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Aus der Stadt Der nach den Sternen greift
Hannover Aus der Stadt Der nach den Sternen greift
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17:13 12.02.2009
Professor Dr. Karsten Danzmann im Institut für Gravitationsphysik Quelle: Rainer Dröse
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Danzmann holt tief Luft und lässt ein lang anhaltendes Brummen vernehmen. Und wie hört sich das Verlöschen eines Doppelsterns an? „Ungefähr so wie das Zirpen einer Grille, der man auf den Schwanz tritt.“ Ob tatsächlich solche Geräusche durchs Weltall hallen, weiß der Uni-Physiker zwar noch nicht genau – doch er hat sie bereits mithilfe komplizierter Berechnungen am Computer simuliert. Und er hat noch viel Größeres vor: Danzmann hofft, eines Tages vielleicht sogar den Urknall, die Entstehung des Universums, erlauschen zu können.

Der 53-Jährige ist ganz in seinem Element. Er sitzt in seinem Büro in der Callinstraße und erklärt mit großer Begeisterung, womit er sich seit 18 Jahren beschäftigt. Dabei fing es schon viel früher an. Als kleiner Junge malte er am liebsten Raketen und Raumschiffe. Später saß er nächtelang mit dem Teleskop im Freien und beobachtete die Sterne. Die Mondlandung 1969 sei dann ein „Schlüsselerlebnis“ gewesen, sagt er. Fortan stand für ihn fest, dass er irgendwie daran teilhaben wollte, die Rätsel des Universums zu lösen. „Ich habe eben eine Vorliebe für große Sachen“, meint er schmunzelnd. Danzmann ist geheimnisvollen Wellen auf der Spur, die durch die Weiten des Weltalls schwingen. Einstein hatte die Existenz dieser Schwerkraftwellen vorhergesagt, die zum Beispiel entstehen, wenn Galaxien und Sterne zusammenstoßen oder explodieren. Ihr Echo wollen Danzmann und sein Team vom Albert-Einstein-Institut der Uni aufspüren. Sie haben hochempfindliche Apparaturen gebaut, die die winzigen Schwingungen orten und akustisch wahrnehmbar machen sollen. Weltweit ist das noch niemandem gelungen. Schaffen es die hannoverschen Physiker, hätten sie den Universalschlüssel zu den Geheimnissen des Alls in der Hand. Danzmann ist fest entschlossen, das bahnbrechende Experiment zum Erfolg zu führen: „Ich kann sehr hartnäckig sein und habe einen langen Atem.“

Auch Zielstrebigkeit zeichnet ihn aus. Nach dem Studium in Clausthal und Hannover promovierte er schon mit 25 Jahren und ging dann in die USA. Er wurde Professor an der Stanford University. Seine Frau Ina folgte ihm, die Kinder Lisa und Lars wurden geboren, und die Familie plante eigentlich, im sonnigen Kalifornien zu bleiben. „Wir waren schon amerikanisiert.“ Doch dann traf er auf einem Kongress den Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in München – und der ließ nicht locker, bis Danzmann sich 1990 zur Rückkehr nach Deutschland entschloss. Der Herausforderung, die damals noch als obskures Randgebiet geltende Forschung nach Gravitationswellen voranzutreiben, konnte er nicht widerstehen. Drei Jahre später bekam die hannoversche Uni den experimentellen „Ableger“ des Münchener Instituts – mit Danzmann als Chef.

Längst hat er sein Institut zur international renommierten Forschungsstätte gemacht. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er in Ruthe bei Sarstedt den Laserdetektor „Geo 600“ gebaut, einen von weltweit vier irdischen „Horchposten“ ins All, dessen technisches Innenleben Vorbild für die Kollegen in den USA, Japan und Italien ist. Doch die Forscher wollen höher hinaus: Danzmann ist einer der federführenden Wissenschaftler für eine Satellitenmission, die die Weltraumbehörden Nasa und Esa im Jahr 2018 planen, um die Wellen direkt im All aufzuspüren. Nicht zufällig trägt dieses Unterfangen den Namen „Lisa“. Danzmann hat es nach seiner heute 21-jährigen Tochter benannt. „Die findet das witzig“, erzählt er. Auch die wissenschaftliche Gemeinschaft war einverstanden, weil die vier Buchstaben die Abkürzung für den vollständigen englischen Titel der Mission „Laser Interferometer Space Antenna“ wiedergeben. „Dafür musste ich etwas tüfteln“, sagt Danzmann. Das macht ihm Spaß. Wissenschaft hat für ihn immer auch etwas mit Kreativität zu tun.

In seinen Vorlesungen beweist er echte Entertainerqualitäten. Mit Witz und Charme verbreitet Danzmann, meist in Schwarz gekleidet, Begeisterung für sein Fach. Am Institut heißt es, im Hörsaal säßen wegen des smarten Professors auch deutlich mehr Studentinnen als anderswo an der Fakultät. Er lässt Bollerwagen kollidieren, um den Energietransport gemäß Newton zu demonstrieren. Oder er schickt Laserstrahlen durch den Raum, um das Thema Lichtgeschwindigkeit zu veranschaulichen. Und in der Lektion über physikalischen Auftrieb ist sich Danzmann nicht zu schade, als Preisrichter den schnellsten Papierflieger zu küren. „Wer die Inhalte begreifen will, muss sein Gehirn aber auch mal quälen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Meist gegen Mitternacht kontrolliert der viel beschäftigte Forscher an seinem Schreibtisch zu Hause in Garbsen noch einmal seine Mails, der Kontakt zu den Kollegen in den USA macht die ungewöhnlichen Arbeitszeiten erforderlich. Den Satz „Dafür habe ich keine Zeit“, mag er nicht. „Jeder bestimmt sein Leben selbst“, lautet seine Devise. Zur Entspannung setzt er sich abends ans Klavier, das er seit 1969 besitzt. Zum Segeln auf dem Steinhuder Meer oder zum Fliegen mit seiner einmotorigen „Piper“ komme er zu selten, räumt er ein. Doch täglich eine Stunde Sport ist Plicht für den früheren Marathonläufer. „Ich will 120 Jahre alt werden“, kündigt Danzmann an, der 1955 geboren wurde – in dem Jahr, in dem Einstein starb. Ein Zufall, sagt der Wissenschaftler. Gleichwohl hat er sozusagen das Erbe des legendären Physikers angetreten. Und wenn er mit seinen Kollegen tatsächlich die mysteriösen Wellen aufspürt, wären auch sie aussichtsreiche Kandidaten für einen Nobelpreis. Die ungelösten Rätsel des Universums aber würden noch Generationen von Forschern beschäftigen, stellt Danzmann klar. „Wir kratzen da erst an der Oberfläche.“

Von Juliane Kaune

Juliane Kaune 10.02.2009
07.02.2009