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Aus der Stadt Diakonie: Hartz IV hat nichts verbessert
Hannover Aus der Stadt Diakonie: Hartz IV hat nichts verbessert
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00:15 21.02.2015
Von Veronika Thomas
Pflege und nun? Christiane Simon rutschte vor drei Jahren in Hartz IV. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

niedersachsenweit gebe es mittlerweile 2500 Zeitarbeitsunternehmen. „Die Langzeitarbeitslosigkeit ist weiterhin auf hohem Niveau, dafür hat die unsichere Beschäftigung in Form von Minijobs, Befristungen, Leiharbeit und Teilzeit unter 20 Wochenstunden extrem zugenommen“, beklagte Christoph Künkel, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen.

„Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer“, stellte Künkel fest. 134.000 Menschen in Niedersachsen (25.200 in der Region Hannover) seien trotz Arbeit arm und als Geringverdiener auf Sozialleistungen angewiesen. Dafür müsse das Land jährlich eine Milliarde Euro aus Steuermitteln aufwenden, um die niedrigen Löhne aufzustocken. „Das ist eine Quersubventionierung bestimmter Branchen, die auf dem Rücken von Menschen ausgetragen wird.“ Seit Beginn der Hartz-IV-Gesetze liege die Zahl der Langzeitarbeitslosen landesweit stabil bei 410.000, allein in der Region Hannover sind es 57.000.

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Besonders dramatisch sei die Lage der landesweit 239.000 Alleinerziehenden, davon 6400 in der Landeshauptstadt. 66 Prozent von ihnen, das sind 106.000 in Niedersachsen, seien von Armut bedroht, 30 Prozent von ihnen müssten trotz Berufstätigkeit Sozialleistungen in Anspruch nehmen. „Wir merken diese Schieflage in unseren 400 Beratungsstellen, weil die Anfragen nach materieller Unterstützung zunehmen“, sagte Künkel.

Christiane Simon rutschte vor drei Jahren in den Bezug von Hartz-IV-Leistungen. Seinerzeit sei sie kurz davor gewesen, sich als Floristin selbstständig zu machen, erzählte gestern die alleinerziehende siebenfache Mutter.

Wegen ihrer schwerstpflegebedürftigen Mutter, die rund um die Uhr betreut werden müsse, habe sie ihre Arbeit aufgeben müssen. Seitdem lebt sie von Pflegegeld, Arbeitslosengeld II und Kindergeld - drei Kinder im Alter von 14 bis 22 Jahren lebten noch zu Hause. „Manchmal kommt meine Mutter ins Krankenhaus, dann fällt für diese Zeit das Pflegegeld weg“, erzählt die 52-Jährige. Für sie sei das eine schwierige Situation. Was ihr aber am meisten zu schaffen mache, sei ihre berufliche Perspektive. Obgleich sie sich von ihrem Jobcenter gut betreut fühle, ließen sich Pflege und Qualifizierungsmaßnahmen nur schwer miteinander vereinbaren. „Ich weiß nicht, wie ich später wieder in den Job kommen soll.“

Diakoniesprecher Künkel fordert, die individuelle Situation Langzeitarbeitsloser wie im Fall von Christiane Simon stärker zu berücksichtigen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine noch laufende Studie von Antje Bednarek-Gilland vom sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie begleitet 22 Langzeitarbeitslose aus Ost- und Westdeutschland, die in Beschäftigungsmaßnahmen arbeiten. Ihre erste Bilanz: Sofern sie von den Betroffenen freiwillig ausgewählt und als sinnvoll erachtet würden, hätten Ein-Euro-Jobs durchaus positive Effekte.

Sie stärkten das Selbstvertrauen Langzeitarbeitsloser, könnten verloren gegangene Kompetenzen reaktivieren und würden als Herausforderung betrachtet, wenn sie dabei Neues lernen könnten. Einige der Befragten würden gern länger in den Maßnahmen bleiben, doch sie seien immer befristet. „Innerhalb von fünf Jahren werden maximal drei Maßnahmen von der Dauer eines Jahres gewährt“, sagte Bednarek-Gilland.

Diakoniechef Künkel forderte, mehr öffentliche Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, anstatt die Langzeitarbeitslosen zum Spielball von Beschäftigungsmaßnahmen zu machen. „Arbeit gibt es genug.“ Künkel regte außerdem an, die Sanktionen gegenüber Hartz-IV-Empfängern zurückzufahren. „Es ist wissenschaftlich nicht erwiesen, dass sich dadurch irgendetwas ändert.“

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