Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Der letzte Tag im Traditionslokal Wichmann
Hannover Aus der Stadt Der letzte Tag im Traditionslokal Wichmann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:58 16.05.2015
Abschied: Gerd Weick mit Tochter Ariane vor der Fassade des alten Bauernhauses an der Hildesheimer Straße. Quelle: Meding
Hannover

Auch am letzten Tag gab es noch wahlweise Steinbutt, Gugelhupf von der Gänseleber oder Stücke vom frischen Apfelkuchen. So, als wäre es kein besonderes Datum. Mittags war eine Trauergesellschaft da, zwei Räume weiter wurde später eine Hochzeit gefeiert: Freude und Leid liegen manchmal dicht beieinander. Und irgendwann in der Nacht, vielleicht war es auch schon heute morgen, hat Gerd Weick dann die Tür der Döhrener Gastwirtschaft Fritz Wichmann zum letzten Mal hinter einem Gast abgeschlossen. Da war es vorbei mit dem Restaurant, das Hannover einst den ersten Stern einbrachte und in den vergangenen Jahrzehnten so viel internationale Prominenz anzog wie nicht viele Lokalitäten der Stadt.

Ute Lemper war da und Udo Jürgens, Katharina Valente und der Fußballer Pele. Bundeskanzler Helmut Kohl hat dort ebenso gespeist wie fast jeder niedersächsische Ministerpräsident von Ernst Albrecht bis zum amtierenden Regierungschef Stephan Weil. Die Besuche von Gerhard Schröder sind Legende. In der Gastwirtschaft Wichmann hielt der Kanzler 2000 einen Rentengipfel ab, vor der Tür interviewten die Fernsehteams etwa Roland Issen (DAG), Dieter Schulte (DGB) oder Frank Bsirske (damals Ötv, heute Verdi).

Und dann war da natürlich das Treffen mit Wladimir Putin am Rande der Hannover Messe im Jahr 2005. Später, in der Verklärung, wurde alles als eher intim dargestellt. Doch: „Da waren hier 100 Leute im Haus“, sagt Weick. „Die Kerndelegation waren 25 Teilnehmer. Die saßen im Hochzeitszimmer, und dann gab es viele Begleiter bis zum Sicherheitspersonal.“ Putin habe später angerufen und sich bedankt - aber beim nächsten Mal wolle er Wodka haben, soll der mächtige Staatsmann zu dem hannoverschen Gastronomen gesagt haben. „Er spricht ja fließend deutsch“, sagt Weick.

Franz Josef Strauß speiste im Kabinett, „sein bayerisches Poltern hat man hier überall gehört“, sagt der Chef. 1992 war Mick Jagger mit seinen Rolling Stones da - und Chris de Burgh. „Der ist eigentlich bei jedem Gastspiel in Hannover hier eingekehrt.“ Nur jetzt im April, da ist der Barde irgendwo anders gewesen. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen: „Wir machen bis zur letzten Minute das volle Programm“, sagt Weick.

Jetzt aber ist „die letzte Minute“ vorbei. Seine Frau Gudrun Weick und er gehen auf die 70 zu, 27 Jahre haben sie die Wirtschaft geführt. In Bissendorf-Wietze wartet ein Haus mit Garten, die Sommerpflanzen sind schon umgezogen, jetzt ziehen die Weicks hinterher. Leicht habe man sich die Suche nach einem Nachfolger nicht gemacht. Auf die Kommunalpolitiker in Döhren sei er „zwischendurch stinksauer gewesen“, gibt Weick zu. Die haben, nachdem Pläne eines Investors zum Abriss des historischen Häuschens bekannt wurden, eine Erhaltungssatzung erlassen, die inzwischen auch den Rat passiert hat und damit rechtskräftig ist. Nichts darf jetzt mehr verändert werden ohne Zustimmung der Verwaltung. Das ist gut, weil so ein historisches Stück des Stadtbilds erhalten bleibt. Weick ärgert sich trotzdem: „An so einem Gebäude muss immer weitergebaut werden, wir haben das auch immer getan.“ Ohnehin wolle der Käufer, eine Firma Waldersee Treuhand, das Ambiente erhalten und wohl eher im rückwärtigen Bereich umbauen. Die Diskussion um die Zukunft des Gebäudes hat Weick den Abschied vergrätzt, das merkt man.

Und trotzdem: Beim Abschiedsrundgang durch das verschachtelte Häuschen kommen überall Erinnerungen hoch. „Dieses Haus hat so viel erlebt“, sagt der Wirt und schwärmt vom Besuch der Prinzessin von Thailand, als sogar in den Toilettenräumen Rosenblüten lagen. Noch bis vor einem Jahr wurde die alte Kegelbahn genutzt, und dann ist da der mächtige Herd, ein Fourneaux Molteni aus Paris, aus schwerem Guss mit Messingapplikationen. Was jetzt daraus wird? Er weiß es nicht. Die Waldersee Treuhand will bald Entscheidungen fällen. Das Haus soll umgebaut werden, ein knappes Jahr lang, und Weick rechnet damit, dass vor allem im vorderen Teil vieles original bleibt - vor allem die Ecke mit den Fotos prominenter Gäste.

Das Personal ist komplett an andere Topadressen vermittelt. Madeleine Gritzo und Stefan Rusche gehen in die Ole Deele nach Burgwedel, Daniel Domwek in Kastens Hotel Luisenhof. Und die Chefs? „Wir haben als Gastgeber die ganze Welt bei uns gehabt“, sagt Weick und berichtet von Einladungen aus der Türkei, aus China und Russland, die er als selbstständiger Gastronom nie annehmen konnte. „Jetzt“, sagt er zum Abschied, „jetzt wollen wir die Welt kennenlernen.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schnell unterwegs für einen guten Zweck: Das Institut für Sportwissenschaft an der Leibniz-Universität Hannover veranstaltet am Mittwoch, 20. Mai, von 16 bis 17 Uhr auf dem Campus am Moritzwinkel den 10. Winklmoos-Spendenlauf.

16.05.2015

Der neue Maschinenbau-Campus der Leibniz-Universität in Garbsen soll erst ein Jahr später bezugsfertig sein, als zunächst geplant. Ursprünglich sollte das Gelände Ende 2017 fertiggestellt werden, nun wird es wohl bis Ende 2018 dauern.

Saskia Döhner 16.05.2015

Seit gut einem Jahr kampieren sudanesische Flüchtlinge auf einem Teil des Weißekreuzplatzes in der Oststadt, um auf vermeintlichen Ungerechtigkeiten des deutschen Asylrechts hinweisen. Bislang wurden sie geduldet, doch zum Jahrestag der Errichtung der Zeltstadt droht die Stimmung rund um das Areal zu kippen.

Tobias Morchner 19.05.2015