wenn sie all die Jahrgänge vergleicht, fällt das Zeugnis, man muss es bedauern, zu Lasten aktueller Jungs aus. Die Musterungsärztin sagt es so: „Die Tendenz zum Übergewicht wird ausgeprägter. Füße sind öfter deformiert, Haltungschäden nehmen zu.“

Die Bundeswehr begeht an diesem Freitag offiziell den letzten Tag ihrer Kreiswehrersatzämter. In ganz Deutschland werden 52 Häuser aufgelöst, die im Leben junger Männer seit 1957 eine wichtige Rolle spielten. Denn das war ja klar: Zur Bundeswehr musste man sich irgendwie verhalten. Sie hatte das Recht, Monate eines Lebens zu fordern. Man konnte sie als Karrieresprungbrett betrachteten (Pilot!), als unvermeidliches Übel oder als dringende Notwendigkeit, Verweigerungsgründe zu sammeln. In Hochzeiten wurden in Hannover täglich 90 Männer begutachtet. Um das Kreiswehrersatzamt kam kaum ein Mann herum.

Anzeige

Die Diagnosen von Sibylle Teichert zeichnen ein Zeitenbild. Menschen mit zu wenig Bewegung neigen zum Übergewicht, Muskeln werden nicht trainiert, auch die an Füßen nicht. Einer der Gründe: „Wer mit dem Schulsport aufhört, beendet oft auch seine sportlichen Aktivitäten.“ Sie empfiehlt, in der Straßenbahn auf junge Leute zu achten, in den Sitzschalen der Üstra könne man schlechtes Sitzen beobachten. Leute, die nicht mehr lernen, sich richtig hinzusetzen, müssen mit Haltungsschäden rechnen. Ein wenig scheint sie zu bedauern, dass es so gekommen ist. Was Sibylle Teichert noch feststellen musste: In Urinproben fanden sich im Laufe der Jahre immer öfter Spuren illegaler Drogen. Vor einem Vierteljahrhundert war das kaum ein Thema.

Die Zahlen der vergangenen Jahre scheinen diese Beobachtungen zu bestätigen. Ganze Heere wurden nach der Musterung mit dem wenig schmeichelhaften Etikett der Untauglichkeit benotet. Im Jahr 2000 waren es zehn Prozent, 2006 schon beinahe 30 Prozent, ehe 2008 etwa 42 Prozent aller heranwachsenden deutschen Männer für den Dienst an der Waffe ungeeignet waren. Wird Deutschland, wird Hannover untauglich? Wohl nicht. Teichert erläutert, wie sich die Zahlen erklären: Die Bundeswehr verschärfte die Normen. Dass die Truppe weniger Soldaten brauchte, dürfte die strenge Auswahl erleichtert haben.

Zivildienst galt Hardlinern als Flucht vor der rauen Wirklichkeit

Die Geschichte der Kreiswehrersatzämter ist auch eine Geschichte der Wehrdienstverweigerer. Die Besten unter ihnen hatten hehre Motive. Sie waren Pazifisten, keine Gewalt, sie schworen es, niemals, nicht für Kriege, die nur für wirtschaftliche Interessen des kapitalistischen Systems geführt würden. Und ja, Friede auch dann, wenn sie mitansehen müssten, wie ihre Freundin vergewaltigt wird und zufällig eine Handfeuerwaffe im Mantel läge. Solche Fangfragen musste vor Kommissionen beantworten, wer sich aus Gewissensgründen der Bundeswehr entziehen wollte. Lügen waren da ein probates Mittel.

Ein häufiger Grund aber, warum ungezählte junge Männer keine Lust auf Wehrdienst hatten: Sie hörten Geschichten von besoffenen Rekruten, die Neulinge in Spinde sperrten, um die Kästen dann aus dem Fenster zu werfen. Von Sauforgien minderbemittelter Typen, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Und einige, Abiturienten meist, mochten sich von emporgekommenen Hauptschülern, Unteroffizieren oder so, man wusste nicht genau, wie das hieß, keine Befehle ins Gesicht brüllen lassen. Diese Typen kannte man mitunter noch von den dunklen Ecken des Schulhofs: Verweigerer die auf sich hielten, führten nicht selten eine Portion Dünkel im Gepäck. Sie standen denjenigen gegenüber, die Wehrdienst als persönlichen Beitrag für einen Staat verstanden, für dessen Werte sie einstanden. Der Ausweg Zivildienst galt Hardlinern als Flucht vor der rauen Wirklichkeit in die Welt der Weicheier und Altenheime.

Um etliche dieser jungen Männer führte das Amt allerdings Prozesse. Schließlich konnte es sich die Bundeswehr nicht leisten, auf womöglich schlechte Argumente oder Gefälligkeitsatteste hereinzufallen, mit deren Hilfe mancher um den Wehrdienst herumzukommen versuchte. Zu einer Zeit kamen Hausstaub-Allergien in Mode. Vor Sibylle Teichert standen Männer, die behaupteten, auf besondere Stoffe anfällig zu reagieren, die sich angeblich gehäuft in Unterkünften der Bundeswehr fänden. In einem Prozess vorm Verwaltungsgericht Hannover konnte dann das Kreiswehrersatzamt noch etwas über die Aufenthaltsräume und Schlafstätten ihrer Rekruten lernen: Hausstaub fand sich dort nicht häufiger als in der Wohnung eines Klägers. Der Mann wurde eingezogen.

Einmal jedoch, es war 1996, erhoffte sich auch eine junge Frau einen Arbeitsplatz bei der Bundeswehr. Es war ein Wunsch, der die Truppe für immer verändert hat, ein lokales Einzelschicksal krempelte eine ganze Armee um. Tanja Kreil bewarb sich beim Kreiswehrersatzamt Hannover um eine Stelle als Waffenelektronikerin. Nicht einfach so, sie hatte bereits eine Ausbildung bei Siemens hinter sich. Das Amt lehnte ab, da das Grundgesetz Frauen den Dienst an der Waffe untersage. Sie konnten im Militärorchester spielen und im Sanitätsdienst Verbände anlegen, aber wenn es knallte, durften sie nicht mitmachen. Die junge Frau klagte, und sie bekam recht: Der Europäische Gerichtshof sah einen Verstoß gegen die berufliche Gleichstellung von Mann und Frau. Die Entscheidung stammt aus dem Januar 2000, seitdem dürfen Frauen Dienst an Waffen tun. Aber wer kann vier Jahre auf ein Urteil warten? Tanja Kreil hatte zwischenzeitlich bei einem zivilen Arbeitgeber unterschrieben. Der hannoversche Fall veranlasste Edmund Stoiber, damals Ministerpräsident von Bayern, zu der Prognose, dass bald noch ein Gericht eine Frau zur Bundeskanzlerin mache.

Wer beim Militär einen Job sucht, geht künftig zum „Karrierecenter“

Die neuen Zeiten sind noch nicht zu Ende. Die Bundeswehr ist ein Arbeitgeber wie jeder andere. Und wo sich Verhältnisse ändern, ändert sich die Sprache. Auf Plakaten wirbt sie mit dem Slogan „Pflicht wird zur Chance“ - es ist die Umschreibung dafür, dass die Bundeswehr keinen Zugriff auf junge Männer mehr hat, die Wehrpflicht ist abgeschafft. Wer beim Militär einen Job sucht, geht vom 1. Dezember 2012 zum „Karrierecenter“. Und freiwillig Wehrdienst leistende Männer erhalten Sold, den eine Broschüre „Ihre finanziellen Vorteile“ nennt.

Die Bundeswehr muss sich kümmern, und sie bemüht sich sehr. Sie ist neu organisiert und in Hannover weit vorn. Erstmals kümmert sich eine einzige Stelle, es ist das Karrierecenter, um alle Bewerber: freiwillig Wehrdienstleistende, Zeitsoldaten und Bewerber für zivile Berufe. Oberst Hauke Hauschildt weiß um die neue Lage. Niemand muss zum Bund, der Bund muss überlegen, wie er Männer und Frauen überzeugen kann. „Diese Frage müssen wir uns stellen“, sagt Hauschildt, der künftig nicht mehr das „Zentrum für Nachwuchsgewinnung Nord“ in Bothfeld leitet, sondern das Karrierecenter im selben Haus. Ohne Bewerberinnen geht es dabei nicht, bislang sind es am Standort Hannover erst 15 Prozent. „Wir brauchen Frauen. Ohne die Öffnung sämtlicher Laufbahnen für Frauen könnten wir unseren Personalbedarf bei der Bundeswehr nicht mehr decken.“ Tanja Keil hat den Weg geöffnet, weit vor ihrer Zeit.

Sibylle Teichert, Ärztin und Dezernentin, untersucht weiterhin Bewerber. Ihre Ausrüstung ist moderner, es gibt Ultraschall und Ergometer. Eher klassisch männlich bestückt ist der Warteraum. Die zivile Zeitschrift dort ist: AutoBild.

Karsten Röhrbein 02.12.2012
Anzeige