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Aus der Stadt Dezernent: Kein Alkohol an Jugendliche
Hannover Aus der Stadt Dezernent: Kein Alkohol an Jugendliche
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22:59 01.01.2010
Von Gunnar Menkens
„Mehr Fun – weniger Alkohol“ heißt Hannovers Jugendschutzprojekt, das im November auch auf die Sportvereine ausgedehnt wurde.
„Mehr Fun – weniger Alkohol“ heißt Hannovers Jugendschutzprojekt, das im November auch auf die Sportvereine ausgedehnt wurde. Quelle: Dröse
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Hannovers Sozialdezernent Thomas Walter (CDU) fordert vom Bund scharfe Maßnahmen gegen den übermäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher. Neben einem bundesweiten Werbeverbot für Alkohol hält der Stadtrat es für geboten, dass der Gesetzgeber den Verkauf von Getränken wie Bier, Wein und Sekt an unter 18-Jährige untersagt. Walter reagiert damit auf eine Zwischenbilanz des hannoverschen Präventionskonzepts, mit dem die Stadt, gemeinsam mit anderen Institutionen, Kinder und Jugendliche auf oft tödliche Gefahren von Alkoholmissbrauch aufmerksam macht.

Aufklärung und Warnungen in Schulen und Vereinen allein genügen nach Ansicht des Sozialdezernenten nicht. Kommunale Strategien müssten durch „deutliche Maßnahmen“ auf Bundesebene unterstützt werden, sagte Walter. „Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass Alkohol als gesellschaftliches Problem nachhaltig nur an seinen Wurzeln bekämpft werden kann, nämlich seiner breiten gesellschaftlichen Akzeptanz.“ Das Verbot vom Tabakwerbung habe gezeigt, dass solch eine Maßnahme Wirkung zeigen könne.

Nötig sei auch eine deutschlandweit angelegte „Vorbildkampagne“, um Alkoholkonsum aus Medien und Veranstaltungen zu drängen. Auf Walters Initiative wird sich demnächst der Deutsche Städtetag mit Vorbeugestrategien beschäftigen.

Im Kinderkrankenhaus auf der Bult hat man unterdessen festgestellt, dass die meisten jungen Menschen nicht bei öffentlichen Großveranstaltungen wie etwa dem Maschseefest betrunken aufgegriffen werden. Befragungen von stationär behandelten Kindern und Jugendlichen ergaben, dass nur elf Prozent aller eingelieferten Patienten bei Massenfeiern erheblich zu viel Alkohol getrunken hatten. In beinahe der Hälfte der Fälle hatten sich Jugendliche auf öffentlichen Plätzen so heftig betrunken, dass sie in die Klinik eingeliefert werden mussten. Alkoholexzesse bei privaten Treffen waren in mehr als einem Drittel aller Fälle Grund für Einlieferungen mit dem Rettungswagen. Den geringsten Anteil, kaum vier Prozent, machte der Konsum hochprozentiger Getränke bei Diskothek- oder Konzertbesuchen aus.

Die Zahl der stationär behandelten Kinder und Jugendlichen hat sich seit 2005 nahezu verdoppelt. Damals wurden 133 Patienten versorgt, im Jahr 2008 musste das Personal 218 jungen Menschen helfen. „Auf diesem Niveau bewegt sich auch das Jahr 2009“, sagte Thorsten Wyngold, Chefarzt im Ambulanz- und Aufnahmezentrum der Kinderklinik.

Ringen um jedes Promille

Dies ist der Trick: Ein oder zwei Jugendliche mieten eine komplette Diskothek, laden übers Internet und Handzettel zur Party ein, erklären das Ganze zur geschlossenen und privaten Veranstaltung und glauben, damit Regeln des Jugendschutzes aushebeln zu können. Frank Woike, städtischer Jugendschützer, kennt solche Abitur- und „Schools out“-Feiern, und er weiß aus eigener Anschauung: „Da wird sehr heftig getrunken.“ Hochprozentiges werde oft billig an Minderjährige verkauft, die Zahl der Erziehungsbeauftragten stehe oft in keinem Verhältnis zur Zahl der Jugendlichen. Im vergangenen Jahr tauchten Woike und Kollegen bei drei solcher Feiern in Diskotheken auf und erklärten die Party für beendet. Einmal kamen auf zehn formell Erziehungsbeauftragte 170 Jugendliche.

Die Kontrollen gehören zum Alkoholpräventionskonzept, das die Stadt Hannover vor zwei Jahren begann. Man war sich damals nicht ganz schlüssig im Rathaus, ob man die neue Kampagne wirklich so nennen sollte: „Mehr Fun – weniger Alkohol.“ Schließlich hört sich das ein bisschen so an, als wäre Spaß ohne Rauschgetränke nicht recht möglich – aber so war es vom Amt natürlich nicht gemeint. Man wollte Jugendlichen in Schulen und Vereinen nur nicht pädagogisch und zeigefingerhaft daherkommen. Über Gefahren wollten Woike und Mitarbeiter aufklären, Gespräche aber nicht mit bedingungslosen Null-Toleranz-Forderungen eröffnen.

Zum Jahresende hat die Stadt jetzt eine vorläufige Bilanz vorgelegt. Die Verwaltung würde das Projekt gerne fortsetzen, wenngleich sie sich selbst an den Grenzen des Leistbaren sieht. In zehn Schulen waren die Mitarbeiter unterwegs, wo sie in sechsten bis zehnten Klassen rund 3500 Schüler pro Jahr erreichten. Gemeinsam mit dem Stadtsportbund hat die Verwaltung zehn Jugendmannschaften im Handball und Fußball gefunden, die verbindliche Regeln zum Umgang mit Alkohol erarbeiten. 800 Fans von Hannover 96 fahren zu Auswärtsspielen regelmäßig im Waggon ohne Alkohol.

Zur Vorbeugung kommt Kontrolle. Mehr als 230-mal statteten Mitarbeiter von Jugendamt und Polizei Verkäufern in Tankstellen, Kiosken und Supermärkten Besuche ab. In mehr als 100 Fällen wurde Alkohol an minderjährige Testpersonen abgegeben – illegal. Die Stadt schickte Bußgeldbescheide. Es gab Proteste und Prozesse, aber die Kommune gewann jedes von Geschäftsleuten angestrengte Verfahren. Beim Verband der Tankstellenbesitzer und dem Einzelhandelsverband soll es nun „Überlegungen“ geben, Altersgrenzen besser zu beachten. Als Erfolg wertet Sozialdezernent Thomas Walter auch, dass Wirte häufig davon abgehalten werden konnten, Alkohol so billig zu verkaufen, dass die Angebote den inzwischen verbotenen Flatrate-Partys gleichgekommen wären.

Aber nicht alles läuft wie erhofft. Woike erzählt, dass sich Eltern kaum für Informationen zum Thema Alkohol interessierten – jedenfalls war dies in den besuchten Schulen so. Dort sollten Projekttage von Elternabenden begleitet werden, Schulleiter mussten manche Abende aber sogar absagen. „Der Zuspruch war häufig frustrierend“, sagt Woike. Nach zwei Jahren Informationskampagne heißt es in der schriftlichen Bilanz: „Die Einbeziehung der Erwachsenen ist das Hauptproblem in der Alkoholprävention.“

Weiter im Konzept

Das Vorsorgekonzept „Mehr Fun – weniger Alkohol“ soll fortgesetzt und erweitert werden. Mitarbeiter des Jugendschutzes wollen auch Grundschulen und Horte besuchen, und geht es nach der Stadtverwaltung, soll das Land Niedersachsen den Umgang mit Alkohol zum Pflichtstoff der achten Klassen erklären. Dafür will man im Rathaus modellhafte Unterrichtsstunden vorbereiten, ein Fortbildungsangebot soll sich an Lehrer richten. Um Eltern besser als bisher zu erreichen, denkt die Verwaltung an eine Informationskampagne, um über vorbildhafte Erwachsene Jugendliche und Erziehungsberechtigte anzusprechen.

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