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Aus der Stadt Arbeit hinter dicken Mauern
Hannover Aus der Stadt Arbeit hinter dicken Mauern
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00:15 11.05.2015
Von Tobias Morchner
Aus dem Lager von Schlossermeister Lothar Kloos (oben) können sich die Kunden ihren Wunschgrill direkt aussuchen.
Aus dem Lager von Schlossermeister Lothar Kloos (oben) können sich die Kunden ihren Wunschgrill direkt aussuchen. Quelle: Krajinović
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Hannover

Die Säge kreischt, das Schweißgerät faucht, die Musik aus dem Radio in einer der Ecken der Werkstatt ist nicht mehr zu hören. Matze zieht sich die Schutzbrille über das Gesicht. Kollege René erklärt ihm noch einmal genau, wo er die Schweißnaht zu setzen hat. Dann legt Matze los. Wenigstens dieses Stück des Zauns wollen die beiden heute noch vor Feierabend fertigbekommen. Doch wenn sie ihr Tagwerk vollendet haben, läuten sie ihre Freizeit nicht mit einem gemütlichen Bier in einer Eckkneipe ein oder treffen sich zu Hause mit Freunden zum Fußballgucken. Matze und René werden Abend für Abend in ihre Zellen gebracht, die sie erst am nächsten Morgen wieder verlassen dürfen, wenn es wieder zur Arbeit geht. Gemeinsam mit zehn anderen Kollegen arbeiten die beiden in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt Hannover.

Grills, Zäune und Skulpturen: Die Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt schweißen, flexen, löten und schrauben in der Schlosserei

Wenn die beiden Strafgefangenen und ihre Kollegen nicht mit der Fertigstellung einer Auftragsarbeit oder mit Reparaturen innerhalb des Gefängnisses befasst sind, dann bauen sie Grills. Gerade in diesen Tagen der bevorstehenden Barbecue-Hauptsaison ist die Nachfrage nach den massiven Metallgeräten groß. Grundsätzlich gibt es sie in vier verschiedenen Ausführungen. Sonderwünsche werden aber stets berücksichtigt. „Hier bauen wir gerade einen Grill für einen Imbiss, bei dem sich unterhalb des Rostes eine Klappe zum Öffnen befindet“, sagt Lothar Klos. Seit 25 Jahren ist er als Meister in der Gefängnisschlosserei tätig. Auf das etwas ungewöhnliche Jobangebot wurde er durch eine Bekannte aufmerksam, die damals bereits in der JVA arbeitete. Grundsätzlich freuen sich er und sein Meisterkollege Thomas Lamsat über jeden Gefangenen, der bei ihnen in der Schlosserei anfangen will – gewisse Vorkenntnisse und Erfahrungen müssen die Bewerber allerdings mitbringen. „Sie müssen schon aus artverwandten Berufen wie Dreher, Werkzeugmacher, Kfz-Mechaniker oder Karosseriebauer kommen, sonst wird es schwer“, sagt Lamsat.

Stein und Metall

Etwas abseits der Grillproduktion hat sich Nils seine eigene kleine Werkstatt eingerichtet. Er arbeitet nur halbtags in der Schlosserei, die Herstellung von Grills war ihm von vornherein zu monoton. Deswegen hat Nils in Absprache mit den Meistern entschieden, in der JVA-Schlosserei etwas anderes zu fabrizieren. Aus Metallstücken und großen Steinen stellt er Skulpturen für den Garten her. Eine Spinne, eine Languste, aber auch Fabelwesen wie einen Drachen oder ein Einhorn hat er schon gebaut. Etwa zwei Wochen benötigt er, bis eine mittelgroße Figur fertig ist. „Ich kann selbst entscheiden, was ich als nächstes mache – das gefällt mir“, sagt er. Wie die Hannover-Grills sind auch seine Arbeiten ausschließlich in der JVA Hannover und nicht über den Internetshop der niedersächsischen Gefängnisse zu erwerben.

Strafgefangene sind dem Gesetz nach zur Arbeit verpflichtet. Deshalb hält die JVA Hannover derzeit insgesamt 448 Arbeitsplätze für die Inhaftierten bereit. Außer in der Schlosserei können die Gefangenen auch in der Tischlerei, der Gefängnisküche und in der Arbeitstherapie unterkommen. Aktuell sind die Arbeitsplätze zu 93 Prozent ausgelastet. Die Aufsicht über alle Arbeitsstätten in den niedersächsischen Gefängnissen hat die Justizvollzugsarbeitsverwaltung (JVAV) des Landes mit Sitz in Celle. Die Behörde betreibt auch den Internetshop der niedersächsischen Haftanstalten. Alle Gewinne aus den Verkäufen der in den Gefängnissen hergestellten Produkte müssen reinvestiert werden. Die JVAV kümmert sich auch um die Beschaffung neuer Maschinen für die einzelnen JVA-Betriebe und um die Materialbeschaffung für die Produktion. „Die JVAV ist sozusagen die Fachaufsicht, jeder einzelne Betrieb arbeitet für das Land Niedersachsen“, sagt Matthias Bormann, der Leiter der JVA Hannover.

Bis zu 180 Grills im Jahr

In der Gefängnisschlosserei braucht Andrzej, ein Kollege von Matze und René, Hilfe an der Schwenkbiegemaschine, mit der einzelne Metallteile für einen Grill in die richtige Form gebracht werden können. Etwa eine Woche lang benötigen zwei Inhaftierte im Durchschnitt, bis Rost, Kohlenschale und das Untergestell samt Füßen fertig sind. 150 bis 180 Grills werden pro Jahr hinter den Gefängnismauern an der Schulenburger Landstraße hergestellt.

Die Arbeit in der JVA soll die Gefangenen auch auf die Zeit nach ihrer Entlassung vorbereiten. „Viele von ihnen sind jahrelang keinem geregelten Tagesablauf gefolgt und müssen sich daran erst wieder langsam gewöhnen“, sagt Schlossermeister Klos. Ab und zu komme es vor, berichtet er, dass sich ein entlassener, ehemaliger Mitarbeiter der Schlosserei per Brief oder Postkarte melde, sich bedanke und davon berichte, dass er tatsächlich einen festen Job gefunden habe. Über derartige Nachrichten freut sich Klos sehr. Denn er kennt auch die andere Seite nur zu genau. „Wie oft kam es schon vor, dass sich ein Gefangener überschwänglich von uns verabschiedet und Besserung gelobt hat – und kurze Zeit später haben wir ihn doch in der Werkstatt wiedergesehen“, sagt der Schlossermeister.

Weitere Informationen zu den Produkten der JVA Hannover finden Sie hier.

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