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Aus der Stadt Detektiv zahlt Rollstuhlfahrer das Diebesgut
Hannover Aus der Stadt Detektiv zahlt Rollstuhlfahrer das Diebesgut
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09:51 28.06.2014
Von Michael Zgoll
Eine gutherzige Geste: In einem Warenhaus am Raschplatz hat der Kaufhausdetektiv einem Ladendieb die Beute bezahlt. Quelle: Behrens
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Hannover

Der Warenwert ist nicht hoch, er beträgt gerade einmal 4,27 Euro für eine Lasagne und zwei Liter Milch, doch unüblich ist die Unterstützung allemal. In dieser Woche trafen sich Dieb und Detektiv im Amtsgericht wieder. Und obwohl der 34-jährige Angeklagte schon 21 Vorstrafen auf dem Kerbholz hat, stellte Richter Koray Freudenberg das Verfahren wegen des Diebstahls geringwertiger Sachen ein.

Das kleine Drama um Lasagne und Milchtüten spielt sich Mitte Februar bei Kaufland am Raschplatz ab. Der Mann, der die Lebensmittel ohne Bezahlung mitgehen lassen will, sitzt im Rollstuhl. In mancherlei Hinsicht verkörpert der 34-Jährige das, was in der Literatur als „menschliches Wrack“ bezeichnet wird. Er ist seit mehr als 15 Jahren heroinabhängig und akut an Aids erkrankt. Er lebt mit Hepatitis B und C, hat bereits mehrere Hirninfarkte erlitten und wird gelegentlich von Spasmen geschüttelt.

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Doch ohne Eigentumsvergehen kommt er offensichtlich schon länger nicht mehr durchs Leben, erst im Januar dieses Jahres ist er vom hannoverschen Amtsgericht wegen Diebstahls in 15 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Ohne Bewährung. Doch weil das Urteil bei dem todkranken Mann als nicht vollstreckungsfähig angesehen wurde, ist er wieder auf Achse. Sollte er das Stehlen nicht lassen und sollte sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtern, wird er wohl bald im Haftkrankenhaus landen.

Im Amtsgerichtsverfahren dieser Woche ist Richter Freudenberg natürlich neugierig, was den Detektiv bewogen hat, dem Dieb Lasagne und Milch zu „spendieren“. Der Kaufland-Aufpasser, 70 Jahre alt und mit viel Berufserfahrung gesegnet, spricht von Mitleid. „Ich habe das gemacht, weil der Mann im Rollstuhl so geweint hat“, erzählt er. Natürlich habe er den Diebstahl melden müssen, sonst hätte er ja seinen Arbeitsplatz gefährdet. Aber einem anderen, schwerkranken Menschen als Privatmann etwas schenken – das stehe auf einem anderen Blatt.

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