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Aus der Stadt „Snooker ist kein Freizeitsport“
Hannover Aus der Stadt „Snooker ist kein Freizeitsport“
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02:16 18.06.2015
Von Sabrina Mazzola
Meisterlich: Phil Barnes nimmt Maß. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

Einen Bierbauch? Alle klopfen sich prüfend auf die Körpermitte. „Hat keiner von uns“, sagt Snookerspieler Sascha Breuer zufrieden. Und obwohl die fünf Männer das Klischee des typischen Snookerspielers mit Halbglatze und Bauchansatz nicht erfüllen, sind sie die Besten: Die Spieler vom DSC Hannover sind gerade deutscher Meister im Snooker geworden.

Ihr Trainingsort, der Snookerclub Breakpoint am Lister Kirchweg, sieht von innen und außen so wenig glamourös aus, wie man es von einer Randsportart erwartet. Draußen: Industriegebiet mit Autohandel und günstigen Supermärkten. Drinnen: Bratwurst für 1,50 Euro und Bier für 1,60 Euro. An Dartscheiben vorbei geht es zu den Billard- und Snookertischen. Es ist kühl, das grelle Licht, das auf die Tische fällt, lässt den schlauchartigen Raum grün leuchten. Und der graue Teppich mit den kleinen bunten Punkten sieht aus wie ein Schutzfleece, das jemand beim Renovieren liegengelassen hat.

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Doch Sascha Breuer hat kein Auge dafür. Konzentriert fixiert der 21-Jährige den Ball, um ihn dann mit einem kurzem, gezielten Stoß zu versenken. „Snooker ist kein Freizeitsport“, sagt er sehr ernst. „Die Regeln sind kompliziert, man braucht eine solide Grundtechnik, eine gute Auge-Hand-Koordination und vor allem viel Geduld und Durchhaltevermögen.“ Die Regeln des Sports sind kompliziert, und der im Vergleich zum Billard größere Tisch in Verbindung mit kleineren Kugeln macht Anfängern das Leben schwer. „Das ist erstmal abschreckend, weil man am Anfang kaum einen Ball trifft. Für Snooker muss man also ein bisschen verrückt sein“, sagt Mannschaftsmitglied Phil Barnes, der vier- bis fünfmal in der Woche trainiert.

Ein erfolgreicher Spieler braucht vor allem Konzentration und Erfahrung - wie beim Schach gibt es unendlich viele Möglichkeiten für den nächsten Zug, um das nächste „Bild“ für den Gegner möglichst ungünstig zu gestalten.

Die meisten der hannoverschen Spieler trainieren dafür im Breakpoint beim DSC Hannover. Der Deutsche Snooker Club entstand im Jahr 1985 - er war der erste in Deutschland. Die sieben Männer macht das stolz, denn sie investieren viel in ihr Hobby: In der ersten Bundesliga, die aus acht Mannschaften besteht, sind einmal im Monat Turnierspiele, immer an beiden Tagen eines Wochenendes. Und es dauert: Ein Bundesliga-Spieldurchgang benötigt drei bis sechs Stunden. Und auch die Spieler in der Liga widersprechen dem Klischee der alten Herren: Die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. „Das muss auch so sein, irgendwann kann man das Niveau geistig sonst nicht mehr halten“, sagt Lars Wellmann.

Einmal in der Woche trifft sich das gesamte Team zum Training im Breakpoint - aber alle trainieren öfter, weil sie auch in Einzelwettkämpfen antreten. Beim Termin an diesem Tag sind die Spieler deshalb heute nur zu fünft, denn zahlen müssen Sascha Breuer, Phil Barnes, Christoph Gawlytta, Lars Wellmann, Julian Matthias, Felix Frede und Jörg Schneidewindt das selbst. „Wir haben leider keinen Sponsoren. Snooker ist in Deutschland ein Randsport, damit verdient man kein Geld“, sagt Barnes und schießt gleich darauf raketenartig einen Ball in die Versenkung.

Sport für Gentlemen

Snooker wurde 1875 in Indien von britischen Offizieren als Abwandlung des Billards erfunden. Daher rührt auch die hehre Tradition: Snooker ist ein sogenannter Gentlemansport. Gespielt wird in Hemd und Weste, Fouls sind von jedem Spieler selbst anzuzeigen – egal ob ein anderer das Foul bemerken würde oder nicht. Der Präzisionssport kam zu seinem Namen, weil „to snooker somebody“ bedeutet, jemanden zu sperren oder zu behindern. Snooker boomt vor allem in Großbritannien. In Deutschland gibt es rund 6000 Vereinsspieler, davon 80 in Hannover.

Der Zuschauermangel liegt vor allem am Platzproblem. Zwar werden die Spiele der großen Turniere im Sportfernsehen übertragen, Zuschauer vor Ort haben es aber schwer. „Zwischen den Tischen ist genauso wenig Platz wie hinter den Tischen. Wir haben ja keine Tribüne, deshalb ist bei unseren Spielen das Beobachten sehr kompliziert“, sagt Breuer bedauernd.

Der angehende Versicherungskaufmann gehört zu den erfolgreichsten Einzelspielern des Teams - er war schon in Malta, Serbien und Dubai. „Ein Teil der Kosten wurde da aber zum Glück vom Dachverband übernommen“, sagt Breuer. Sein größter Erfolg war bislang der fünfte Platz bei der U21-Europameisterschaft in Rumänien.

Auch wenn er viel Geld investieren muss - der Sport fasziniert ihn noch wie am ersten Tag. „Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, wir waren damals eine Gruppe von 14 Jugendlichen, die hier trainiert haben. Bis auf Lars und Phil, die später dazukamen, spielen wir seit acht Jahren in der gleichen Konstellation“, erzählt er stolz. Am Anfang übten sie fünf bis sechs Stunden täglich, jetzt kommt Sascha nur noch einmal pro Woche zum Training. „Das Grundniveau verliert man nie in seinem Leben, und eine Profikarriere ist teuer, da ist mir die Ausbildung erstmal wichtiger“, sagt Breuer.

Doch eines will er niemals aufgeben: die Haltung. „Biertrinken beim Training geht gar nicht. Das ist ein Sport. Fußballer gehen ja auch nicht benebelt auf den Rasen“, sagt er und zeigt auf seine Cola. Ein letztes Mal streckt er sich, legt sich über den halben Tisch, um den letzten Ball zu versenken. „Das ist Snooker“, sagt er stolz: „Bodenturnen und Bälle lochen“.

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