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Aus der Stadt Deutschland entdeckt mal wieder Hannover
Hannover Aus der Stadt Deutschland entdeckt mal wieder Hannover
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09:50 08.03.2011
Von Reinhard Urschel
Vor dem Sieg Bayer Lverkusens war Hannover 96 nach dem Sieg gegen Bayern München für einen Tag "Spitzenzweiter" und in Deutschland plötzlich Gesprächsthema Nummer eins. Quelle: Ulrich zur Nieden

Amerika ist nicht nur einmal entdeckt worden, wie die Menschheit heute weiß, sondern immer mal wieder. Christoph Kolumbus (1492) ist nur einer von vielen Entdeckern, zu denen ein gewisser Giovanni Caboto, ein Amerigo Vespucci, Leif Eriksson und wahrscheinlich auch Rackham der Rote gehören. Insofern ist das, was dieser Tage wieder einmal der niedersächsischen Stadt Hannover widerfährt, nichts Ungewöhnliches in der neueren Geschichtsschreibung.

Als Folge eines sporthistorisch einigermaßen spektakulären Ereignisses des vergangenen Wochenendes erlebt die Stadt mit den Postleitzahlen 30159 bis 30669, der Telefonvorwahl 0511, dem Kfz-Kennzeichen H und dem Gemeindeschlüssel 03 2 41 001 zum wiederholten Mal das Schicksal der Neuen Welt: Sie wird wiederentdeckt von Leuten, die dabei so tun, als seien sie die Ersten, die dem Rest der Welt Kunde geben von einer unerforschten Kultur.

Hätten wir eine Doktorarbeit zu schreiben über dieses nicht ganz uninteressante, vermutlich von den Medien entfachte Phänomen, und hätten wir dafür nicht sieben Jahre Zeit wie der Doktorand Karl-Theodor zu Guttenberg, sondern, sagen wir, nur den Nachmittag des Rosenmontags, dann würden wir es gleichwohl anstellen wie dieser. Ein gut funktionierender wissenschaftlicher Dienst im Büro und eine gründliche Überprüfung der Quellenlage bei Google schürfen rasch die Erkenntnis heraus, dass die Entdeckung Hannovers in zeitlichen Intervallen unterschiedlicher Dauer geschieht.

Die großen Leitmedien, wie die Hamburger „Zeit“, die „Welt“, die „FAZ“, die ferne „Süddeutsche“ gar oder die Hauptstadtblätter „Tagesspiegel“ und „B.Z.“ haben über die Jahre immer wieder Namen und Ereignisse aufgespürt, die ihnen zur exklusiven Wiederentdeckung Hannovers Anlass gaben: die Expo zum Beispiel, die Rockgruppe „Scorpions“, die Politiker Gerhard Schröder und Christian Wulff, die Frohnaturen Lena Meyer-Landrut und Margot Käßmann.

Die Abstände der Wiederentdeckung werden immer kürzer. Jetzt reicht schon ein Sieg des ortsansässigen Fußballsportvereins mit dem Gründungsjahr 1896 über einen weit jüngeren Club von Parvenüs aus der an Parvenüs reichen Stadt München – schon wird der Journalistenpoesie unter Überschriften wie „Angriff aus der Stadt der Scorpions“, „Dichter, Denker, Durchschnittsbürger“, „Phänomen von der Leine“, „Aufstieg einer Provinzstadt“, oder gar „Hannover – unsere heimliche Hauptstadt“ ein neues Kapitel hinzugefügt.

Es sind Kulturberichte, die erstellt werden: dass dort Menschen leben in dieser Stadt, dass sie Deutsch sprechen, dass es Straßen gibt und Plätze. Die Wucht der Erkenntnisse, die diesen Forschungsberichten über die Stadt entspringen, lässt sich in einen Satz bündeln: „Und sie bewegt sich doch“ (Fußnote: siehe auch Galileo Galilei über die Erde). Selbst dem nichthabilitierten Quellenforscher fällt bald auf, dass in all diesen Berichten schwer geguttenbergt wird. In jeder zweiten Geschichte wird Hannover zum Rübenacker erklärt, der Dichter Gottfried Benn als Quelle meist genannt. Dem Satiriker Wiglaf Droste müssen als Urheber einer Stadtbeschreibung schon die Ohren klingeln, so oft kann man ihn lesen: „Wenn’s dir in Hannover gefällt, dann gefällt’s dir überall.“ (Fußnote: Von Frank Sinatra und New York hat der Mann wahrscheinlich noch nie etwas gehört.)

Hannover wird ausgiebig als langweilig, erstarrt, mundartlos, platt, mittelmäßig beschrieben, sodass jeder Mensch, der es schafft, sich über diese Ödnis zu erheben, wirken muss, als komme er direkt aus einer Höhle im Hochland von Kappadokien. Ab und an schafft jemand diesen Schritt aus der Stein- in die Neuzeit. Dann kommen die hochentwickelten Wesen aus den Metropolen und schauen sich um auf dem Rübenacker, völlig baff, was da so alles wächst. Am Tag vor dem Fußballspiel schrieb das Weltblatt „Tagesspiegel“: „Lena Meyer-Landrut hat Hannover so populär gemacht wie Boris Becker einst Leimen.“ Ja, so wird es wohl gewesen sein, dass, hätte ein Mann namens Stefan Raab nicht Lena erfunden, Hannover ein weißer Fleck auf der Landkarte geblieben wäre, so wie Leimen vor Boris ein Fliegenschiss war in der oberrheinischen Tiefebene.

Nun also ist es ein Fußballverein mit der Kennziffer 96, der die Welt Anteil nehmen lässt an dem unerforschten Kontinent in der Norddeutschen Tiefebene. Sollte es nicht klappen mit der Champions League, wird dort bald jemand bei Rot über die Ampel fahren müssen oder so, damit der Flecken Erde nicht dem Vergessen anheimfällt.

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